Vor rund einem Jahr hat der Nationalrat gleich drei wortgleiche Postulate ohne Debatte angenommen. So wurde dem Bundesrat mit Nachdruck der Auftrag erteilt, die wissenschaftlichen Grundlagen für die aktualisierten Schweizer Ernährungs-Empfehlungen darzulegen. Der Bericht soll ausserdem «vernachlässigte Aspekte» angehen, etwa warum das Steak in der Lebensmittel-Pyramide durch ein Pouletfilet ersetzt worden ist, wie sich die Neuerungen auf die Nutzung des Graslands Schweiz auswirken und ob der Nährwert von Fleisch korrekt berücksichtigt worden ist.
Langfristige Auswirkungen verstehen
Laut dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) betont die 2024 publizierte, neue Pyramide einzelne Lebensmittelgruppen stärker: «So werden pflanzliche Proteine wie Hülsenfrüchte vor den tierischen wie Fleisch und Fisch in den Vordergrund gerückt.» Genau daran nahmen die Nationalräte Mike Egger (SVP, SG), Nicolò Paganini (Mitte, SG) und Simone de Montmillon (FDP, GE) Anstoss. Der neue Schwerpunkt wirke sich auf Fleischproduktion und Landwirtschaft aus, schreiben sie in ihren Postulaten. «Dies setzt eine solide wissenschaftliche Grundlage voraus, die es ermöglicht, die langfristigen Auswirkungen auf die Nahrungsmittelversorgung zu verstehen.»
Bundesrat ist auch dafür
Tierische Produkte ermöglichten eine vorteilhafte Ernährung, insbesondere sei die Bioverfügbarkeit von Nährstoffen besser. «Die gesundheitlichen und ökologischen Aspekte müssen klar dargelegt werden, um fundierte Entscheidungen für die Agrarpolitik und die Konsument(innen) zu ermöglichen», finden die drei Nationalräte.
Der Bundesrat betont zwar, die aktualisierte Lebensmittel-Pyramide beruhe auf wissenschaftlichen Grundlagen. Er zeigt sich aber bereit, sie wie gefordert in einem Bericht darzulegen und hat sich für die Annahme dieser Postulate ausgesprochen.
Pyramide sei «irreführend», findet Andreas Meier
Nun doppelt Andreas Meier (Mitte, AG) nach. Sein Vorstoss sei keine Konkurrenz für die überwiesenen Postulate, betonte er in der Frühlingssession 2026 im Nationalrat. Er will den Bundesrat aber explizit wissenschaftliche Alternativen zur pyramidenförmigen Darstellung der Ernährungsempfehlungen prüfen lassen. Es brauche eine «nutzerfreundliche Darstellung, die auch den traditionellen Essgewohnheiten der Schweiz Rechnung trägt», findet er. Die Lebensmittel-Pyramide könne das nicht leisten. «Sie ist irreführend und verfehlt die kulturelle Bedeutung von beispielsweise Fleisch in der traditionellen Schweizer Küche.» [IMG 2]
Alternative von «Nourish – your Choice»
Statt der heftig kritisierten Lebensmittel-Pyramide schlägt Andreas Meier das «Ernährungstableau» des Netzwerks «Nourish – your Choice» vor. Hinter dem englischen Begriff steht laut Website von «Nourish – your Choice» ein internationales Netzwerk mit über 1200 multidisziplinären Wissenschaftlern. Man fokussiere sich auf den Standort Schweiz und sammle wissenschaftliche Erkenntnisse rund um die menschliche Ernährung sowie «ihr wichtigstes Fundament: die Nutztiere». Auf der Website sind Beiträge zu finden über «rotes Fleisch und Gesundheit», «ökologische Aspekte der Wiederkäuerhaltung» oder «Wiederkäuer im Kohlenstoffkreislauf».
«Bei diesem Tableau ist es so, dass wir in der Mitte das Kernfeld haben», beschrieb Andreas Meier in der Grossen Kammer. Alle Lebensmittel, die nahe an diesem Kernfeld liegen, sind zur häufigeren Konsumation empfohlen. «Das bildet einfach unsere Konsumgewohnheiten besser ab», findet der Aargauer. Bei der Lebensmittel-Pyramide sind jene Lebensmittel, die häufiger gegessen und getrunken werden sollen, weiter unten zu finden. Ganz oben sind Genussmittel wie Süsses oder Salziges angesiedelt. [IMG 3]
«Fleisch als wichtige Quelle nicht in Frage gestellt»
«Ich kann Ihnen versichern, dass das BLV nicht die Aufgabe hat, grosse Veränderungen zu empfehlen», hielt Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider fest. Es gehe vielmehr mit der aktualisierten Ernährungs-Empfehlung und der zugehörigen neuen Lebensmittel-Pyramide darum, Klarheit zu schaffen und den Konsument(innen) die Wahl zu erleichtern. «Die Empfehlungen beruhen auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage und werden von Ernährungsspezialisten unterstützt», so Baume-Schneider weiter.
Man stelle Fleisch als wichtige Quelle für Nährstoffe wie Proteine nicht in Frage. «Nourish – your Choice» und die Schweizer Ernährungs-Empfehlungen basierten auf unterschiedlichen wissenschaftlichen Grundlagen, räumte sie ein. Trotzdem könnten sich Empfehlungen auch überschneiden. «Daher wird es einfach und schlüssig sein, die Forderungen des vorliegenden Postulats in den Bericht zu integrieren.» Der Bundesrat empfiehlt das Postulat von Andreas Meier mit deutlicher Mehrheit an. Der Bericht, der demnach allen vier Vorstössen gerecht werden soll, ist laut Elisabeth Baume-Schneider zur Publikation im Jahr 2027 vorgesehen.

