Auf gemischten Betrieben ist Gülle ein wertvoller Dünger, der quasi nebenbei anfällt – im Gegensatz zu Mineraldünger aus dem Sack muss man ihn nicht kaufen. Dafür trägt die Gülle aber auch kein Etikett, das über die genaue Zusammensetzung Auskunft geben würde. «Die Gehalte von Hofdüngern sind sehr variabel», hält Aline Dallo fest. Die Agronomin ist am Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL) tätig. An der Jahrestagung Ackerbau des FiBL in Frick AG erklärte sie, wie mit der Quasi-Blackbox Gülle umgegangen werden kann.

Analysepaket für 120 Franken

Anhaltspunkte zu den Nährstoffgehalten von Hofdüngern geben die Normwerte der Grud je nach Tierkategorie. Jahreszeitliche Schwankungen mit verschiedener Verdünnung und Futterration sorgen für zusätzliche Unterschiede innerhalb eines Betriebs. «Die höchsten N-Gehalte treten im Schwemmkanal und in der Vorgrube auf», ergänzte Aline Dallo. Der Lagerort spielt demnach ebenso eine Rolle.

Entsprechend schwierig wird es, Schlüsse aus einer analysierten Gülleprobe zu ziehen. Da diese nur eine Jahreszeit abbilde, sei mehrmaliges Beproben ratsam. Pro Probe schlägt das mit rund 120 Franken zu Buche. Bei korrekter Probenahme – mindestens 30 Minuten vorher aufrühren, saubere Schöpfkelle verwenden, gleich grosse Teilproben von verschiedenen Bereichen mischen und alles innert 24 Stunden ins Labor senden – erhält man dafür Werte zu diversen Nährstoffen und zusätzliche Angaben etwa zu pH-Wert und TS-Gehalt der Gülle.

TS-Gehalt für Rindergülle schätzen

Eine einfachere Variante ist die Gülle-Messspindel. Sie misst die Dichte der Gülle, liefert also eine Schätzung des TS-Gehalts von 0 – 8 Prozent. Verrechnet mit den Grud-Werten (Nährstoffgehalte in kg/m3 Gülle) ergeben sich die ungefähren Gehalte:

Stickstoff gesamt (kg/m3) = TS (%) x Faktor Stickstoff Gesamt (Für Vollgülle von Kühen oder Aufzucht 0,433, Vollgülle aus Rindviehmast 0,444, kotarme Gülle von Kühen oder Aufzucht 0,6)

 «Diese Umrechnung passt gut für Rindergülle, für Schweinegülle weniger», bemerkte Aline Dallo. Eine solche Messspindel kostet ihr zufolge 50 Euro, der Versand sei bisher ihrer Erfahrung nach aber nur nach Deutschland möglich.

Was in der Gülle enthalten ist, ist jedoch nicht automatisch auch pflanzenverfügbar. Wasserlöslicher Stickstoff – von dem es in Gülle mehr hat als in Mist – steht den Pflanzen nach der Ausbringung schnell zur Verfügung. Das trifft etwa auf Ammonium zu. Zu beachten ist eine verlustarme Ausbringung, um keinen Stickstoff zu verlieren. Beim Anteil löslichen Stickstoffs am Gesamtstickstoff in der Gülle gibt es wiederum grosse Unterschiede je nach Tierkategorie (siehe Grud). Gülle aus Schweinemast weist die höchsten Werte auf.

Grud liefert Richtwerte zu verfügbaren Mengen

Gesamt- und löslicher Stickstoff im Hofdünger lassen sich analytisch bestimmen. Der verfügbare N – was die Kultur also innerhalb von rund drei Jahren aufnehmen kann – ist hingegen schwerer abzuschätzen. Hierzu enthält die Grud Richtwerte zu den verfügbaren Mengen im Anwendungsjahr und im Folgejahr. «Bei regelmässigem Hofdüngereinsatz kann man mit der mittelfristigen N-Verfügbarkeit über drei Jahre rechnen», so Aline Dallo. Das ermöglicht eine genauere Düngeplanung, um Hofdünger in der Fruchtfolge gezielt einzusetzen. Die Agronomin empfiehlt, für den Ackerbau die unteren Werte der Grud-Tabelle zu verwenden und für den Futterbau die oberen.[IMG 2]

Wenn bekannt ist, wie viel Nährstoffe die Gülle liefert und über welchen Zeitraum, bleibt eine sinnvolle Aufteilung zu machen. Aline Dallo rät zur Methode der korrigierten Normen, um den Bedarf der Kulturen zu bestimmen. Dieses Verfahren arbeitet mit sieben Korrekturfaktoren (Ertrag, organische Substanz und Tongehalt des Bodens, Vorfrucht, Nachwirkung organischer Düngung, mehrmaliges Hacken, Regen, Witterung im Frühling), um von Ertragsnormen auf die Verhältnisse des Einzelbetriebs zu kommen.

Die Verhältnisse sind nicht unbedingt passend

Hofdünger decken laut dem Schweizer Bauernverband 60 Prozent des Stickstoffbedarf der Betriebe, 80 Prozent sind es beim Phosphor und 88 Prozent beim Kalium. Die Nährstoffverhältnisse in der Gülle passen aber nicht zwingend zum Bedarf der Kulturen. «Weil überall Stickstoffverluste auftreten, kommt es zu einer relativen P- und K-Anreicherung während des Hofdüngermanagements», sagt Aline Dallo. Hinzukommt, dass die Ausnutzung von P und K aus organischen Düngern langfristig bei 100 Prozent liegt – im Gegensatz zu N, bei dem aufgrund von  Verlusten nur 20 Prozent bis maximal 80 Prozent ausgenutzt werden kann. Um eine allfällige Überversorgung mit diesen Nährstoffen auszugleichen, könnten Leguminosen als Stickstofflieferanten eingesetzt werden. Biobetriebe können auf P-/K-armen Handelsdünger ausweichen, etwa Produkte aus Horn, Federn und Haaren. Aber: «Die P- und K-Düngung muss über die ganze Fruchtfolge stimmen, und nicht in jedem einzelnen Jahr.»

Sofort einarbeiten – «Jede Minute zählt»

Stickstoff ist einer der wertvollsten Inhaltsstoffe der Gülle. Damit er nicht verloren geht, rät Aline Dallo zur sofortigen Einarbeitung. «Jede Minute zählt», betont sie. Die grössten Verluste würden nämlich direkt nach dem Ausbringen auftreten. «je höher der N-Gehalt und je mehr Ammonium im Hofdünger ist, desto wichtiger ist das schnelle Einarbeiten.» Im Fall von Mist sei die N-Düngereffizienz bei flacher Einarbeitung bis maximal 20 cm deutlich höher, als wenn tiefer gearbeitet wird. Gleichmässig einmischen und mit einer dünnen Bodenschicht bedecken, so Dallos Empfehlung. Eine wirksame Massnahme ist ausserdem das Verdünnen: Gülle generell 1:2, besser 1:3 verdünnen.

Dünger für Gründüngungen?

Der organische Dünger wird im Boden nach und nach mineralisiert. Vor allem nach der Ernte im Herbst steige dadurch die Gefahr für Nitratauswaschung. «Daher ist insbesondere bei organischer Düngung eine Bodenbedeckung wichtig.» Eine rechtzeitig gesäte und etablierte Gründüngung schützt vor N-Verlusten in der Zeit, wenn keine Kultur auf dem Feld steht. Gründüngungen zu düngen hält Aline Dallo indes nicht für sinnvoll. «Die Übertragung von Düngerstickstoff aus der Gründüngung an die Folgekultur ist ineffizient», so ihre Begründung. Eine Güllegabe zur Gründüngung mache nur dann Sinn, wenn sich damit eine Ertragserhöhung bewirken lässt und die Gründüngung z. B. als Futter geerntet wird. 

Anders sieht es aus bei Düngern mit geringer direkter N-Düngewirkung wie Grüngutkompost. Hier bleibt der Stickstoff eher erhalten, bis im Frühling eine neue Kultur darauf zugreifen kann.

Richtige Anwendung der Gülle-Messspindel

Gülle gründlich aufrühren und eine Probe in ein tiefes Gefäss geben (die Spindel muss schwimmen können). Für den Einsatz der Messspindel sollte die Gülle eine Temperatur von 15 – 16 Grad aufweisen. Das Instrument eintauchen und schwimmen lassen. Nach einer Minute auf der Skala über der Gülleoberfläche den TS-Gehalt ablesen.