Schauen, riechen, degustieren: Cindy Elsenbast macht mit Bier, was andere beim Wein zelebrieren. Die Luzernerin ist Bier-Sommelière. An der Weltmeisterschaft der Bier-Sommeliers in München, im September 2025, wo sie gegen 93 Teilnehmende aus 18 Nationen antrat, belegte sie den 4. Platz und ist damit die weltbeste Frau.

Ihr Interesse für Bier zeigte sich schon früh, erzählt Cindy Elsenbast. «Unsere Eltern führten ein Restaurant. Schon als Teenager fasziniert mich Bier als Getränk, die Unterschiede in der Farbe, Nase und im Gaumen.» Nicht nur sie: Auch ihre ältere Schwester Petra absolvierte mit ihr zusammen vor vier Jahren die Ausbildung zur Diplom-Bier-Sommelière. Beide qualifizierten sich an der Schweizermeisterschaft unter den ersten sieben und sind somit seit 2021 in der Schweizer Nationalmannschaft.

Pub-Kultur und Craft-Bierstile

Mit 19 Jahren war Cindy Elsenbast beruflich einige Zeit in England, lernte die dortige Pub-Kultur und die englischen Biere kennen. 1999 lebte sie drei Jahre in den USA. «Damals hatten dort die Craft-Bierstile Hochkonjunktur», erinnert sie sich. Denn bis 1978 sei es in den USA verboten gewesen, zu Hause Bier zu brauen. Als das Verbot fiel, entstanden viele kleinere, lokale Brauereien mit Lokalen, die auch Familien anlockten. «Ich entdeckte eine Fülle unterschiedlicher Geschmacksrichtungen und Bierstile.»

Was genau ist denn ein Bierstil? Bier bestehe grundsätzlich aus vier Zutaten: Malz, Hopfen, Hefe und Wasser, erklärt Cindy Elsenbast. «Wie diese vier Zutaten verwendet werden, ergibt die unterschiedliche Farbe, den Geruch und den Geschmack.» Das Bier wird je nach Farbe, Geruch, Geschmack, Alkoholgehalt, Bitterkeit und der verwendeten Hefe (obergärig oder untergärig) in eine Kategorie zugeteilt, wie etwa ein Helles, Pils, IPA, oder Weizenbier. «Das ist dann der Bierstil.»

Der Boom der Kleinbrauereien

Nach Auflösung des Bierkartells im Jahr 1991 entstanden auch in der Schweiz immer mehr Klein- und Mikrobrauereien. Neben den Einheitsbieren konnte man nun auch individuelle Biere wählen, sogenannte Craft-Biere. «Der Begriff Craft steht unter anderem auch für die Verwendung von lokalen Ressourcen», erklärt Cindy Elsenbast. Manche dieser kleinen Brauereien beziehen die Zutaten von Landwirtschaftsbetrieben aus der Umgebung. «Doch generell haben wir in der Schweiz zu wenig Malz und Hopfen, um den einheimischen Bedarf komplett abzudecken.»

Ihre Faszination für Bier ist im Gespräch deutlich zu spüren. Doch hauptberuflich ist sie nicht etwa in der Gastro-Branche tätig, sondern im Finanzbereich eines Tourismus-Unternehmens. «Aber fast meine ganze Freizeit und meine Ferientage verbringe ich rund ums Bier», sagt sie mit einem Schmunzeln.

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Trainieren, ob es schmeckt, wie es sollte

«Wir hatten regelmässige Trainings vom Brauereiverband», antwortet Cindy Elsenbast auf die Frage, wie man als Bier-Sommelière für eine WM trainiert. «Vor allem die Sensorik wurde geschult, die Nase und der Gaumen.» Dazu kamen «Bierstil-Trainings»: Anhand von Optik (Farbe, Klarheit/Trübung), Geruch, Geschmack und Aroma musste man den jeweiligen Bierstil bestimmen. «Das ist wie Memory spielen», so Cindy Elsenbast. «Was rieche oder schmecke ich, was kommt im Hirn an und welchen Impuls gibt das Hirn.»

Während der Trainings wurden manchmal mit Absicht Fehlaromen beigemischt, das nannte sich dann «Off-Flavor Training». Diese Aromen galt es zu identifizieren, durch Riechen und Schmecken. Dann schmeckte ein Bier zum Beispiel nach Dosenmais, nach Butter oder gar nach Kanalgeruch oder Desinfektionsmittel. «Teilweise ziemlich scheusslich», sagt Cindy Elsenbast mit einem Lachen. Ihre Sensorik trainiert sie zusätzlich in der Natur, indem sie zwischendurch auch mal an Blumen, Gräsern oder Blättern riecht. Sie nehme dadurch die Aromen und Gerüche im Alltag ebenfalls bewusster wahr, was nicht nur Vorteile habe, «etwa in einem Zugabteil voller Menschen».

«Neubierig» bleiben

Kann sie sich vorstellen, dass jemand Bier nicht mag? Cindy Elsenbast nickt, sagt aber auch: «Es gibt rund 180 Bierstile und sie ist überzeugt, dass es für jede Person ein Bier gibt, das ihr schmeckt. Man muss aber «neubierig» sein, also offen für neue Geschmäcker und Aromen. Die Vielfalt ist immens. Um den passenden Bierstil zu finden, helfen Fragen wie zum Beispiel: Magst du lieber süss, salzig oder sauer? Wenn jemand etwa Bitter nicht möge, empfehle sie ein eher malzbetontes Bier.

Bier ist für Cindy Elsenbast auch keineswegs nur ein Sommergetränk. «Ab Herbst dürfen es etwas deftigere Biere sein, vielleicht ein Bock- oder Barley Wine, Biere mit mehr Alkoholgehalt oder mit brotigen Komponenten oder auch mit Gewürzaromen.» Diese Winterbiere trinke man auch etwas wärmer, mit 10 bis 12 Grad. Oder auch ein Glühbier, das man auf maximal 80 Grad erwärmt. Und wie sieht es mit alkoholfreien Bieren aus? «Die sind stark im Kommen und die Qualität ist bei vielen mittlerweile ausgezeichnet», weiss Cindy Elsenbast.

Bier passt auch zu Käse

Auch zu einem Essen ist Bier für Cindy Elsenbast wegen seiner Vielseitigkeit ein guter Begleiter. «Wir sollten vom Klischee wegkommen, dass es immer Wein oder Schaumwein sein muss.» Beim «Foodpairing», der Kombination von Essen und Getränken, stelle sich die Frage, ob man Gleiches zu Gleichem servieren wolle. Ein belgisches Dunkelbier passt laut Cindy Elsenbasts Expertise dann zum Beispiel hervorragend zu einem Stück Bündner Nusstorte. Möchte man eher einen gegensätzlichen Kick, serviert man einen eher süssen Bock zu einem salzigen Lebensmittel wie Käse. Bier und Käse passen generell immer.

«Bei der Wahl des Bieres stellt sich jeweils die Frage, was im Vordergrund steht», so Cindy Elsenbast weiter. Wenn es um den Geschmack geht, also das Bier im Vordergrund steht, darf es ein komplexeres Bier sein. Wenn es hingegen um den Event oder die Geselligkeit geht, reicht oft ein «einfaches, helles» Bier.

An der nächsten WM im Jahr 2027 möchte Cindy Elsenbast wieder dabei sein, die Qualifikationen beginnen in rund einem Jahr. Bis dahin trainiert sie weiter und unternimmt zusammen mit ihrer Schwester Petra «Beercations». Der Begriff setzt sich zusammen aus den Worten «Beer» und «Vacations» und bezeichnet Reisen zu interessanten Orten mit gutem Bier. Gemeinsam organisieren die beiden auch immer wieder Bier-Tastings. Cindy Elsenbast hat auch keineswegs das Gefühl, schon alles über Bier zu wissen. «Ich möchte noch tiefer ins Thema einsteigen», sagt sie. «Ich bin daher derzeit daran, den Master of Beer zu machen.»