Als Kind mied man sie, weil eine Berührung mit den Blättern fies brannte. Als Erwachsene riss man sie im Garten aus, weil sie als lästiges Unkraut mit Hang zum Wuchern galt. Doch inzwischen ist die Brennnessel rehabilitiert und man kann die Pflanze und die Samen in Gartencentern oder Onlineshops bestellen.
«Die Brennnessel ist kein Unkraut, sondern eine Wunderpflanze», sagt Naturpädagogin Nadja Hillgruber. In Zusammenarbeit mit dem Gartencenter Roth Pflanzen in Kesswil TG bieten sie und die Umweltberaterin Doris Abt diverse Kurse und Events rund um die Brennnessel an. «Die Brennnessel ist nicht nur ein wahres Multitalent in der Natur, sondern auch ein Symbol für die Rückkehr zu den Wurzeln des Handwerks und der nachhaltigen Nutzung», schreiben die beiden Frauen zu ihrem Engagement.
Kann schon ab Februar genutzt werden
Das fängt schon im Februar an: Bereits dann kann man aus den Wurzeln ein Haarwasser herstellen. Ab März kann die Pflanze für Pesto oder eine Wildkräutersuppe verwendet werden. «Sobald die Nessel rund 40 cm gross ist, lässt sie sich kulinarisch nutzen», weiss Nadja Hillgruber.
Etwa Ende April und im Mai kann man die Pflanze zurückschneiden, die Blätter trocknen und für Tee verwenden. Die Blätter eignen sich auch für einen erdig und würzig schmeckenden Spinat oder zum Färben.[IMG 5]
Ab Juni kann aus der Pflanze eine Jauche hergestellt werden. Ab August können die nussig schmeckenden Samen geerntet werden. Getrocknet und geröstet passen sie zum Beispiel in ein Müesli. «Die weiblichen Samen schmecken besser», sagt Nadja Hillgruber. Man erkenne sie daran, dass sie wie Trauben an der Pflanze nach unten hängen.
Schnüre aus Brennnesselfasern fertigen
Ab dem Spätherbst bis in den Winter ist die beste Zeit, um Brennnessel-Stängel zu ernten, die dann kein Chlorophyll mehr haben. Mit den Fasern können Fäden, Bänder, Schnüre gefertigt werden, etwa als Gartenkordeln. Um die Fasern aus dem Holz der Stängel herauslösen zu können, muss man die Pflanze allerdings für einige Wochen ins Gras legen, sie wird «taugeröstet»: Durch Tau, Regen und Bakterien beginnt ein Verrottungsprozess.
Dabei werden die Pektine abgebaut, die die Fasern am holzigen Kern halten. «Das ist wie im Märchen vom Rumpelstilzchen», meint Nadja Hillgruber schmunzelnd. «Aus Stroh wird Gold.» Aus den Fasern der Himalaya-Nessel können sogar Stoffe gewoben werden.
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Brennnesseln schaffen wertvollen Lebensraum
Die Brennnessel ist auch für zahlreiche Tiere unverzichtbar. Fast 50 Schmetterlingsarten – darunter Admiral, Tagpfauenauge und Kleiner Fuchs – nutzen die Brennnessel für die Ernährung ihrer Raupen, einige sind sogar auf die Pflanze angewiesen.
Auch viele andere Insekten, Käfer und kleine Spinnen finden in den meist dichten Beständen Schutz und Nahrung. Wer also Brennnesseln im Garten stehenlässt, schafft wertvollen Lebensraum. «Man wird generell offener für Wildkräuter», sagt Doris Abt, das gelte auch für Giersch oder Löwenzahn.
Sie lässt sich nicht überall ansiedeln
Brennnesseln wachsen häufig in der Nähe von Häusern, an Zäunen oder Wegrändern, dort wo Mensch und Natur sich begegnen. Doch auch wenn man die Pflanze und ihre Samen heute kaufen kann, heisst das nicht, dass sie überall wächst. «Man kann keine Pflanze zwingen, sich dauerhaft anzusiedeln», stellt Doris Abt klar. «Sie komme von selbst oder bleibe, wenn die Bedingungen stimmen.» [IMG 6]
Neben ihrer Bedeutung für die Tierwelt bringt die Pflanze auch den Menschen etwas: Sie wirkt entwässernd, blutbildend und ist reich an Vitamin C. Selbst der vorsichtige Kontakt kann genutzt werden – manche schwören darauf, sich mit frischen Trieben zu «brennen», um die Durchblutung anzuregen. Dennoch gilt: Vorsicht bei empfindlicher Haut oder Heuschnupfen.
Anbau und Landwirtschaft: zwischen Experiment und Potenzial
Auch in der Landwirtschaft rückt die Brennnessel langsam in den Fokus, wie der Verein Brennpunkt Brennnessel und das Start-up SwissNettle zeigen. Für diese engagieren sich Doris Abt und Umweltberater Martin Hofer.
Gemeinsam mit der Hochschule Luzern, einem grossen Netzwerk an Fachpersonen und verschiedenen Landwirten will das Unternehmen prüfen, ob und wie sich die Pflanze für die Bereiche Ernährung, Gesundheit, Schönheit, Tierfutter, Dünger und Faserproduktion nutzen lässt.[IMG 4]
«Derzeit bauen wir Brennnesseln auf zwei Parzellen im Zürcher Oberland an», erklärt Doris Abt. «Wir können bisher nur auf wenige konkrete Antworten zurückgreifen, daher suchen wir selbst danach.
Vieles musste ausprobiert werden, vom Anbau über die Ernte bis zur Verarbeitung.» Klar sei aber bereits: «Die Brennnessel ist eine mehrjährige, wertvolle Pflanze mit Zukunft, aber auch mit vielen offenen Fragen.»
Technische Hürden bei der Nutzung sind noch nicht überwunden
So gedeiht sie nicht überall gleich gut. Auf stark bewirtschafteten Feldern wächst sie oft weniger üppig. Auch technische Hürden bestehen: «Es wächst viel Gras zwischen den Brennnesseln», sagt Doris Abt.
Und geeignete Maschinen für die Ernte – etwa der Samen – fehlen bislang. Vieles muss von Hand gemacht werden, gerade bei den Fasern, da sich die feinen Faserbündel maschinell nur sehr schwer von den Stängeln lösen. Die gesamten Prozesse effizient und nachhaltig zu gestalten, ist eine Herausforderung mit offenem Ausgang.
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Brennnesseln sind gut für Tiere
Tiere wie Schafe und Ziegen fressen leicht angetrocknete oder verarbeitete Brennnesseln gern. «Ältere Bauern erzählen mir häufig, dass sie ihren Kühen um die Geburt herum Brennnesseln gäben», so Doris Abt.
Und von einem Demeter-Landwirt hörte sie, dass seine Tiere mehr Milch gäben, wenn sie mit der Pflanze gefüttert würden. Es müsse aber nicht immer die frische Pflanze sein. Für die Gesundheit von Tier und Mensch sei die Brennnessel als Pellets, Pulver oder Samen einfach einsetzbar.
Noch gibt es viel zu entdecken rund um die Brennnessel. Ein Grund mehr, ihr im Hausgarten einen Platz zu überlassen. Man kann sie sogar anfassen: fest von unten nach oben greifen, sodass die feinen Brennhaare flachgedrückt werden, statt abzubrechen.
Weitere Informationen
www.brennpunktbrennnessel.ch
https://swissnettle.ch
www.feroxnaturaartis.ch