Noch bis Ende Januar läuft in der Schweiz die proaktive Wolfsregulierung. Es ist die dritte derartige Regulierung und das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hat Abschussgesuchen von Jungwölfen bzw. der Entnahme ganzer Rudel in den Kantonen Graubünden, Tessin, Waadt, Schwyz, Glarus, St. Gallen, Neuenburg und Wallis zugestimmt. Bis Anfang November 2025 verzeichnete die Stiftung Kora 37 von den Kantonen kommunizierte proaktive Wolfsabschüsse, 23 aus Teilregulierungen und 14 aus Rudelentnahmen.

Weniger geschützte Tiere gerissen, aber mehr ungeschützte

Hingegen zogen die Umweltverbände im Oktober Bilanz zu den Rissen in diesem Jahr. Die Anzahl gerissener Nutztiere pro Wolf nehme weiter ab, schreiben Pro Natura, die Gruppe Wolf Schweiz (GWS), WWF und Birdlife in einer gemeinsamen Mitteilung. «Obwohl es leicht mehr Wölfe gibt als 2024, haben sie diesen Sommer in den meisten Kantonen gleich viel oder weniger Nutztiere erbeutet als im Vorjahr.» 

. Grossraubtiere Älpler geben auf, Hirsche fliehen ins Tal – was ist los im Tessin? Friday, 24. October 2025 Die Umweltverbände machen auf regionale Unterschiede in den provisorischen Statistiken aufmerksam. So seien im Wallis dank effektivem Herdenschutz von 38'000 gesömmerten Schafen nur 316 Tiere bis Oktober 2025 von einem Wolf erbeutet worden, davon 209 ungeschützte. Damit seien 40 geschützte Nutztiere weniger, aber 30 ungeschützte mehr gerissen worden als im Vorjahr. Im Tessin verzeichne man eine Zunahme der Risse, was Pro Natura und Co. auf eine gewachsene Wolfspopulation und eine hohe Anzahl ungeschützter Nutztiere zurückführen.

Zwei Ziele: Zuwachs bremsen und Verhalten steuern

Herbstsession Egal ob im Rudel oder Jagdbanngebiet: Problemwölfe soll man abschiessen können Saturday, 27. September 2025 Die präventive Regulierung von Wölfen hat das Parlament 2022 beschlossen, um die Konflikte zwischen Wölfen und Nutztieren zu mindern. 2023/24 wurden in diesem Rahmen 38 Wölfe präventiv geschossen, 2024/25 waren es deren 92. Beide Jahre waren deutlich mehr Wölfe zum Abschuss freigegeben, als tatsächlich erlegt werden konnten. Der Vollzug erwies sich nicht zuletzt aufgrund von Personalknappheit als schwierig.

Man verfolgt mit der präventiven Regulierung laut Bund zwei Ziele: Es werden Welpen geschossen, um den Bestandszuwachs zu bremsen und zudem die erwachsenen Rudelmitglieder scheuer zu machen. Hinzukommen reaktive Abschüsse nach Rissen geschützter Nutztiere oder wenn Menschen gefährdet sind. Nach zwei präventiven Wolfsregulierungen hat das Bafu im Frühling 2025 eine positive Bilanz gezogen: Das schnelle Wachstum der Wolfspopulation sei gebremst.

90 Abschüsse bewilligt, aber 150 Welpen

Und doch gibt es immer mehr Wölfe in der Schweiz, was auch Bundesrat Albert Rösti angesichts der ergriffenen Massnahmen verwundert, wie er im Parlament sagte. Die GWS liefert in ihrem Newsletter eine Erklärung: Eine starke Zunahme von Abschüssen verhindere keine Ausbreitung, sondern spiegle sie lediglich wider. Das habe eine deutsche Studie bei Waschbären gezeigt, in der Schweiz dürfte es beim Wolf ähnlich sein.

«Den 100 Abschüssen im vergangenen Jahr standen die Geburten von mindestens 130 Wolfswelpen gegenüber», gibt die GWS zu bedenken. Heuer rechne man mit 150 Welpen, bei 90 bewilligten Abschüssen. Ausserdem spiele der Effekt der «kompensatorischen Sterblichkeit»: Zwar liessen die Abschüsse die Welpensterblichkeit kurzzeitig ansteigen, was aber durch den Wegfall anderer Todesursachen wieder kompensiert werde. Insgesamt überleben demnach etwa gleich viele Jungwölfe, wie wenn ein Grossteil Krankheiten oder anderem statt einem Wildhüter zum Opfer gefallen wäre. 

Notlösung versus Wiederherstellen des Gleichgewichts

Wirklich limitierend für das Wachstum der Wolfspopulation sind nach Meinung der Umweltverbände etablierte Rudel, die ihre Territorien verteidigen. Die proaktive Regulierung diene daher nur als Notlösung bei Wölfen, die den Herdenschutz wiederholt überwinden.

«Nur mit einer verantwortungsvollen Regulierung, gezieltem Herdenschutz und politischem Willen kann ein nachhaltiges Zusammenleben zwischen Mensch und Wolf gelingen», so die Haltung des Schweizer Bauernverbands (SBV). Von präventiven Abschüssen verspreche man sich die Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen Artenschutz und ländlicher Lebensrealität.

Noch keine wissenschaftlichen Analysen zur Wirkung

Abo Grossraubtiere Biologe Marcel Züger erwartet eine Zunahme der Wolfsrisse Friday, 19. September 2025 Welche Rolle die proaktive Regulierung in der Stabilisierung der Risszahlen in der Schweiz spielt, sei aufgrund der bisher dünnen Datenlage noch unklar, schreiben die Umweltverbände. Aus Sicht des Bundes muss sich der Einfluss dieser Massnahme sowohl auf die längerfristige Bestandsentwicklung als auch das Verhalten der heimischen Wölfe erst noch zeigen. Die Stiftung Kora, die in der Schweiz mit Überwachung, Information und Behördenberatung rund um Wölfe betraut ist, schliesst sich dem an. Zur Frage der von GWS vermuteten «kompensatorischen Sterblichkeit» äussert sich Kora nicht. Sie verweist auf Anfrage auf ein Communiqué von vergangenem Winter, wonach verlässliche Analysen mehr Daten und Zeit brauchten.

Im Winter eher Wölfe in Siedlungsnähe

Neu ist hingegen ein Faktenblatt von Kora zu Wölfen in Siedlungsnähe. Besonders im Winter könnten Wölfe ihren Beutetieren in tiefere Lagen folgen, was sie auch in die Nähe von Siedlungen führen könne. «Die blosse Präsenz eines Wolfs in Siedlungsnähe ist weder neu noch automatisch bedenklich», heisst es in dem Faktenblatt. Als problematisches Verhalten gelte jedoch, wenn ein Wolf wiederholt wenig Scheu zeige, sich Menschen aktiv nähere oder gezielt Siedlungen aufsuche. In solchen Fällen sieht das Konzept Wolf den Abschuss vor. «Auffälliges Verhalten entsteht oft durch Gewöhnung an Menschen oder tritt bei kranken oder verletzten Tieren auf», ergänzt Kora.

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