Die Campax-Petition «Jede Bäuerin und jeder Bauer zählt» hat innert kürzester Zeit tausende Unterschriften gesammelt. Sie ist nicht das einzige Beispiel für die Stimmung in der Landwirtschaft, die sich verbreitet irgendwo zwischen Verzweiflung, Wut und Resignation zu bewegen scheint. Sorgen bereiten die chronisch tiefen Einkommen, Märkte im Ungleichgewicht und Preisdruck. Martin Rufer, Direktor des Schweizer Bauernverbands (SBV) erklärt im Gespräch mit der BauernZeitung, wo seiner Meinung nach die grössten Probleme liegen, wo er Lösungen sieht und wie der SBV zur Verbesserung der Situation der Bauernfamilien beiträgt.
Das sind Gründe für die Übermengen
Besonders prominent sind derzeit die Übermengen-Situation im Milch-, Schweine- und Weinmarkt. «Wir haben momentan in drei Märkten grössere Probleme», stellt Martin Rufer fest. Die Ursachen seien unterschiedlich. Beim Wein sieht der SBV-Direktor das Hauptproblem im fehlenden Grenzschutz. Bei der Milch sorgten sehr gutes Grundfutter und gute Witterung für eine deutlich höhere Produktion, hinzukommen die US-Zölle und hoher Importdruck aufgrund des Wechselkurses. «Auf politischer Ebene ist die Erhöhung der Verkäsungszulage und die bessere Regelung des Veredelungsverkehrs angezeigt», so Rufer. Bei den Schweinen mache sich der Schweinezyklus bemerkbar. «Die Branche muss anerkennen, dass ein stabiler Markt im Sinne aller ist, und es dringend eine Verbesserung des Marktsystems braucht, damit mittel- und langfristig Stabilität möglich ist.»
Das grösste Problem liegt im Detailhandel
Auf diesen drei Märkten gehe es insgesamt um dreistellige Millionenbeiträge für die Landwirtschaft, sagt Martin Rufer. Der SBV habe daher das grösste Interesse daran, dass diese Probleme rasch gelöst werden. Das grösste Problem sieht Rufer aber an anderer Stelle: In der «Preissenkungs-Euphorie» im Detailhandel. Dass sich die Detailhändler mit Tiefpreisen für Lebensmittel unterbieten, sei unklug und unnötig. «Unnötig, weil ein Haushalt nur noch 6,2 Prozent seines Budgets fürs Essen ausgibt», erläutert er. «Und unklug, weil mit den Preissenkungen Wertschöpfung vernichtet wird.» Ausserdem werde mit Tiefpreisen die Wertschätzung für Lebensmittel zerstört, was wiederum Food Waste ankurbelt.
Schlecht für die Versorgung und schlecht fürs eigene Image
Man sei in engem Kontakt mit den Spitzen des Detailhandels. Diese haben – auch öffentlich – versprochen, keinen Druck auf die Produzentenpreise auszuüben. «Daran messen wir sie und schauen genau hin», versichert Martin Rufer. Wer konkrete Hinweise auf Preisdruck habe, solle das dem SBV melden. Offenbar sind die Gespräche aber nicht schlecht verlaufen. «Wir stellen fest, dass der Detailhandel zuhört», so Rufer. «Er weiss, dass Druck auf die Produzentenpreise einerseits die mittel- und langfristige Versorgung mit Schweizer Lebensmitteln schwächen würde.» Andererseits würde Druck auf die Produzentenpreise dem Image der Detailhändler schaden, ergänzt er.
Belastbare Zahlen statt netter Worte und Hinweise
Es herrsche weitgehend Konsens darüber, dass alle Stufen der Wertschöpfungskette inklusive Produzenten zur Existenzsicherung gedeckte Kosten brauchen. Daher müsse man mit belastbaren Zahlen aufzeigen, wo die Vollkosten liegen und die entsprechenden Preise in den Verhandlungen fordern. «Nur nette Worte und Hinweise auf die tiefen Einkommen reichen nicht, es braucht belastbare Zahlen», betont Martin Rufer. Entsprechend arbeitet der SBV an sauberen Vollkostenrechnungen für alle Produkte. Der Verband stehe in engem Austausch mit den Produzentenverbänden und man stimme sich sehr gut ab. «Es geht nur gemeinsam», ist Rufer überzeugt. In einigen Branchenverbänden ist der SBV zudem direkt oder indirekt vertreten und setzt sich auch dort für die Anliegen der Landwirtschaft ein.
Fraglicher Mehrwert von Ertragsprämien fürs Einkommen
Die prioritären Aufgaben des SBV sind es laut dessen Direktor allerdings, Lösungen mit den Detailhandelspitzen zu finden und die politischen Rahmenbedingungen auszugestalten. Zuletzt haben politisch die Forderungen der SVP zu reden gegeben, die Ertragsprämien wünscht. «Stützt man die Preise über Direktzahlungen, ist die Gefahr sehr gross, dass diese in den Preisverhandlungen mit den Abnehmern eingerechnet werden und der eigentliche Mehrwert sinkt», warnt Martin Rufer. Der SBV wolle die Lebensmittelproduktion und Produzentenpreise über marktorientierte Instrumente stärken. Direktzahlungen sollten nicht im Zentrum stehen.
Zum Lösungsansatz des SBV gehören:
- den Grenzschutz optimieren
- Bei der Festlegung der Richtpreise die Vollkosten einbeziehen
- Preistransparenz über die ganze Wertschöpfungskette
- Deklaration verbessern
Zwei Milliarden zusätzlicher Markterlös für die Bauern
Beim Stichwort politische Rahmenbedingungen führt aktuell kein Weg an der AP 30+ vorbei. Hier liegt der Fokus des SBV auf seinem Marktpaket, das Martin Rufer als «eminent wichtig» bezeichnet. Es soll zwei Milliarden Franken zusätzlichen Markterlös für die Landwirtschaft ermöglichen – dank der oben erwähnten Ansätze. «Wir werden alles daransetzen, dass die Instrumente zur Umsetzung kommen. Sei es in der AP 30+, mit der parlamentarischen Initiative (Pa. Iv.) 22.477 oder über andere Wege», gibt sich Rufer entschlossen. Pa. Iv. 22.477 verlangt eine wirksame Preisbeobachtung in der Lebensmittelkette und wird im Parlament noch verhandelt. Die Stärkung der Landwirtschaft in den Märkten hat für den SBV auch auf dem politischen Parkett höchste Priorität.
Bestrebungen für mehr Freihandel könnten dem zuwiderlaufen. Freihandelsabkommen dürften die Landwirtschaft nicht schwächen, stellt Martin Rufer klar und verweist auf klare rote Linien, die der SBV zieht. Jedes Abkommen gelte es zu analysieren. So auch die momentan zur Debatte stehenden Verträge mit den Mercosur-Staaten. «Wir sind der Meinung, dass wir mit griffigen Begleitmassnahmen eine Ausgewogenheit zwischen Vor- und Nachteilen für die Landwirtschaft erreichen», so Rufer. Der SBV stehe daher mit dem Bund in Verhandlungen. Klar ist, dass die Landwirtschaft ohne solche Massnahmen das Abkommen ablehnen wird. «Die Verwaltung und der Bundesrat wissen das und sind daher gefordert.»
Politisch besser aufgestellt als das benachbarte Ausland
Trotz der Bemühungen des SBV haben die «bäuerliche Basisbewegung» mit ihrer Campax-Petition und der anonym auftretende Bauer «Willhelm Tell» selbst die Initiative ergriffen. Man teile grundsätzlich die Anliegen der Basisbewegung in der Petition, versichert der SBV-Direktor. «Die Stärkung der Lebensmittelproduktion, ein funktionierender Grenzschutz, die korrekte Entschädigung der Arbeit und der Abbau der Bürokratie stehen auch zuoberst auf unserer Prioritätenliste.» Diese Anliegen kamen auch an der traditionellen Neujahrsmedienkonferenz zur Sprache.
Politisch sei die Schweizer Landwirtschaft gut aufgestellt – sie befinde sich in einer besseren Situation als im benachbarten Ausland. Grundsätzlich blickt Martin Rufer zuversichtlich in die Zukunft. «Trotz der gegenwärtigen kurzfristigen Probleme beim Wein, den Schweinen und der Milch muss man sehen, dass die Lebensmittelproduktion in der Schweiz rückläufig ist», gibt er zu bedenken. Die jüngere Vergangenheit habe gezeigt, wie schnell es zu einer Unterversorgung kommen kann. «Wer die Realität betrachtet und in die übernächste Geländekammer schaut, sieht, dass die ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln auch in der Schweiz wichtig ist. Die Landwirtschaft hat daher gute Karten.» Was es brauche, sei ein Marktsystem, das die Schwankungen dämpfen bzw. deren Folgen auffangen kann.



