Es ist fast ein Jahr her, seit sich am 11. Juni 2025 Vertreter von Detailhandel, Verarbeitung, Landwirtschaftsverbänden und Umweltorganisationen zu einem «Runden Tisch Klimamassnahmen in der Landwirtschaft» trafen.
Herausgekommen ist eine Absichtserklärung. Die BauernZeitung hat damals die naheliegenden Fragen gestellt: Was genau sollen die Bauern leisten? Wer entscheidet darüber? Wer zahlt – und wann? Neun Monate später sind diese Fragen offen. Und nun kommt die Sache aufs Politparkett.
Der Bundesrat setzt bislang auf Freiwilligkeit
Am 18. Februar 2026 stellte der Bundesrat sein Aussprachepapier zur Agrarpolitik ab 2030 (AP30+) vor. Darin steht, was seit Monaten hinter verschlossenen Türen verhandelt wird, nun schwarz auf weiss: Der Bund will das gesamte Ernährungssystem nachhaltiger ausgestalten und zwar mittels «Zielvereinbarungen mit dem Detailhandel» und der Förderung «informierter Kaufentscheide». Die Vernehmlassung ist für Herbst 2026 geplant, das Parlament wird sich ab 2027 damit befassen.
Was das Papier aber auch zeigt: Der Bundesrat setzt wie so oft auf Freiwilligkeit. Ob das genügt, um nachhaltige inländische Pflanzenprodukte zu fördern? Wird der Detailhandel freiwillig auf Aktionen für tierische Produkte verzichten? Wird er freiwillig Produkte so platzieren, dass Umwelt-, Gesundheits- und Klimawirkung im Vordergrund stehen?
Die Antwort lautet, wenn man die letzten zwölf Monate anschaut: Nein.
Wandfluh und Badertscher wollen die Privatwirtschaft in die Pflicht nehmen
Genau einen Monat nach dem Bundesrat, am 19. März 2026, haben Nationalrat Ernst Wandfluh (SVP, BE) und Nationalrätin Christine Badertscher (Grüne) gemeinsam eine Motion eingereicht.
Der Auftrag an den Bundesrat: Im Rahmen der AP30+ sollen rechtliche Grundlagen für Zielvereinbarungen mit der Privatwirtschaft – «insbesondere auch mit dem Detailhandel» – geschaffen werden.
Der Motionstext benennt, was in der Praxis längst sichtbar ist: Wirtschaftlicher Druck führt dazu, dass Nachhaltigkeitsziele zugunsten kurzfristiger Preisvorteile abgeschwächt werden. Wenn einzelne Händler auf weniger umwelt- und tierfreundlich produzierte Produkte setzen, tragen die Kosten jene Bauernbetriebe, die in nachhaltige Produktionsmethoden investiert haben.
Fairer und stabiler Rahmen für nachhaltige Produktion
Ohne verlässliche Absatzkanäle und faire Entschädigung verliert die Landwirtschaft die Grundlage, um langfristig so zu produzieren, wie der Markt es von ihr verlangt. Werden verbindliche Ziele definiert, die für alle Händler gelten, entsteht ein fairer und stabiler Rahmen. Und es wird verhindert, dass einzelne Akteure zulasten der Nachhaltigkeit ausscheren.
Der Vorstoss verweist auf die Motion 22.4251, mit der das Parlament den Bundesrat bereits verpflichtet hat, das eigenverantwortliche Engagement der Branche stärker einzubeziehen. Eigenverantwortung ohne Verbindlichkeit hat bisher wenig gebracht.
Was das Bundesamt seit dem Herbst plant
Dass der Druck aufs Parlament nicht vom Himmel fällt, hat die NZZ am Sonntag bereits am 27. Juli 2025 im Artikel «Amtlich verpönt» dokumentiert. Demnach hat das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) im Herbst 2024 sämtliche wichtigen Player im Schweizer Detailhandel an einen runden Tisch eingeladen – Migros, Coop, Aldi, Lidl, Volg und weitere.
Ziel: Der Detailhandel soll Zielvereinbarungen erarbeiten, die auf ein nachhaltigeres Konsumverhalten hinwirken. Zunächst freiwillig. Ab 2030 besteht laut der damaligen BLW-Präsentation jedoch die «Möglichkeit für verpflichtende Massnahmen».
Berichte von starken Eingriffen in die Freiheit der Firmen
Insider berichteten der NZZ am Sonntag, dass das Bundesamt sehr konkrete Vorstellungen hatte, wie diese Vereinbarungen aussehen könnten, und dass die Vorschläge stark in die wirtschaftliche Freiheit der Firmen eingriffen.
In der Präsentation war die Rede von «Produktplatzierung (Anteil nachhaltige Produkte auf Augenhöhe)» und einer «Erhöhung Labelanteile». Fettgedruckt stand der Imperativ: «Handel und Konsum müssen mitmachen!»
Inzwischen, so berichteten Insider der NZZ, sei das Bundesamt von seinen ursprünglich sehr detaillierten Ideen wieder losgekommen und zeige sich offener gegenüber Vorschlägen der Händler. Die Freude des Detailhandels über das, was da auf ihn zukommt, dürfte sich trotzdem in Grenzen halten.
Die Absichtserklärung – und was daraus wurde
Parallel zum BLW-Prozess lief seit dem Sommer 2025 das sogenannte «Klimabündnis Lebensmittel». Im Juni 2025 unterzeichneten Coop, Denner, Migros, Bio Suisse, Emmi, Fenaco, IP-Suisse, Nestlé und der WWF eine fünfpunktige Absichtserklärung: Netto-Null als Fernziel, einheitliche Emissionsfaktoren, standardisierter Datenaustausch, ein Finanzierungsmodell und die Abgeltung der Klimaleistungen der Produzenten.
Verbindlich war keiner dieser Punkte. Ende September 2025 stiessen Aldi und Lidl dazu. Das Konstrukt umfasst seither 23 Unternehmen und Organisationen. Seit Mitte August 2025 arbeiten drei Arbeitsgruppen an der Konkretisierung. Erste Resultate sollten bis Ende 2025 der CEO-Gruppe präsentiert werden. Sie liegen nicht vor.
Detailhändler stehen nicht geschlossen dahinter
Die Detailhändler stehen nicht geschlossen hinter dem Prozess. Coop und Migros verweisen auf die IG Detailhandel und äussern sich nicht. Lidl erklärte gegenüber der NZZ am Sonntag im Juli 2025: «Wir sind der Meinung, dass in Themen, wo die Branche bereits wirksam handelt, eine weitere Verpflichtung durch den Bund nicht zwingend notwendig ist.»
Aldi schrieb, für den Erfolg sei wichtig, dass alle Akteure Zugang zu relevanten Standards und Instrumenten hätten, «wie etwa zum Knospe-Label». Dahinter steckt ein handfester Interessenkonflikt: Aldi darf das Knospe-Label bis heute nicht führen, obwohl der Discounter Produkte von durch Bio Suisse zertifizierten Höfen bezieht.
Nicht anders ist es mit Produkten von IP-Suisse. Im Hintergrund soll Coop als wichtigster Partner von Bio Suisse Druck gemacht haben, berichtete die NZZ am Sonntag. Aldi erhofft sich nun, mithilfe des Bundesprozesses doch noch an die Label zu kommen.
Der Systemkrieg zwischen Klima Star und Punktesystem
Im Januar 2026 wurde an der Gönnertagung der IG Bauernunternehmen in der Werkstatthalle von Daniel Haffa in Mattwil TG deutlich, wie weit die Positionen auseinanderliegen. Migros-Wirtschaftspolitikchef Jürg Maurer stellte dort die Klimastrategie der IG Detailhandel vor – nach einer Einleitung, in der er die sogenannten Flag-Emissionen aus Landwirtschaft und Landnutzung mit mehr als 50 Prozent des CO₂-Fussabdrucks des Migros-Supermarkts bezifferte.
«Das ist kein Vorwurf an die Landwirtschaft, sondern eine Feststellung», sagte Maurer. IG-Präsident Samuel Guggisberg sah das anders: Die Landwirtschaft verursache nicht nur Emissionen, sondern binde in der Kreislaufwirtschaft seit Jahrhunderten CO₂.
Der eigentliche Konflikt liegt aber woanders. Die IG Detailhandel hatte beim renommierten britischen Klimawissenschaftler Richard Sheane untersuchen lassen, ob der Klimarechner der Branchenorganisation Milch «Klima Star Milch» und das Punktesystem von IP-Suisse und Bio Suisse vereinheitlicht werden könnten.
Sheanes Ergebnis, präsentiert an der Mattwiler Tagung: Nein. Die Abweichungen zwischen den Systemen betragen bis zu 20 Prozent. Das ist keine marginale Differenz, es ist vielmehr der Kern des Problems. Denn solange kein gemeinsamer Standard existiert, gibt es keine gemeinsame Messlatte. Und ohne Messlatte gibt es keine Abgeltung.
Was Greenpeace im Februar 2026 schreibt
Wer wissen will, was im laufenden Verfahren tatsächlich läuft, liest das Medienbriefing von Greenpeace Schweiz vom Februar 2026. Es ist derzeit das einzige öffentliche Dokument, das konkret über den Stand der Zielvereinbarung zwischen Bund und Detailhandel informiert, und das sagt bereits alles über die Transparenz dieses Prozesses.
Der Bund hat laut Greenpeace-Briefing beschlossen, die Zielvereinbarung direkt mit dem Detailhandel abzuschliessen. Zu den Verhandlungsparteien gehören aufseiten des Detailhandels Aldi Schweiz, Lidl Schweiz, Volg, Coop, Migros, Denner und Spar. Aufseiten der Industrie die Föderation der Schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien (fial) und Primavera. Aufseiten der Produktion IP Suisse, Bio Suisse und der Schweizerische Bauernverband sowie die Fédération romande des consommateurs (FRC) für die Konsumentenseite.
In einer beratenden Gruppe sitzen unter anderem Proviande, der Schweizer Obstverband, der Verband Schweizer Gemüseproduzenten, Swiss Granum, Gastro Suisse, Mc Donalds sowie die Umweltallianz, der auch Greenpeace angehört.
Nicht erwähnt, ob die Berichte öffentlich zugänglich sind
«Fünf Themenbereiche standen ursprünglich auf dem Programm der Zielvereinbarung: nachhaltige Produktion, Anteil robuster Sorten, Treibhausgasemissionen, pflanzliche Proteine und Ernährung. Laut Greenpeace Schweiz, das als Mitglied der Umweltallianz in der beratenden Gruppe sitzt, wurde das Thema Treibhausgasemissionen im Januar 2026 nach Rückmeldungen aus der Konsultationsgruppe gestrichen.
Was übrig bleibt, sind laut demselben Briefing im Wesentlichen Kommunikationsmassnahmen zu pflanzlichen Proteinen sowie Monitoring und Berichterstattung in den verbleibenden vier Bereichen. Ob diese Berichte öffentlich zugänglich sein sollen, erwähnt das Greenpeace-Briefing vom Februar 2026 explizit als offenen Punkt und hält fest, dass dies «bewusst nicht erwähnt» werde.
Greenpeace’ Forderungen sind klar
Den Detailhändlern stehen für die Umsetzung drei Handlungsfelder zur Verfügung: Sortiment, Preis sowie Information und Vermarktung. Offen bleibt, ob die vereinbarten Ziele konkret oder übergeordnet sein werden, etwa als Gesamtfussabdruck des Sortiments.
«Es fehlen ehrgeizige Ziele für den wichtigsten Hebel für eine umweltfreundliche Ernährung: mehr pflanzliche Produkte», sagt Nico Frommherz, Konsumexperte bei Greenpeace Schweiz.
Was Greenpeace fordert, ist unmissverständlich: ein Proteinziel von mindestens 60 Prozent pflanzlicher Herkunft bis 2035, jährliche Transparenzberichte über das Verhältnis von pflanzlichen zu tierischen Proteinen im Sortiment, kostenwahrere Preise (pflanzliche Alternativen dürfen nicht teurer sein als tierische Proteine). Zudem fordern sie verantwortungsvolles Marketing: Werbung, Aktionen und Rabatte sollen nur noch für pflanzliche Produkte aus der Schweiz eingesetzt werden.
«Coop hat im Jahr 2021 etwa sechsmal mehr Geld in Werbung für Tierprodukte investiert als für vegane Ersatzprodukte, Migros etwa dreimal mehr», sagt Frommherz. «Ein Werbefranken für Tierprodukte verursacht dabei viermal mehr Klimagase als ein Werbefranken für vegane Alternativen.»
Händler wollen keine Wettbewerbsnachteile
Greenpeace hält fest, dass sich freiwillige Massnahmen nicht bewährt hätten. Unter den derzeitigen Marktbedingungen liessen sich Nachhaltigkeitsziele nur erreichen, indem Wettbewerbsnachteile in Kauf genommen würden – eine Zielvereinbarung, die von allen Händlern unterzeichnet würde, würde solche Wettbewerbsnachteile vermeiden.
Als Erfolgsbeispiel verweist Greenpeace auf die Niederlande: Dort hätten sich elf Detailhändler – darunter Albert Heijn, Aldi und Lidl – freiwillig das Ziel gesetzt, bis 2030 60 Prozent pflanzliche Proteine zu verkaufen.
Die niederländische Regierung fördere parallel dazu aktiv den Übergang: Bis 2030 sollten die Proteine in der niederländischen Ernährung je zur Hälfte pflanzlichen und tierischen Ursprungs sein. Der Supermarkt Jumbo habe beschlossen, nicht mehr für Fleisch zu werben.
Zeitplan bis zur AP30+
Der Zeitplan für die Schweiz sieht vor, dass ein erster Entwurf der Zielvereinbarung im Frühjahr 2026 vorliegt, die Unterzeichnung im Herbst 2026 folgt und die Umsetzung 2027 beginnt – zunächst freiwillig, mit der Möglichkeit für verpflichtende Massnahmen ab 2030. Formal müsste die notwendige Rechtsgrundlage für die Zielvereinbarung in der AP30+ geschaffen werden. Genau das verlangen Ernst Wandfluh und Christine Badertscher mit ihrer Motion.
Die Fragen sind die gleichen
Was die vorliegenden Dokumente zusammen zeigen, ist eine Konstellation, in der die Landwirtschaft zwar am Tisch sitzt, aber den Tisch nicht massgeblich bestimmt. Die IG Detailhandel koordiniert den gesamten Prozess des Klimabündnisses – jene, die die Preise machen, moderieren auch die Diskussion darüber, was die Bauern leisten sollen und wie viel das wert ist.
Nestlé sitzt am Tisch. BOM und Agro Impact, die im Sommer 2025 bis jetzt nicht Teil des Bündnisses waren, sitzen mittlerweile in der Steuerungsgruppe. Die Absicht, den Konsum von Tierprodukten strukturell zu senken, steht im Raum – formuliert nicht von der Landwirtschaft, sondern von jenen, die den Wandel moderieren. Wie Betriebe, die seit Generationen auf Tierproduktion ausgerichtet sind, diese Verschiebung wirtschaftlich bewältigen sollen, beantwortet keines der vorliegenden Dokumente.
Auf den Detailhandel jedenfalls baut sich Druck auf: von oben durch den Bund, von der Seite durch das Klimabündnis, und nun auch aus dem Parlament. Ein Jahr nach dem ersten Runden Tisch sind die Grundfragen dieselben wie am Anfang. Wer entscheidet, wer zahlt, wer kontrolliert? Und vor allem: Wann geht endlich etwas? Anscheinend ist bislang nur der Tisch grösser geworden.