Es ist dunkel, kalt, Reste von Frost und Schnee bedecken das Feld, die Schuhe sind nach wenigen Schritten schmutzig und nass. Hier auf einem Feld in Kehrsatz, mit Blick auf die Bundeshauptstadt und das Bundeshaus hat «Wilhelm Tell» Stellung bezogen, der Mann, der in den vergangenen Wochen in den sozialen Medien zum Widerstand gegen die «Obrigkeit» aufgerufen hat. 

Er hat nichts zu verlieren

«Mein Schicksal teilen viele, jeder von uns kann ein Tell sein. Aber ich habe nichts mehr zu verlieren, ich kann frei sprechen», betont er und weiss, seine Berufskollegen können das nicht alle. Dann erzählt er von seinem Hof, wie seine Eltern darauf Konkurs gingen, wie er versuchte, aus den Resten wieder eine Existenz aufzubauen. 

Demeter, Permakultur, seine Schafe. Man hört ihm gerne zu, er weiss viel – auch dass er kein Politiker ist, sondern ein einfacher Bauer, der vor wenigen Wochen seinen ersten Facebook-Account machte und nun darauf wartet, ob sein Protest gesehen und gehört wird, ob er Mitstreiter findet.

Ein gerechter Preis für landwirtschaftliche Produkte

So sitzt er am Montagabend hier auf dem Feld am Feuer, brät eine seiner Schafwürste und wartet, ob sie kommen, all diejenigen, die wie er die Rechnungen nicht mehr bezahlen können, für ihre Produkte einen gerechten Preis wollen, Angst davor haben, dass die landwirtschaftliche Produktion langsam unter der Bürokratie erstickt. 

Sein Gesicht möchte er nicht zeigen, auch seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen: «Ich bin nicht wichtig, ich bin einer von vielen Tells», hofft er und blickt in die Runde. Heute waren ein paar hier, halfen, die Feldküche aufzustellen und errichteten sein Lager. 

Jetzt sitzen neben ihm noch der Landbesitzer, eine junge Landwirtin und ein junger Landwirt aus Basel am Feuer. Sie sind sich einig: Es muss etwas geschehen. Der Beruf des Landwirts soll wieder attraktiv werden, nicht ein ewiger Existenzkampf, kein ewiges Rechtfertigen der Gesellschaft gegenüber.

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80 Stunden pro Woche – und trotzdem kein Lohn

«Es gibt manche Woche, in der ich über 80 Stunden arbeite», erzählt Tell. Trotzdem müsse seine Frau dazuverdienen. Und als er sich im vergangenen Jahr zweimal das Schlüsselbein brach, konnte er es sich nicht leisten, sich aus dem Betrieb zurückzuziehen. «Wenn ich jemanden anstelle, muss ich ihm einen Lohn auszahlen, ich selbst arbeite vielfach ohne Lohn, aus Überzeugung, aus Leidenschaft», beschreibt er seine Motivation. 

Doch es gehe auf Kosten der Familie, seiner Gesundheit und des sozialen Lebens. «Abends bin ich einfach nur noch todmüde und weiss, der nächste Tag wird wieder so», sagt er. Hinzu komme die Gesellschaft, die sich bei seinem stadtnahen Betrieb über Schmutz und Lärm beklagt, wenn er spät am Abend noch arbeitet. 

Die Lebensmittelproduktion ist keine Existenz mehr

«Die Menschen haben den Boden unter den Füssen verloren, sie verstehen uns nicht mehr, wissen nicht mehr, woher ihr Essen kommt. Und vielen ist es egal, wenn es billig aus dem Ausland kommt», sagt er. Aber es gebe auch andere, die ihm nach dem Unwetter unentgeltlich helfen, den Hof wieder aufzuräumen, neue Bäume zu pflanzen, die Treibhäuser wieder aufzubauen. 

Ohne die ginge es nicht auf seinem Betrieb. Es macht ihn nachdenklich, dass die Lebensmittelproduktion trotz unmenschlicher Leistungen keine Existenz mehr sein soll.

«Schneller als die Biodiversität verschwinden die Bauern»

«Noch schneller als die Biodiversität verschwinden die Bauern. Mit den kleinen Betrieben stirbt auch die Artenvielfalt», ist er überzeugt. «Schauen wir den Strukturwandel an: Wenn das so weitergeht, dann gibt es in hundert Jahren keine Landwirte mehr», rechnet er vor. 

Und es sei nicht einfach, seinen Hof aufzugeben. Er habe während der Planung seiner Aktion viele schwierige Telefonate geführt – habe von Betriebsleitern gehört, die keinen Ausweg mehr sahen und sich das Leben nahmen. Er kennt die Schicksale, die sich oft nur hinter verschlossenen Türen abspielen, und sie gehen ihm nahe. 

Die Politik soll menschlicher werden

Er hofft, dass sich etwas ändern würde, wenn man in Bern davon wüsste. Dass die Politik anders entscheiden würde. Menschlicher vielleicht, mit weniger Profitdenken vielleicht. «Wir haben unsere Vertreter in Verbänden und Politik, aber wenn du mal gewählt bist, dann bist du eben Politiker und musst dir Sympathien und Stimmen erarbeiten, kannst nicht mehr aus voller Kraft für die Landwirtschaft einstehen», betont er sein fehlendes Vertrauen in das System. 

Ein System, das ihm, so betont er, in den kommenden zwei Jahren die Existenz nehmen wird, wenn sich nichts ändert. «Auch ich habe mir deshalb schon überlegt, ob ich noch einen Platz habe auf dieser Welt», meint er nachdenklich, während er die mitgebrachten Lebensmittel einräumt. 

Selbstgemachte Saucen und Konfitüre aus seinen Hofprodukten. Diese verkauft er auf dem Markt, an eine Kundschaft, die seine Philosophie liebt und bereit ist, entsprechende Preise zu bezahlen. Existieren kann er trotzdem nicht.

Friedlicher Protest statt Gewalt

Tell schweigt eine Weile, dann erzählt er, wie ihm diese Protestaktion Hoffnung und Kraft gebe. Es sei für ihn befreiend, etwas zu machen, sich endlich zu wehren. «Ich weiss, viele wären gerne hier, einige getrauen sich nicht, andere können nicht weg von ihrem Hof». Auch er habe viel organisieren müssen und kaum sei er losgefahren, habe dann doch noch ein Schaf gelammt. 

Doch er ist hier, vor den Toren von Bern, hofft, dass er gesehen wird, er und sein Lagerfeuer – dass sein Schicksal wachrüttelt, vielleicht etwas verändert. Mit Blick auf die europäischen Nachbarländer betont er: «Wir wollen friedlich demonstrieren, Gewalt ist keine Lösung. Wir wollen uns erklären und gehört werden», beschreibt Tell sein Motiv. 

Die Politik schaut zum WEF – oder doch nicht?

Zur Sicherheit hat der Jungbauer aus Basel eine Sirene mitgebracht, mit der er laut in Richtung Bundeshaus dröhnt. «Wir verschwinden mit unseren Höfen, wenn die Politik so weitermacht, das ist unsere Botschaft», betont Tell, der nicht unbemerkt verschwinden möchte. 

Dafür sammelt er Unterschriften unter dem Motto «Jede Bäuerin und jeder Bauer zählt». Die Unterschriften will er am Freitag vor dem Bundeshaus überreichen, dann, wenn das WEF in Davos startet und die Reichen und Mächtigen über Wichtigeres entscheiden möchten als über einen Kleinbauern aus dem Zürcher Oberland – oder doch nicht? Beim Gedanken daran lächelt Tell unsicher, wie oft an diesem Abend: «Wir werden sehen.»

«Es braucht jede und jeden»

Am gleichen Abend hat die BauernZeitung Roman Hodel am Draht. Der Luzerner Landwirt aus Dagmersellen kennt sich aus mit Einzelaktionen. Im März 2024 stand er mit seinem John-Deere-Traktor vor den Türen der Branchenorganisation Milch in Bern, als über den A-Richtpreis verhandelt wurde. 

Richtpreis-Verhandlungen «Keine Bauern, kein Essen, keine Zukunft», sagt Roman Hodel zu BOM und Bevölkerung Friday, 1. March 2024 Damals prangte auf seinem Gefährt ein Plakat mit der englischen Aufschrift «No farmers, no food, no future». «Damit wollte ich die Jungen abholen», erklärte er damals der BauernZeitung. Die Botschaft: Die Bevölkerung müsse besser verstehen, wie wichtig die Landwirtschaft sei.

Nun unterstützt Hodel die Aktion von «Tell» – und das, obwohl ihre Betriebe auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten. Hodel gehört zu den grösseren, intensiven Produzenten, Tell zu den kleineren Demeter-Bauern. «Aber in der Sache sind wir uns einig», betont Hodel. 

«Es braucht jeden und jede. Die Schweiz darf nicht weiter zusehen, wie immer mehr Bauern verschwinden.» Er spricht von einer Einheit – nicht jener, dass alle das Gleiche machen würden, sondern einer, die den Raum lasse für die Unterschiede der Höfe. «Wir wollen davon leben können und wir machen es auch gut», ist er überzeugt.

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Sieben Unterschriften pro Minute

Die Bauern haben sich über die sozialen Medien organisiert. Die Resonanz übertrifft alle Erwartungen: Zeitweise sei das System unter der Last zusammengebrochen, berichtet Hodel. Er spricht von sieben gesammelten Unterschriften pro Minute für die Petition. Bereits am Dienstagmittag, 13. Januar, sind es über 20 000 Unterschriften. Hodel ist begeistert. Er spürt einen echten Zusammenhalt.

In der Petition «Jede Bäuerin und jeder Bauer zählt» auf campax.org fordern die Unterzeichnenden von Bundesrat und Parlament konkrete Massnahmen: Sie verlangen ein Ende des Strukturwandels durch faire Produzentenpreise und kostendeckende Direktzahlungen. 

Präsenz ohne Traktoren

Die Forderung lautet, dass jeder Hof, der nach geltenden Standards produziert, auch davon leben können soll. Weiter fordern sie einen Stopp des Abbaus bei den Direktzahlungen sowie eine Agrarpolitik, die Lebensmittelsicherheit garantiert, statt die Produktion einzuschränken. 

Die Petition kritisiert zudem, dass zusätzliche Auflagen die Bäuerinnen und Bauern belasten, ohne dass dafür ein finanzieller Ausgleich geschaffen wird.

Die Aktion dauert vom 12. bis zum 16. Januar. Ohne Traktoren, aber mit Präsenz. Man will auf sich aufmerksam machen – friedlich, aber nachdrücklich.