Bei den Treffen des Landfrauenvereins sagt die 42-jährige Bäuerin jeweils kaum etwas. «Die sind alle viel witziger und gescheiter als ich», denkt sie über die anderen. Der junge Bauer lernt für die Meisterprüfung und bekommt dabei Panikattacken. Er ist überzeugt: «Ich werde die Prüfung nie bestehen, ich bin zu dumm dazu.»
«Studien ergaben, dass fast 90 Prozent der Menschen in der westlichen Welt denken, sie seien nicht gut genug», weiss Ursula Liechti. «Doch wir können lernen, uns selbst anzunehmen und zu lieben.» Ursula Liechti ist seit über 20 Jahren selbstständige Coach, lebt in Kiental BE und hat über das Nicht-gut-genug-Sein ein Buch geschrieben.
«Nicht gut genug» zeigt sich auf verschiedene Art
Buchtipp
Ursula Liechti
Gut genug
Eine Anleitung zur Selbstliebe
138 Seiten, Weber Verlag
Fühlt man sich nicht gut genug, kann sich das unter anderem so zeigen:
- Man kann nicht nein sagen.
- Man fühlt sich nie und nirgends willkommen.
- Man kümmert sich um andere besser als um sich selbst.
- Man nimmt sich immer zurück, möchte nicht aufdringlich sein und hat Angst, jemandem auf die Nerven zu gehen.
- Man glaubt, man habe immer Pech.
- Man traut sich nicht, Wünsche anzubringen.
- Man hat ständig Angst, etwas falsch gemacht zu haben.
- Man will perfekt sein, dazugehören.
Zudem bildet der Körper vermehrt Stresshormone, der Atem beschleunigt sich, Puls und Blutdruck steigen, man spannt Muskeln an, knirscht mit den Zähnen. Auch die Verdauung und die Schlafqualität können darunter leiden. «Im Nicht-gut-genug-Sein zu leben, bedeutet, in einer Dauerhypnose zu sein», so Ursula Liechti. «Sätze wie ‹Du musst nur an Dich glauben›, helfen da wenig. Man muss die alten Muster durchbrechen, und das bedeutet Arbeit.»
Lebensfroh und selbstbewusst
Ursula Liechti spricht aus eigener Erfahrung. Auch sie fühlte sich lange nicht gut genug, bis sie sich entschied, einen anderen Weg einzuschlagen. «Gut genug zu sein, heisst für mich, ich bin lebensfroh und selbstbewusst. Ich lebe nicht ständig in der Angst», sagt sie und betont: «Es geht dabei um Selbstliebe, nicht um Egoismus. Selbstliebe ist eine innere Kraft.»[IMG 3]
Doch wie fängt man an, sich gut genug zu fühlen? Gerade Bäuerinnen und Bauern seien oft sehr eingespannt, weiss Ursula Liechti aus ihrem Umfeld im Berner Oberland. «Viele denken: Es geht nicht anders, es muss so sein, schon die Eltern haben das so gemacht. Sie übersehen und überhören ihre eigenen Bedürfnisse.»
Auf den Körper hören
Ein erster Schritt könne sein, den eigenen Körper wieder zu spüren: den Boden unter den Füssen fühlen, sich aufrichten, bewusst atmen. «Es hilft auch, darauf zu achten, wie Gedanken und Emotionen zusammenspielen», so Ursula Liechti. «Denn die meisten Gedanken kehren täglich wieder. Doch möchte man ihnen wirklich so viel Platz im Kopf geben?»
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Hoffen, dass es von selbst anders werde, sei kein guter Einstieg, so Ursula Liechti weiter. «Denn dann kann man selbst nichts dazu beitragen.» Klüger sei, ein konkretes Ziel zu formulieren. Etwa: «Ich gehe jeden Tag eine halbe Stunde spazieren.» Oder: «Ich gebe nur noch einen statt drei Löffel Zucker in den Kaffee.» «Sich ein Ziel zu setzen, heisst auch, sich wertzuschätzen», erklärt Ursula Liechti dazu. «Im Sinne von: Die Umsetzung braucht zwar Kraft und Geduld, doch das bin ich mir wert.» Also sind Neujahrsvorsätze sinnvoll? Sie schüttelt den Kopf. «Diese ewige Selbstoptimierung ist oberflächlich und geht der Sache nicht auf den Grund. Zudem geht es beim Gut-genug-Sein nicht darum, besser als die anderen zu sein oder nach aussen etwas darzustellen. Vielmehr wächst es von innen und man fühlt sich ruhig und frei.»