«Alles ist Gift, auf die Dosis kommt es an», wusste schon im 16. Jahrhundert der Arzt und Naturforscher Paracelsus. Nicht alles, was heute an Stoffen oder Rückständen in der Umwelt messbar ist, schadet Menschen. Vor allem chemisch-synthetische Mittel zum Schutz der Pflanzen sind heute aber sehr unter Druck, der politisch beschlossene Absenkpfad will deren Einsatz weiter reduzieren. So gibt es immer weniger Mittel und Wirkstoffe. Andererseits nehmen Krankheiten und Schädlingsbefall bei Kulturen zu, auch wegen der Mobilität und klimatischen Veränderungen.

Risiken einschätzen fällt schwer

«Zwischen Wirkung und Risiko: Pflanzenschutzmittel im Fokus»: Zu diesem Thema referierte am Luzerner Pflanzenschutzabend vom 24. Februar Philippe Fuchs, Fachbereichsleiter Spezialkulturen und Pflanzenschutz am BBZN Hohenrain. Er wies auf die Zielkonflikte zwischen Schutz der Kulturen und negativen Auswirkungen auf die Umwelt hin. «Risiken richtig einzuschätzen, fällt uns Menschen schwer.» Je nach Ereignis gebe es grosse Diskrepanzen zwischen Risikowahrnehmung und tatsächlichem Risiko. So sei die Wahrscheinlichkeit, einem Flugzeugabsturz oder einem Terrorakt zum Opfer zu fallen, viel kleiner als das Risiko eines Autounfalles oder einer Krebserkrankung.

Wahrnehmung ist unterschiedlich

Bei Pflanzenschutzmitteln (PSM) sei sowohl die Risikowahrnehmung wie auch das tatsächliche Risiko viel weniger klar. So auch, weil im Gegensatz zu Arzneimitteln keine klinischen Studien an Menschen verfügbar sind, die toxikologische Bewertung von PSM somit unzuverlässig sei. Eine nüchterne Risiko-Nutzen-Abwägung sei somit schwierig, und eigentlich sei das Risiko von PSM für Personen in der Landwirtschaft am höchsten. Er verwies in diesem Zusammenhang auf aktuelle Medienberichte auch in der BauernZeitung, wonach Frankreich Prostatakrebs als Berufskrankheit wegen Pflanzenschutz anerkenne.

Wichtig sei deshalb das Risikomanagement, um entweder Risiken ganz zu vermeiden (beispielsweise durch Verbote von PSM) oder zumindest zu mindern (durch gute fachliche Praxis bei der Anwendung von PSM).

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Die Risiken abwägen

Pflanzenschutz werde in der Tat immer komplexer und anspruchsvoller, auch bei der Risikobeurteilung im Zulassungsprozess. So könnten neue toxikologische Erkenntnisse dazu führen, dass bisher zugelassene Mittel künftig verboten werden. Die Feststellung «Wahrscheinlich krebserregend» bringe aber keine absolute Gewissheit. Und ohne gesetzliche Grenzwerte seien Vollzugsmassnahmen aufgrund ökotoxikologischer Beurteilungen  schwierig. 

Abo Pflanzenschutz Viel zu viel Deltamethrin im Bach Wyna: Beratung soll Einträge senken Thursday, 15. January 2026 Philippe Fuchs nannte als Fallbeispiel die hohen Werte von Deltamethrin (ein Pyrethroid), welche kürzlich im Luzerner Bach Wyna gemessen wurden. Deltamethrin sei für Insekten und Wassertiere sehr neurotoxisch, beinhalte deshalb höhere ökologische Risiken und bedinge eine Sonderbewilligung (beispielsweise für den Einsatz gegen Rapsglanzkäfer).

Fehlende Alternativen für den Pflanzenschutz

Die Giftigkeit von Deltamethrin in Oberflächengewässern sei nicht zu unterschätzen, die Werte des sogenannten «chronischen Qualitätskriteriums CQK» seien bei anderen Insektiziden oder auch beim Herbizid Glyphosat um Faktoren höher, heisst: Risiko-toleranter. Philippe Fuchs präsentierte Beispiele von «PSM-Toleranz» im Sempachersee: So erträgt es lediglich ein Viertel eines Würfelzuckers im See bei Deltamethrin, hingegen 57 kg Zucker bei Primicarb und gar 76 t Zucker bei Glyphosat. Dass gleichwohl für Deltamethrin kürzlich trotz grosser Kritik noch keine Grenzwerte festgelegt wurden, hänge auch mit einer politischen Abwägung von Nutzen und Risiken zusammen. So würden eben auch Aspekte wie fehlende Alternativen für den Pflanzenschutz, die Bedeutung der Produktion und die Ernährungssicherheit gewichtet. 

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Auf gute fachliche Praxis achten

Das Fazit von Philippe Fuchs: Die Abwägung von Nutzen und Risiko von Pflanzenschutzmitteln sei komplex und oft emotional und politisch, der Pflanzenschutz bleibe hohem Druck ausgesetzt. Er rief deshalb dazu auf, zur Risikominderung die gute fachliche Praxis konsequent und korrekt umzusetzen. Das heisst, auf persönliche Schutzausrüstung zu achten, sowie Produkt- und Anwendungsauflagen strikte zu befolgen.

Präventive Massnahmen zum Pflanzenschutz könnten dazu beitragen, dass es weniger chemische Mittel brauche, so indem beispielsweise beim Raps auf eine optimale Jugendentwicklung geachtet werde, mit guter Nährstoffversorgung, feinem Saatbeet und früher Saat vor dem 25. August. «Die Pflanzen sollen kräftig sein, wenn der Schädling kommt.» Mediale Schlagzeilen wie beim Fall Wyna könne sich die Landwirtschaft nicht leisten, das habe sonst grosse Konsequenzen und erhöhe den Druck für Verbote.