Prognosen zufolge wird die Nachfrage nach Lebensmitteln durch die wachsende Weltbevölkerung bis 2050 um 50 Prozent steigen. «Um diese Menge auf die heutige Art zu produzieren, bräuchten wir zusätzliche Flächen von der zweifachen Grösse Indiens», illustrierte Henrik Nordborg. «Gleichzeitig müssen die Treibhausgas-Emissionen aus der Landwirtschaft um 75 Prozent sinken.» Damit spannte der Dozent der Ostschweizer Fachhochschule (OST) den Bogen des Innovationsforums Ernährungswirtschaft auf der Swiss Future Farm (SFF) in Tänikon TG.

Der Westschweizer Ansatz, das Dilemma zu lösen

Auf der SFF werden diverse Feldversuche durchgeführt. Der Ort passte zum Thema des Forums, zumal Henrik Nordborgs Ausführungen nahelegten, dass sich die Art der Produktion bzw. des Konsums – zumindest global gesehen – stark verändern müssen wird. Doch auch in der Schweiz steht die Landwirtschaft vor der Herausforderung, Marktbedürfnisse und Klimaschutz-Ansprüche unter einen Hut zu bringen. Das Westschweizer Projekt Agroimpact ist ein Versuch, dieses Dilemma zu lösen: Landwirte werden über ihre Produkte für ihre Massnahmen entschädigt.

Die Zusammenarbeit bei Agroimpact ist ein Lernprozess

Ein wichtiger Akteur bei Agroimpact ist Nestlé. «Aus meiner Sicht ist die Landwirtschaft der einzige Ort, wo Kohlenstoffspeichern auf wirtschaftliche Weise möglich ist und eine Win-win-Situation darstellt», erklärte Daniel Imhof, Landwirtschaftsverantwortlicher bei Nestlé. Agroimpact habe in der Westschweiz relativ viel Anklang gefunden, weil man dort bereits eher mit degradierten Böden konfrontiert sei und die Landwirt(innen) entsprechend im Humusaufbau engagiert seien. Es ist allerdings das erklärte Ziel von Agroimpact, zusammen mit den Kantonen auch in der Deutschschweiz aktiver zu werden. 

Imhof beschrieb die Zusammenarbeit verschiedener Akteure innerhalb von Agroimpact als Lernprozess. «Früher gab es einen Graben zwischen Verarbeitern und Landwirten – ich meine das durchaus selbstkritisch», fuhr er fort. Man habe kritisiert, die Landwirte seien zu wenig innovativ. Es sei aber spannend, jetzt gemeinsam voranzugehen.

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«Viele Bauern sind etwas verloren in der Klima-Sache»

«Für Bauern von Bauern», das hat sich IP-Suisse vor 35 Jahren bei ihrer Gründung auf die Fahne geschrieben. Unter diesem Motto läuft auch das neue Klimapunkt-System, wie IP-Suisse-Geschäftsführer Christophe Eggenschwiler erläuterte. Das Ziel laute, eine Lösung für alle Betriebe und alle Produkte zu haben. «Viele Bauern sind etwas verloren in der Klima-Sache», beobachtet Eggenschwiler. Das Aufzeigen von Handlungsoptionen könne zu einer schnellen Umsetzung führen. Dabei steht für IP-Suisse ausser Frage, dass die Bemühungen sichtbar gemacht und angemessen finanziell entschädigt werden müssen.

Eine gewisse Allgemeinverbindlichkeit wird gefordert

Christophe Eggenschwiler plädierte dafür, dass man sich schweizweit auf eine Grundlinie einigt und forderte eine gewisse Allgemeinverbindlichkeit. Dem schloss sich Daniel Imhof an. Er sieht aber insbesondere auch die Forschung in der Pflicht, wenn es darum geht, was zu messen und umzusetzen ist. «Es ist noch zu früh, um über einen Preis pro CO2 zu sprechen», meinte Eggenschwiler auf eine Frage nach der effektiven Entschädigung aus dem Publikum. Für Daniel Imhof müsste es beim Klima-Fussabdruck analog der Milch laufen, für die vor Jahren Parameter wie Zellzahlen als Qualitätsmerkmale eingeführt worden sind.

Für zu schweres Brot oder falsch geschnittenes Gemüse

Es können minime Qualitätsmängel sein, die dazu führen, dass Lebensmittel auf der Plattform Circunis landet. Sie ist genau für solche Fälle geschaffen, «wenn das Brot 10 g zu schwer ist oder das Gemüse in eine falsche Form geschnitten worden ist», gab Circunis-Geschäftsführerin Olivia Menzi zwei Beispiele. Sie macht solche Überschüsse sicht- und handelbar, um Food Waste zu vermeiden. Circunis befindet sich noch im Aufbau zu einer selbsttragenden Plattform, die durch Beiträge von Anbietenden und Abnehmern finanziert wird. «Die Frage ist, ob wir bis dahin durchhalten», bemerkte Menzi. Falls es gelingt, könnte Circunis einen Beitrag dazu leisten, dass die zu produzierende Mehrmenge in Zukunft dank weniger Verschwendung kleiner ist.

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Fokussierung im Proteinmarkt, aber keine Trendumkehr

Gerade gebe es grosse Mengen Hülsenfrüchte ohne Abnehmer, schilderte Olivia Menzi. Produkte schafften es nicht bis in die Regale grosser Läden und Start-ups gingen ein, wodurch die für sie angebauten Kichererbsen und Co. plötzlich zum Überschuss würden. Der Trend für pflanzliche Produkte sei aber nicht tot, zeigte sich Daniel Imhof während der Podiumsdiskussion überzeugt. Einige bedeutende Produkte seien «eingestampft» worden, räumte er ein, «das ist einfach so.» Das heisse nicht, dass sich der Trend nicht weiterentwickle und dereinst einen bedeutenden Marktanteil erreichen werde – es handle sich um eine Fokussierung.

Regenerative Landwirtschaft ist für Nestlé der Hauptpfeiler

Eine solche nimmt Nestlé gemäss Daniel Imhof auch in Sachen Nachhaltigkeit vor. Der Konzern beteilige sich an einigen Initiativen nicht mehr und konzentriere sich auf das, was nach seiner Meinung zum Ziel führt. Imhof bezeichnete hier die Regenerative Landwirtschaft als Nestlés Hauptpfeiler. Deren Wirkung sei mehrfach und international bestätigt. «Nestlé möchte sich da einbringen und auch beim Thema Klima», kam Imhof auf die Beteiligung bei Agroimpact zurück.

Die eingangs in Zahlen gefasste Herausforderung, bei kleinerem Fussabdruck mehr zu produzieren, beruht auf einer Rechnung mit der heutigen Art und Weise der Lebensmittelproduktion. Technologien – von Roboter über KI bis Gentechnik – könnten nach Meinung von OST-Dozent Henrik Nordborg zu einer effizienteren Produktion verhelfen.

Roboter sind eine Erleichterung, setzen aber digitale Affinität voraus

Daniel Vetterli hat Erfahrung mit Robotern in der Praxis auf seiner Vetterlifarm in Rheinklingen TG. Der Thurgauer hat schon vor Jahren mit dem Jätroboter Farmdroid gearbeitet und testet gerne neue Roboter, um die Handarbeitsstunden auf seinem Bio-Betrieb bei Zuckerrüben und Gemüse zu reduzieren. Ihm gefällt es, wenn die Maschinen das Jäten selbstständig übernehmen und auch ihr tieferes Gewicht im Vergleich zu einem Traktor passt ihm. «Es braucht für die Bedienung aber eine digitale Affinität», betonte er. Neuere Modelle und Geräte sind zwar benutzerfreundlich, aber auch teuer. Für Vetterli ist klar, dass Roboter nicht die ganze Lösung sind, sondern eine Ergänzung zu überlegter Anbaupraxis.

Werden es sich die einen leisten können und die anderen aussen vor bleiben?

An seine Berufskollegen hat der Thurgauer eine klare Botschaft: «Lernt endlich, zusammenzuarbeiten.» Damit reagierte er auf die Frage, ob es in Zukunft zu einer Trennung der Betriebe kommen werde – auf der einen Seite jene, die sich Hightech leisten können und auf der andere jene ohne diese Möglichkeit. «Leistet euch die Technik der Zukunft, aber leistet sie euch gemeinsam», fuhr Daniel Vetterli fort. So könne man auch etwas ersetzen, bevor die Maschine auf der Hauptstrasse auseinanderbreche.