Bauern sind nicht gerade für ihr blindes Vertrauen in Ämter und Bundesstellen bekannt. Aber bei der Zulassung vertraut man wohl oder übel dem Urteil der Zuständigen. «Wir setzen nur ein, was zugelassen ist», hört man. Und das stimmt. Verbesserungspotenzial gibt es trotzdem.
Anwender als Hauptleidtragende der Zulassungsentscheide
Zugelassen wird laut Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) nur, was keine «unannehmbaren» Nebenwirkungen für Mensch, Tier oder Umwelt hat. Von den Gesuchsdossiers über deren Beurteilung bis zur Anwendung von PSM hagelt es immer wieder Kritik.
Jüngstes Beispiel: Ein Toxikologe erklärt im «Tagesanzeiger», die zur Beurteilung der Schädlichkeit von Wirkstoffen eingesetzten Tierversuche seien so gut wie nichts wert. Dabei geht es nicht «nur» um Rückstände in Lebensmitteln, die von Konsumenten-Magazinen gerne bemängelt werden – unabhängig davon, ob Grenzwerte überschritten sind. Als Anwender(innen) kommen Landwirte und Bäuerinnen am ehesten mit PSM in Kontakt.
Der Toxikologe bezeichnet sie daher als die Hauptleidtragenden der Missstände, die er bemängelt. Und nicht immer achtet man beim Spritzen darauf, mit Handschuhen zu hantieren oder andere Schutzausrüstung zu tragen. Was wäre das auch für ein Bild, im Aufzug eines ABC-Soldaten die Obstbäume zu behandeln. Genau so wird es aber empfohlen.
Zweifel bleiben und vielleicht ist das gut
Etwas, das zur Bekämpfung von Pathogenen, Unkraut oder Schädlingen eingesetzt wird, kann nicht besonders gesund sein. Das stimmt, aber nur zum Teil. Schliesslich gehören per Definition auch Marienkäfer gegen Blattläuse zu den PSM und selbst chemische Wirkstoffe unterscheiden sich in ihrer Toxizität. Glyphosat wird sein Image als krebserregend und hochgefährlich wohl nie verlieren. Vielleicht ist das auch ganz gut so – denn wer wird jemals ohne Zweifel beweisen können, dass Glyphosat keinen Krebs erregt? Beim Rauchen ist man sich in dieser Hinsicht sicher. Und trotzdem gibt es Kettenraucher, die über 90 Jahre lang leben – ohne bösartige Tumore.
Die Moral von der Geschichte: Eine Gefahr lässt sich praktisch nie ganz ausschliessen. Das gilt für die meisten PSM, für chemisch-synthetische im Besonderen und für einheimische Nützlinge gar nicht. Eine Handvoll Ohrengrübler vom nächsten Hochstämmer in der Obstanlage darf wohl getrost als unproblematisch bezeichnet werden.
Höchstwerte einhalten – aber nicht nur
Bleibt die Frage nach dem Risiko. Es gibt die Wahrscheinlichkeit an, dass eine vorhandene Gefahr einen Schaden verursacht. Ein giftiges PSM im Schrank ist eine Gefahr, sein Einsatz ein Risiko für Anwender und Umwelt, das sich durch Vorsichtsmassnahmen verringern lässt. Womit wir wieder bei der Zulassung wären, denn die regelt mit den Anwendungsvorschriften den genauen Einsatz. Dies mit dem Ziel, dass die gesetzlich definierten Höchstwerte in Gewässern und Lebensmitteln nicht überschritten werden. Aber auch das Staatsekretariat für Wirtschaft (Seco) ist an der Zulassung beteiligt. Ihm obliegt der Anwenderschutz – also den Schutz der Gesundheit von Landwirt(innen), die in ihrem Beruf PSM nutzen.
Es ist schön und gut, den Zulassungsbehörden zu vertrauen. Gefahren und Risken bleiben. Man wünscht sich eine Alternative, und es gibt sie.
Eine Pyramide mit Chemie an der Spitze
Das betont das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW), indem es den Schutz der Kulturen in Zukunft auf die Pyramide des integrierten Pflanzenschutzes basieren will. Das bedeutet Chemie als letztes Mittel, Prävention an erster Stelle und Prognosen sowie Schadschwellen, um informierte Entscheidungen zu treffen. Keine Bauchentscheide und immer gleiche Kochrezepte, sondern planvolles Vorgehen und situatives Handeln. So stellt man sich den Pflanzenschutz der Zukunft vor.
Das reduziert Gefahren und Risiken im Zusammenhang mit PSM. Ganz im Sinne des Absenkpfads. Es gibt jedoch eine Kehrseite der grünen Medaille. Gefahr und Risiko können steigen, dass Mengen und Qualität der Ernten nicht mehr stimmen. Doch ist das eine «unannehmbare» Nebenwirkung des integrierten Pflanzenschutzes?
Kein Bilderbuch, sondern eine Suche
Nein, denn Beispiele aus der Praxis zeigen, dass es funktionieren kann. Dabei gehen die Ansätze über den integrierten Pflanzenschutz hinaus und beziehen die Biodiversitätsförderung mit ein. Das ergibt sozusagen eine traumhafte Win-Win-Situation. «Ein Acker ist kein natürliches, aber trotzdem ein Ökosystem», um einen Praktiker zu zitieren. Das klingt nach Bilderbuch, ist jedoch die Suche nach einem Gleichgewicht, die viel Wissen und Nerven braucht. Aber Schweizer Landwirt(innen) sind gut ausgebildete Fachleute. Vielleicht haben auch die Weiterbildungskurse ihr Gutes, die es mit dem neuen Fachbewilligung Pflanzenschutz alle fünf Jahre zu besuchen gilt. So bleibt man auf dem Laufenden.
Hinweise, dass es eben doch geht
Und das BLW will funktionierende Lösungen in einem Demonstrationsnetzwerk in die Breite tragen. Man will die Forschung koordinieren und verbessern. Weiter sollen Zielvereinbarungen dafür sorgen, dass die integriert geschützten Produkte auch verkauft werden können. Im Gespräch sind da resistente Sorten, aber auch 2-Klass-Ware muss auf den Tisch. Wir wissen, dass Werbung funktioniert. Sonst würde nicht dermassen viel darin investiert.
Zur Erinnerung: Der Detailhandel liess in der Corona-Pandemie verlauten, übergrosses Gastrogemüse, dessen Absatzkanal damals wegen geschlossener Restaurants weggebrochen war, verkaufe sich bei ihnen. Es ist alles eine Frage der Kommunikation. Konsumenten kann man zwar nicht erziehen, aber bilden und begeistern. 2-Klass-Ware ist im Übrigen auch etwas für jene mit engem finanziellem Spielraum, wenn es günstiger angeboten wird. Im Idealfall ist ja auch der Anbau solcher Produkte weniger kostenintensiv, da z. B. Aufwände im Pflanzenschutz wegfallen. Dann fressen Marienkäfer die Läuse, anstatt dass sie unter der Feldspritze eingehen.
Freiheit und Risiko eines Unternehmers
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Jeder und jede hat selbst die Kontrolle darüber, wie der Pflanzenschutz auf dem eigenen Betrieb umgesetzt wird. Das ist unternehmerische Freiheit und zugleich unternehmerisches Risiko. Das BLW soll an den passenden Rahmenbedingungen arbeiten, damit sich Schutz von Umwelt, Kulturen und Anwender(innen) in Zukunft besser vereinen lässt – wie es angekündigt hat.

