Martin Rufer, was will diese Ernährungsinitiative eigentlich genau von uns Bauern? Können Sie das in drei Sätzen erklären?
Die Initiative verlangt einen Netto-Selbstversorgungsgrad von mindestens 70 Prozent. Das will sie erreichen, indem Produktion und Konsum auf pflanzliche statt tierische Lebensmittel ausgerichtet werden. Weiter will sie Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit, samenfestes Saat- und Pflanzgut sowie die generelle Förderung einer umwelt- und klimabewussten Land- und Ernährungswirtschaft in der Bundesverfassung verankern.
Die Initiative verspricht «sichere Ernährung». Sie sagen, sie führe zu einem «Vegan-Zwang». Wie kommen Sie darauf?
Hinter der Initiative steht die gleiche Frau wie hinter der Trinkwasserinitiative, Franziska Herren. Sie sieht die Nutztierhaltung als das grösste Übel dieser Welt und will sie deshalb einschränken. Keine Nutztiere heisst keine tierischen Lebensmittel und das bedeutet mehrheitlich eine vegane Ernährung für alle. Die Ziele der Initiative sind nur erreichbar, wenn die Leute kaum mehr Fleisch, Milchprodukte oder Eier essen. Daher führt sie tatsächlich faktisch zu einem Vegan-Zwang.
Was bedeutet diese Initiative konkret für einen Milchbauern beispielsweise im Emmental? Muss er seinen Kuhbestand halbieren?
Die Initiative gibt dem Bund den Auftrag, Massnahmen für eine auf pflanzlichen Lebensmitteln basierende Ernährungsweise und eine darauf ausgerichteten Land- und Ernährungswirtschaft zu treffen und sämtliche Massnahmen auf dieses Ziel auszurichten. Damit kämen der Konsum und die Produktion von Milch und damit die Kuhbestände stark unter Druck. Aber Hand aufs Herz, was soll der Milchbauer im Emmental anderes machen? Die einzige Alternative ist, die Landwirtschaft aufzugeben und ein Airbnb aus dem Stall zu machen. Lebensmittel gäbe es dann von seinem Land keine mehr. Der Selbstversorgungsgrad im Grasland Schweiz hängt nun mal stark an der tierischen Produktion.
Guy Parmelin hat gesagt, die Tierbestände müssten um 50 Prozent runter. Was heisst das für Schweinehalter und Geflügelmäster – müssen die ihre Betriebe aufgeben?
Das darf kein Ziel sein! Die Tierbestände müssen am Konsum ausgerichtet sein. Solange das Fleisch und die Eier gegessen und die Milch getrunken wird, müssen die Tierbestände sich gar nicht verändern. Denn schlussendlich bestimmt die Nachfrage das Angebot, nicht umgekehrt. Wenn wir die Schweizer Landwirtschaft umkrempeln, ohne dass sich der Konsum verändert, dann importieren wir einfach mehr. Und verlagern damit unseren ökologischen Fussabdruck weiter ins Ausland. Ich verstehe nicht, wie das überhaupt jemand gut finden kann. Zudem wird oft vergessen, dass die Tierhaltung entlang der ganzen Wertschöpfungskette auch viele Arbeitsplätze schafft.
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Die Initiative will mehr pflanzliche Produktion. Tönt doch eigentlich gut – aber warum sagen Sie, dass gerade auch das Berggebiet und die Grünflächen darunter leiden würden?
Pflanzliche und tierische Produktion sind kein Entweder-oder. Vielmehr ergänzen sie sich, deshalb sollten wir sie auch nicht gegeneinander ausspielen. Mehr pflanzliche Produktion geht dort, wo wir geeignete Ackerflächen haben. Wir können ja an steilen Hängen schlecht Kartoffeln anbauen. Die pflanzliche Produktion harzt aus verschiedenen Gründen. Zum Beispiel gibt es für viele neue Kulturen wie Kichererbsen, Linsen oder Quinoa keinerlei Grenzschutz. Damit ist das Schweizer Produkt viel teurer als das ausländische, wird schlecht gekauft und verschwindet in der Folge wieder aus dem Ladenregal – so passiert mit Quinoa von IP Suisse. Das zweite Problem ist der bröckelnde Pflanzenschutz und die zunehmenden Produktionsrisiken, die nicht mit ausreichenden Produzentenpreisen abgedeckt sind.
Was passiert mit den Investitionen? Wenn jemand gerade einen neuen Stall gebaut hat – wäre das bei einer Annahme verlorenes Geld?
Die Initiative verlangt eine Umsetzung innert zehn Jahren nach deren Annahme durch Volk und Stände. Für Ställe, aber auch Schlachthöfe, Zerlegebetriebe oder Milchverarbeiter führt das faktisch zu einer Teilenteignung und zu grossen wirtschaftlichen Einbussen. Die Anlagen sind nach ja zehn Jahren nicht abgeschrieben.
Wir hatten 2025 endlich mal ein gutes Jahr. Würde diese Initiative so ein Jahr zunichtemachen?
Auf jeden Fall. Über die Hälfte der Wertschöpfung der Landwirtschaft stammt aus der Tierhaltung. Und vor allem ist die Tierhaltung ein stabiler Teil der Einkommen. Bei der pflanzlichen Produktion sind die Betriebe viel stärker dem Wetter ausgeliefert und es gibt starke jährliche Schwankungen bei den Erträgen.
Die Initiative will 70 Prozent Selbstversorgung in zehn Jahren. Ist das überhaupt realistisch? Und wer soll das bezahlen?
Das Ziel der Initiative ist per se nicht realistisch. In zehn Jahren nicht und in 20 Jahren noch weniger. Denn bis dann haben wir noch mehr Menschen, die in der Schweiz leben und in der Tendenz weniger Anbaufläche. Wir hatten während dem 2. Weltkrieg einen Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent. Damals hatten wir 4,4 Mio. Einwohner, eine Anbauschlacht und Lebensmittel waren rationiert. Das zeigt, dass der Bund hart in den Menuplan der Menschen eingreifen müsste. Die Ernährung der Bevölkerung müsste wie zu Kriegszeiten aussehen, um das Ziel von 70 Prozent Selbstversorgungsgrad zu erreichen.
Unsere steilen Alpweiden kann man nicht umpflügen für Getreide. Wie soll das funktionieren mit mehr pflanzlicher Produktion, wenn 60 Prozent unserer Flächen nur als Grasland nutzbar sind?
Gute Frage! Sie zeigt, wie wenig durchdacht die Initiative ist.
Der Bauernverband hat eine Abstimmungskampagne bewilligt. Was ist Ihre Strategie – und warum sollte ich als Bauer mich jetzt schon dafür engagieren, obwohl die Abstimmung erst 2026 ist?
Unsere Strategie ist, der Bevölkerung ihre Betroffenheit aufzuzeigen. Deshalb lautet unser Slogan auch «Nein zum Vegan-Zwang». Auf den Sujets sieht man ein Spiegelei, eine Fonduegabel und einen Cervelat, dazu der Satz «Mein Essen. Meine Wahl». Die Bauernbetriebe können bereits Aufklärungsarbeit leisten, wenn das Gespräch auf die Initiative kommt. Wir haben dazu die wichtigsten Argumente auf der Webseite www.ernaehrungsinitiative-nein.ch zusammengestellt. Die kann man auch runterladen und verteilen. Wichtig ist dann vor allem, dass sie sich im Vorfeld der Abstimmung engagieren. Wir gehen aktuell davon aus, dass die Abstimmung am 27. September 2026 ist. Damit braucht es Engagement ab August, also kurz bevor die Bevölkerung das Abstimmungscouvert im Briefkasten findet. Wir wollen mit einem Nein-Anteil von rund 70 Prozent ein klares Zeichen setzen.