Er wird seit Monaten massenhaft eingesetzt, der Holsteinstier Pellegrino-ET. Der Grund: Er vererbt über 2000 kg Milch und das scheint die Züchterschaft zu begeistern. Nun hört man von den Tierzuchtlehrern munkeln, die Töchter von Pellegrino würden einmal nicht alt, denn viele Landwirte könnten die Pellegrinos während der Laktation gar nicht richtig füttern, weil sie so viel Milch geben würden.

Pellegrino trifft den Nerv der Züchterschaft

Der Franzose Pellegrino ist in unserem Nachbarland nachzuchtgeprüft. In der Schweiz werden die ältesten Töchter im Sommer erst ein Jahr alt. Trotzdem, mit seinen +2316 kg Milch bei +0,02% Fett und -0,12% Eiweiss, scheint der Topnotch-Sohn den Nerv der Züchterschaft getroffen zu haben. Denn die Besamungszahlen von Pellegrino sind weit höher, als die von allen Swiss Fleckviehstieren zusammen. Trotz dieser hohen Leistung kommt Pellegrino immer noch auf einen Fitnesswert von 110, was deutlich über dem Rassenschnitt von 100 liegt, mit einer Nutzungsdauer von unglaublichen 123.

Wie heisst es doch so schön: Die Genetik ist vielfach weiter als das Management der Züchterschaft. Sie ist weiter als das Wissen der Bauern, welche solche Hochleistungstiere füttern können. Wie füttert man denn solche Kühe oder Rinder – wenn sie 40, 50 oder 60 kg Milch oder mehr am Tag geben – am besten, ohne dabei krank zu werden?

Nur dort einsetzen, wo nötig

Die BauernZeitung hat bei einem Tierzuchtlehrer nachgefragt, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. «Der Stier Pellegrino passt sicher nicht auf jede Kuh und auf jeden Betrieb. Ich würde ihn nur dort einsetzen, wo die Kuhlinien wenig Milch mit sich führen», sagt er. Pellegrino auf Kühe, die schon über 12 000 kg geben würden, sei sicher eher kontraproduktiv. 

Viel wichtiger als eine hohe Einsatzleistung sei die Persistenz. «Eine Kuh mit 40 kg Tagesmilch mit einer Persistenz von 90 bis 95% ist viel einfacher zu handhaben und zu füttern als eine Kuh mit 60 kg Milch mit einer Persistenz von 70%.» Für den Tierzuchtlehrer sei es wichtig, dass nach dem Abkalben auf jeden Fall die Energieversorgung stimme. 

«Es nützt nichts, mit einer hohen Eiweissgabe die Leistung noch zusätzlich zu pushen», hält er fest. Damit die Kuh oder das Rind nach dem Abkalben richtig frisst, sei auch während der Galtphase darauf zu achten, dass der Futterverzehr hoch bleibe. «Deutsche Studien hätten gezeigt, dass für den Beginn in der Galtphase ein NEL von zirka 5,5% und ein Rohprotein von 12 bis 13 % essenziell für die Pansenmikroben und für die spätere Leistung seien.»

Pellegrino verspricht Töchter mit guten Eutern

Man dürfe den Stier Pellegrino sicher nicht mit den Holsteinstieren Bellwood oder Manfred vergleichen, welche vor 20 Jahren auch so einen enormen Milchzuchtwert aufwiesen. «Die Töchter von Bellwood und Manfred hatten sehr voluminöse Euter, mit schlechter Aufhängung. Dazu kam ihre hohe Milchleistung. Das führte dazu, dass die meisten ihrer Töchter nicht alt wurden», sagt der Tierzuchtlehrer. 

Bei Pellegrino sei das anders: Denn der französische Nachzuchtbeschrieb verspricht Töchter mit Eutern, welche hoch und breit aufgehängt sind. Spätestens in vier Jahren werden wir in der Schweiz sehen, ob Pellegrino das liefern kann, was er versprochen hat. Oder ob wir hierzulande wiederum einen zweiten Bellwood, mit Töchtern haben werden, die nicht alt geworden sind.

Einer der es wissen muss, wie man Kühe mit hohen Einsatzleistungen richtig füttert, ist Benjamin Laville, Leiter Product und Innovation Milchvieh bei Melior. Wir haben den Fachmann diesbezüglich nach seiner Meinung gefragt:

Schon seit Monaten ist der Holsteinstier Pellegrino mit plus 2300 kg Milch der meisteingesetzte Stier in der Schweiz. Die Kritiker behaupten, dass man die Töchter von Pellegrino einmal nicht bedarfsgerecht füttern kann und sie deshalb nicht alt werden. Teilen Sie diese Meinung?

Benjamin Laville: Nein, es gibt keine Anhaltspunkte, die diese Behauptung bestätigen. Hier geht es um den Zuchtwert des Vatertieres und nicht um den Zuchtwert seiner Töchter – und schon gar nicht um deren zukünftige Milchleistungen. Tatsächlich sind es das Umfeld beziehungsweise die Haltungsbedingungen, welche bestimmen, wie gut eine Kuh ihr gesamtes Milchleistungspotenzial ausschöpfen kann. Wenn Tiere mit hohem genetischen Potenzial – ebenso wie solche mit moderatem Potenzial – nicht korrekt gefüttert werden, fallen die tatsächlichen Leistungen entsprechend geringer aus.[IMG 2]

Schliesslich lässt sich auch die Langlebigkeit einer Kuh nicht direkt mit dem Zuchtwert in Verbindung bringen. Betrachtet man Kühe mit über 100 000 kg Lebensleistung, zeigt sich, dass sie zwar meist überdurchschnittliche Milchleistungen hatten, gleichzeitig aber auch ein hohes Alter erreicht hatten.

Welche Betriebe sollen Stiere, die über 2000 kg Milch vererben einsetzen?

Für diejenigen, die Milch effizient und wirtschaftlich produzieren möchten, mit Tieren, die in der Lage sind, Grundfutter optimal zu verwerten und umzusetzen. Für diejenigen, die die genetischen Eigenschaften der Milch langfristig festigen, deren Sicherheit erhöhen (B % Milch) und damit den genetischen Wert der Herde steigern möchten. Häufig sind Betriebe mit hohen Milchleistungen jene, die seit vielen Jahren Stiere mit hohen Zuchtwerten für Milch einsetzen.

Wie sieht eine bedarfsgerechte Fütterung aus, wenn ein Rind 40 kg Tagesmilch oder eine Kuh 50 kg Milch und mehr gibt?

Zunächst muss den Tieren eine exakt abgestimmte und ausgewogene Grundration ohne Selektionsmöglichkeit angeboten werden. Diese Ration besteht aus Futtermitteln, die auf gesunden Böden gewachsen sind und sorgfältig konserviert wurden. Die Grundration wird anschliessend durch Energie- und Eiweisskonzentrate sowie eine gezielte Mineralstoffversorgung ergänzt und ausbalanciert. 

Darüber hinaus werden Ergänzungsfuttermittel an der Krippe, am Kraftfutterautomaten oder am Melkroboter entsprechend dem unterschiedlichen Leistungsniveau von Erst- und Mehrkalbrigen Tieren zugeteilt. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Startphase der Laktation, in der gezielt spezifische Zusatzstoffe eingesetzt werden, um den metabolischen Stress zu unterstützen beziehungsweise zu reduzieren. Während der ersten Laktation ist zudem darauf zu achten, dass die Wachstumsbedürfnisse der Erstkalbinnen gedeckt werden, indem die Futtergaben entsprechend angepasst werden.

Welche Fehler machen die Landwirte bei der Fütterung, wenn ihre Tiere hohe Leistungen erbringen wollen und können?

Die Risiken für Fehler liegen hauptsächlich im Managementbereich, welcher den spezifischen Bedürfnissen der Tiere in den unterschiedlichen Produktionsphasen nicht gerecht wird. Zudem gibt es zahlreiche Akteure, die rund um die Landwirte tätig sind, und es ist nicht immer einfach, den Überblick zu behalten – insbesondere dann nicht, wenn in Fütterungs- und Managementfragen keine einheitliche Linie besteht. Um Fehler zu vermeiden, die Geld kosten, gefällt mir folgende Empfehlung besonders gut: «Was man voraussieht, muss man später nicht erleiden.»

Stimmt die These, dass die Genetik heute viel weiter ist als das Wissen der Betriebsleiter?

Das glaube ich nicht. Der Phänotyp ist das Ergebnis des Zusammenspiels zwischen Genotyp und Umwelteinfluss. Der Landwirt beziehungsweise die Landwirtin tragen entscheidend zur Ausprägung des Phänotyps bei. Meiner Meinung nach sollte man den genetischen Fortschritt nicht allein auf die Fütterung reduzieren. 

Die Fütterung spielt zwar eine wichtige Rolle, und tatsächlich darf man gewisse Schlüsselfaktoren dabei nicht vernachlässigen; dennoch beeinflussen auch alle anderen Umweltfaktoren direkt die Leistungen der Tiere – etwa der Zustand der Böden, des Stalls, der Tierkomfort, die Lüftung, das Parasitenmanagement und weitere Faktoren. 

Hohe Leistungen – gleich Aceton, eine schlechte Fruchtbarkeit und eine kurze Nutzungsdauer. Was empfehlen Sie den Milchviehhaltern, damit dies nicht eintrifft?

Tatsächlich sind Fruchtbarkeitsprobleme die häufigste Ursache für das Ausscheiden von Milchkühen in der Schweiz. Doch stellt sich die Frage, ob die Ursache wirklich metabolischer Natur ist und mit dem Leistungsniveau zusammenhängt. Bereits vor 50 Jahren waren Fruchtbarkeitsstörungen die wichtigste Abgangsursache bei Kühen in der Schweiz, obwohl das damalige Produktionsniveau deutlich niedriger war. 

Die Haltung von Hochleistungskühen beginnt jedoch nicht erst mit der ersten Abkalbung, sondern viel früher – bereits während der Entwicklung im Mutterleib. Es gilt, alle Entwicklungsphasen der zukünftigen Kuh zu steuern, um ein Tier aufzuziehen, das sich gut an seine Umwelt anpassen kann. Die kritischen Phasen sind bekannt – ebenso die möglichen Stellhebel. Entscheidend ist, die Schlüsselphasen der Aufzucht zu beherrschen und besonderes Augenmerk auf Remontierungsmanagement, Kuhkomfort sowie sozialen Stress in der Herde zu legen.

Wie sind die Kühe denn im Galtzustand am besten zu füttern?

Zunächst gilt eine grundlegende Regel: Die Ration der trockenstehenden Kühe sollte aus den gleichen Komponenten bestehen wie die Ration der laktierenden Kühe. Praktisch lässt sich dies auf zwei Arten umsetzen: Entweder wird eine spezifische Ration für trockenstehende Kühe zusammengestellt, oder man verfüttert die Ration der laktierenden Kühe in begrenzter Menge. In der Praxis gibt man etwa ein Drittel der Milchkuhration in fixer Menge, ergänzt mit strukturreichem Heu oder Stroh. 

Ausgleichsfuttermittel sowie Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine werden zusätzlich eingesetzt, um den Bedarf zu decken. Futterreste aus der Ration der laktierenden Kühe sollten jedoch nicht verfüttert werden, da die Mengen von Tag zu Tag stark schwanken und auch die Nährstoffgehalte variieren, insbesondere wenn Selektieren möglich ist. Die Trockenstehphase soll der Kuh unter anderem ermöglichen, das Eutergewebe zu regenerieren, Stoffwechselstörungen vorzubeugen (Milchfieber, Ketose) und sie auf die nächste Reproduktionsphase vorzubereiten. Für das Management trockenstehender Kühe gibt es zwei Möglichkeiten:

1-Gruppen-System: Eine Gruppe mit Kühen vom Beginn der Trockenstehphase bis zum Abkalben.

2-Gruppen-System (bei ausreichenden Stallkapazitäten): Far-off-Phase: vom Beginn der Trockenstehzeit bis etwa drei Wochen vor dem Abkalben; Close-up-Phase: die letzten drei Wochen vor dem Abkalben, als Vorbereitung auf die Geburt

Eine Ansäuerung der Ration zur Senkung der DCAB (Kationen-Anionen-Bilanz) ist nur sinnvoll, wenn eine spezifische Vorbereitungsphase vor dem Abkalben (Close-up) möglich ist. Eine zu lange Ansäuerung wird nicht empfohlen, da sie zu einer Entmineralisierung der Knochen führen kann. Schliesslich hat auch die Futteraufnahme der Kühe in der Vorbereitungsphase auf das Abkalben einen grossen Einfluss auf das Milchleistungsniveau zu Beginn der Laktation. 

Deshalb ist es wichtig, die Futteraufnahme in dieser Phase gezielt zu unterstützen. Die Trockenstehphase ist für die Kuh eine entscheidende Schlüsselphase: Sie trägt dazu bei, das genetische Milchleistungspotenzial besser auszuschöpfen, Stoffwechselstörungen rund um das Abkalben zu reduzieren und die Fruchtbarkeit nach dem Abkalben zu verbessern.