Landwirt(in) des Jahres, Grand Prix Bio, Prix Climat, Agropreis … die Liste liesse sich fortsetzen. Mittlerweile gibt es diverse Preisverleihungen, die Landwirte und Landwirtinnen für ihr Engagement belohnen. Eine gute Sache, denn in der Regel steckt hinter dem Erreichten viel Arbeit, Herzblut und Pioniergeist. Aber es besteht die Gefahr falscher Schlüsse, vor allem von ausserhalb der Landwirtschaft.
Verschiedene Wege sind Tatsache und Notwendigkeit
Meist steht bei Auszeichnungen auf die eine oder andere Art die Nachhaltigkeit im Vordergrund – und damit ein Thema, das so aktuell wie vielschichtig ist. Ebenso vielseitig sind die Lösungen, die ausgezeichnete Landwirt(innen) auf ihren Betrieben finden. Die grossen Ziele – gesunde Kulturen bei minimalem chemischem Pflanzenschutz, Förderung der Biodiversität, Erhalt fruchtbarer und gesunder Böden und nicht zuletzt die Lebensmittelproduktion an sich – lassen sich auf unterschiedlichen Wegen erreichen. Das ist nicht nur eine Tatsache, sondern auch eine Notwendigkeit. Denn jeder Betrieb hat andere Voraussetzungen, von Böden über Vermarktungspotenziale bis zu den Menschen. Die Beratung und Ausbildung müssen dem Rechnung tragen, aber auch die Öffentlichkeit. Letzteres ist ein Knackpunkt.
Die Umsetzung ist immer individuell
Pionierbetriebe und Leuchttürme zeigen offen, was sie machen. Sie reden über Lösungen, idealerweise thematisieren sie Fehlschläge ebenfalls. Davon können andere Landwirt(innen) lernen, sich inspirieren lassen und für sich das Passende finden. Die Umsetzung erfolgt dann wieder individuell und angepasst an die eigenen Verhältnisse.
Warum machen es nicht alle so?
Für Aussenstehende sind die preisgekrönten Landwirte nicht selten die einzigen Vertreter dieses Berufsstands, über die sie mehr erfahren. Man liest über ihr Tun in den Medien, mit schönen Fotografen-Bildern, sonnigen Videos, untermalt von mitreissender Musik und viel Lob für das Erreichte. Sie zeigen, was möglich ist – und werfen beim breiten Publikum mitunter die Frage auf, warum denn eigentlich nicht alle so nachhaltig arbeiten.
Zusammen mit dem falschen Bild des Bauern, der zum Geldverdienen aus Tieren und Böden das Maximum herauspresst, Gift spritzt und die Bundesfinanzen strapaziert, resultiert ein Unverständnis. «Wo ein Wille, da ein Weg», heisst es doch so schön. Aber Leuchttürme und Pioniere sind Wegweiser, keine Strassenbauer: Man kann ihnen folgen, muss den Pfad aber selbst finden und allenfalls einen eigenen anlegen. Dafür braucht es Zeit, Geld, Unterstützung und Vertrauen, dass es klappen kann. Keines dieser Güter ist in der Landwirtschaft im Übermass vorhanden. Entsprechend hoch sind die Hürden für jene, die neue Wege beschreiten wollen.
Ein Vorteil, der auch anderen nützt
Viele wagen es trotzdem – es steht ausser Frage, dass es auch zahlreiche tun, die nie einen Preis gewinnen oder dafür nominiert werden. Sie arbeiten auf ihren Betrieben, verknüpfen das Wissen ihrer Vorgänger mit neuen Erkenntnissen und nutzen beides zu ihrem Vorteil. Im Gegensatz zu einem Börseninvestor profitieren von diesem Vorteil aber sehr viele andere auch. Das Resultat sind Lebensmittel, die die Bevölkerung ernähren, eine Landschaft, in der man sich gerne aufhält, artenreiche Lebensräume und im Idealfall Freude an einer Arbeit, die gut entlöhnt wird.
Von anderen lernen, ohne Gefühle der Minderwertigkeit
Es ist richtig, jene zu feiern, die ihren Weg gefunden haben und ihn zu gehen wagen. Davon kann man viel lernen, ohne sich dabei minderwertig zu fühlen. Jeder Ist-Zustand hat seine Berechtigung und kann als Ausgangspunkt für Verbesserungen dienen.
Aber es braucht in der Bevölkerung wie auch in der Politik das Bewusstsein, dass Pioniere anderen den Weg nur bis zu einem gewissen Grad ebnen können. Die Rahmenbedingungen bleiben wichtig. So gestaltet am Ende jeder die Ernährung, die Landwirtschaft und die Landschaft mit. Entscheidend bleibt der Mensch; ob mit Gedanken an die Zukunft hinter dem Steuer des Traktors oder mit einem eigenen Bild der idealen Produktion vor Augen im Supermarkt.