50'000 Menschen fliegen um die halbe Welt, um in Brasilien über das Klima zu reden. Minister, Berater, Journalisten – der ganze politisch-mediale Komplex eben – sowie Lobbyisten und Aktivisten, versammelt am Äquator. Auch dabei: die Schweiz, mit einer 36-köpfigen Delegation inklusive Bundesrat Albert Rösti.

Der CO₂-Ausstoss dieses Events beträgt laut Veranstalter beträchtliche 130'000 Tonnen des Klimagases. Zum Vergleich: Ein Durchschnittsschweizer verbraucht mit all seinen Aktivitäten (Essen, Wohnen, Ferien) etwa 13.5 Tonnen CO₂ pro Jahr. Diese 130'000 Tonnen sind jedoch kein Problem. Weshalb? Weil die Veranstaltung laut Organisatoren als «klimaneutral» gilt, offiziell bestätigt mit einem Zertifikat, ausgestellt von der obersten aller Behörden in solchen Fragen – der UNO. Wer also seine Flugreise mit einem schlechten Gewissen antrat, beruhigte unter tropischen Mangobäumen sein Gewissen mit einem PDF.

Wer an den mittelalterlichen Ablasshandel denkt, liegt nicht falsch. Damals kaufte man sich mit Geld von Sünden frei und der Weg in den Himmel war der Seele gewiss. Heute kauft man sich mit Geld von Emissionen frei und das Ansehen in erlauchten Kreisen bleibt bestehen. Diese Logik ist erstaunlich ähnlich: Die «Tat» bleibt, dafür baut man heute nicht mehr in Rom an einer Kirche, sondern es wird – bevorzugt in einem Drittweltland – hoffentlich etwas Gutes getan.

Moderne Ablässe: CO₂ als Geschäftsmodell

Kohlenstoffmärkte sind längst ein eigener Wirtschaftssektor. Jeder, der «klimaneutral» durchs Leben schreiten möchte, kauft ein Zertifikat. Pro Tonne CO₂ wird irgendwo auf der Welt ein Projekt finanziert, das Emissionen reduziert oder CO₂ bindet.

Ein Teil dieses Marktes stützt sich dabei auf Waldprojekte: sogenannte REDD+ (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation). Die UNO-Klimarahmenkonvention führt diese als Instrument, mit dem Entwicklungsländer Geld erhalten können, wenn sie ihre Wälder besser schützen und dadurch Emissionen aus Entwaldung vermeiden. Auf dem Papier klingt das ganz nett: Intakte Wälder speichern Kohlenstoff, Biodiversität wird erhalten, lokale Gemeinschaften profitieren von Zahlungen. In der Praxis ist die Sache schwieriger – und genau dort beginnt der Ablass-Charakter.

Denn die Gutschrift beruht nicht immer auf einer realen Reduktion wie zum Beispiel einer Aufforstung mit den sonst auch umstrittenen Eukalyptus-Monokulturen. Häufig beruht sie auf einer Rechnung mit einer «Was-Wäre-Wenn-Logik» bei bestehenden Wäldern. Konkret: «Wie viel CO₂ wäre freigesetzt worden, wenn der Wald X gerodet worden wäre – und wie viel bleibt nun im Wald, weil er stehen bleibt?» Daraus entstehen sogenannte «vermiedene Emissionen», die dann als Zertifikat zum Beispiel eine Flugreise nach Brasilien kompensieren.

Wissenschaftliche Analysen zeigen aber, dass bei vielen Projekten die ausgewiesenen Einsparungen massiv überschätzt werden, und dass nur ein kleiner Teil der ausgestellten Zertifikate tatsächlich mit realen Emissionsreduktionen hinterlegt ist. Trotzdem dienen diese Gutschriften als Währung im globalen Ablasshandel.

«Zahle mich fürs Nicht-Tun»: die Logik des Verzichtszertifikats

Ein grosser Teil der REDD+ lebt somit von einer einfachen, aber schrägen Ausgangsfrage: «Ich könnte diesen Wald roden – mache es aber nicht. Was zahlst du mir dafür?»

Ein Industriebetrieb aus Europa kann nun auf Basis einer Verzichtsrechnung seine Emissionen offiziell «kompensieren». Er emittiert dabei weiterhin das CO₂  und erhält via Zertifikat eine offizielle Absolution, die die Kompensation irgendwo im «Regenwald» bescheinigt.

Dieses Geschäftsmodell steht natürlich in einem krassen Widerspruch zur alltäglichen Erfahrung von Bäuerinnen und Bauern. Denn in der Landwirtschaft wird in aller Regel für das bezahlt, was effektiv getan oder produziert wurde, und nicht für etwas, das nur in einer hypothetischen Zukunft nicht passiert.

Und die Landwirtschaft? Offiziell ein Problem – in dieser Logik aber eine Lösung

Interessanterweise taucht im politischen Diskurs die Landwirtschaft fast immer reflexartig als Problem auf. Mit Methan aus der Tierproduktion, Lachgas aus Reisfeldern, CO₂ aus Diesel und Bodenbearbeitung. Auf Klimakonferenzen werden die Bauern dafür gerne in die Ecke der «Emittenten» gestellt.

Denkt man jedoch die Logik der Zertifikate konsequent zu Ende, sieht das Bild plötzlich anders aus.

  • Ein Landwirt setzt statt auf den Pflug auf Mulch- oder Direktsaat. Er spart so nicht nur Diesel, sondern reduziert auch die CO₂-Freisetzung aus dem Boden.
  • Eine Landwirtin bewirtschaftet Dauergrünland, das seit Jahrzehnten nicht umgebrochen wurde und grosse Mengen Kohlenstoff im Boden bindet.
  • Waldeigentümer bewirtschaften mit Sorgfalt ihren Wald, statt ihn zu komplett zu roden.

Nach der Logik der Verzichtszertifikate sind das alles Klimaschutzleistungen: Emissionen, die nicht entstehen, weil jemand etwas nicht tut – oder schon lange nicht tut.

Dasselbe gilt für angelegte Hecken, erhaltene Obstgärten, extensive Wiesen. Sie alle verhindern Emissionen oder speichern Kohlenstoff. Nach Logik der Klimakonferenz wären das perfekte CO₂-Projekte.

Ein Widerspruch mit schalem Nachgeschmack, denn: Auf der internationalen Bühne gilt die Landwirtschaft als Klimaproblem. Während im Werkzeugkasten der CO₂-Zertifikate hypothetische Annahmen als Kompensationsmasse dienen, um Flugreisen, Konferenzen und industrielle Emissionen «klimaneutral» zu machen.

Obwohl die Konferenz ohne wesentliches Resultat geendet hat, geht das Zertifikate-«Spiel» munter weiter. So unterzeichnete während der Klimakonferenz Bundesrat Albert Rösti ein Klima-Abkommen mit Sambia und der Mongolei, das Projekten zur CO₂-Reduktion den Weg ebnen soll.

Statt ein nebulöses Waldprojekt in Sambia: lieber Massnahmen in der Schweiz

Wäre es nicht besser, dieses Geld an einheimische Betriebe zu zahlen? An Betriebe, die ihre Produktion an ein verändertes Klima anpassen müssen, statt einen Wald in Sambia zu finanzieren, der vielleicht wegen der Zahlungen nicht gefällt wird, vielleicht aber eben doch.

Eine übergeordnete Frage, die sich zudem vermehrt stellt: Wie sinnvoll ist es überhaupt, weiter Geld in einen Zertifikate-Handel zu lenken, wenn der zweitgrösste Emittent (die USA) an der Klimakonferenz gar nicht teilnimmt, wenn zentrale Ölstaaten wie Saudi-Arabien, Russland oder Indien jede klare Verpflichtung zum Ausstieg aus fossilen Energien blockieren und China seine Reduktionsziele im Rahmen eigener, eher vorsichtiger Fahrpläne festlegt?

Vor diesem Hintergrund wäre vonseiten der Schweiz etwas mehr Pragmatismus angebracht: weniger Geld für Klimazertifikate ins Ausland und mehr, um die einheimische Landwirtschaft «Klimawandel-fitter» zu machen. Nach der Logik der CO₂-Verzichtszertifikate wären viele Schweizer Betriebe nämlich längst hocheffiziente Klimaschutzprojekte – und während sich die Delegierten in Brasilien unter Mangobäumen ihre Klimaneutralität von der UNO bestätigen lassen, leisten Schweizer Bäuerinnen und Bauern tagtäglich das, was diese Zertifikate versprechen: realen Klimaschutz. Einfach ohne Ablassschein.