Simona Gisler brachte ihren roten Lebensrettungsrucksack an den Landfrauentag in Frauenfeld TG mit. Nicht etwa, weil sie einen Notfall befürchtete. Vielmehr ist der Rucksack ein Symbol im Leben der ehemaligen Rettungssanitäterin: «Lange Zeit habe ich immer andere gerettet», hielt die Schaffhauserin in ihrem Referat fest. Bis sie schliesslich gemerkt habe, dass sie ja der wichtigste Mensch in ihrem Leben sei, der zuerst sich selbst retten müsse, um anderen helfen zu können.
Schon früh unter grossem Druck
Simona Gisler verriet in ihrem Gastreferat, wie es dazu kam: Ihre Kindheit war geprägt von Regeln und dem Streben nach Perfektion. Mit vier Jahren fing sie mit Ballett an, weiter ging es mit Kunstturnen und später mit Leichtathletik. Ihre eigenen Bedürfnisse seien dabei auf der Strecke geblieben, stattdessen habe sie sich von Glaubenssätzen wie «Bleib auf dem Boden» oder «Sei stark» leiten lassen. Nach der Schulzeit liess sich Gisler zur Psychiatrie-Krankenpflegerin ausbilden, wurde Hauptmann in der Armee und kam zum Rettungsdienst.
«Als Rettungssanitäterin habe ich gegen Sekunden gekämpft und mit den Händen Leben gerettet», erzählt die heute 47-Jährige. Doch mit der Zeit bekam sie es mit Herzrasen, Schlaflosigkeit und Panikattacken zu tun. Erste «Rauchmelder» dafür, dass es ihr selbst nicht gut ging, habe sie ignoriert. Es kam noch schlimmer.
Vom «Überleben» zurück ins «Leben»
Simona Gisler erlitt eine Eileiterschwangerschaft, die beinahe tödlich ausgegangen wäre. 2013 durfte sie ihre Tochter aus Äthiopien abholen, doch zwei Jahre später schlug das Schicksal mit der Diagnose Eierstockkrebs erneut zu. «Ich war wie erstarrt und funktionierte nur noch», erinnerte sich die Referentin.
Die Heilung kündigte sich leise an. «Aus dem Überleben kam ich langsam wieder ins Leben zurück», sagte Simona Gisler rückblickend. Als es ihr wieder besser ging, begab sie sich auf die Suche und absolvierte eine Reihe von Lehrgängen, unter anderem in Hypnose, Yoga und Persönlichkeitsentwicklung.
Zudem liess sie sich zum Wellnesscoach im Bereich orthomolekularer Medizin ausbilden. Bei dieser steht die Anwendung von Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und Fettsäuren im Zentrum.
Drei S helfen, Probleme besser zu meistern
Schliesslich begann Simona Gisler, sich an der 3-S-Methode zu orientieren:
Sichern: Analysieren und Bewusstwerden der Probleme und Herausforderungen.
Stabilisieren: Transformieren der Glaubensätze und Blockaden, Entwickeln von Strategien zur Veränderung. Oft handelt es sich dabei um kleine Schritte.
Stärken: Die erarbeiteten Veränderungen nachhaltig in den Alltag einbauen und ein Unterstützungssystem aufbauen.
Heute ist Simona Gisler in Stein am Rhein SH als Coach für Lebenskrisen tätig und kann dabei auf ihre eigenen Erfahrungen zurückgreifen. Es gehe darum, vom reinen Überleben zum Leben und sogar zum «Leben Plus» zu kommen, wie sie es nennt. «Jeder Mensch hat seinen Rucksack, nicht leichter oder schwerer, aber anders», ist Gisler überzeugt.
Ihren eigenen Rucksack mit dem vermeintlichen Ballast sieht sie als ihr Kapital, das sie zu dem gemacht hat, was sie heute ist.