Eine Kuh mit einem Abort, lebensunfähige Kälber mit missgebildeten Gliedmassen oder unheilbarem Durchfall: Was nach Pech aussieht, kann genetische Ursachen haben. Durch die genomische Zucht liessen sich in den vergangenen zehn Jahren vorher unbekannte rezessive Gene entdecken, die bei Homozygotie – also wenn das Gen vom Stier und von der Kuh weitergegeben wird – zum Tod des Embryos führen oder andere Erkrankungen auslösen können.

Bekannte Beispiele sind CDH (Cholesterindefizit) bei Holstein- und Red-Holstein-Rindern, das bei den Kälbern zu unheilbarem Durchfall und meist zum Tod der Tiere führt, oder beim Original Braunvieh der Haplotyp 4 (OH4), der im reinerbigen Zustand zu einem embryonalen Frühabort führt.

Trägertiere sollen nicht aus der Zucht ausgeschlossen werden

Früher war die Strategie einfach: Stiere, die Träger eines rezessiven Gens waren, wurden generell vom KB-Einsatz ausgeschlossen. «Heute ist dieser Ausschluss hingegen aus mehreren Gründen kritisch zu beurteilen», erklärt Franz Seefried, Genetiker bei der Qualitas AG. Einerseits koste es Zuchtfortschritt, andererseits verstärke es die Inzucht, da die «freien» Stiere überproportional zum Einsatz kommen. «In einer Population mit genomischer Selektion ist ausserdem der Einsatz von Trägerstieren zur Erzeugung der nächsten Kuhgeneration völlig unproblematisch, solange Risikopaarungen vermieden werden», so der Genetiker.[IMG 2]

Mit der zunehmenden Zahl bekannter Rezessivgene wird diese Umsetzung in der Praxis allerdings immer anspruchsvoller – ein manuelles Management durch den Züchter ist nur schwer möglich. «Die Rinderzucht braucht heute ein digitales Tool, mit dem direkt zum Zeitpunkt der Besamung Paarungen mit einem Erbfehlerrisiko erkannt und vermieden werden können», so Franz Seefried. Und hier kommt die sogenannte Erbfehlerampel ins Spiel, die im Rahmen des vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) geförderten Projekts «Swisscow 2.0» entwickelt wurde.

So funktioniert die Ampel

Der Einsatz in der Praxis ist unkompliziert. Über eine Datenabfrage vor der Besamung erhält der Besamer, Tierarzt oder Landwirt anhand eines Ampelsignals den Hinweis, ob die Paarung mit einem gewissen Risiko verbunden ist oder nicht.

  • Grün: kein Risiko, die Anpaarung kann durchgeführt werden.
  • Orange: erhöhtes Risiko, es sollte ein anderer Stier gewählt werden.
  • Rot: hohes Risiko, die Paarung sollte unbedingt vermieden werden.

Ist die Kuh selbst nicht genomisch typisiert, wird anhand ihrer Abstammung eine Trägerwahrscheinlichkeit berechnet und in der Ampel berücksichtigt. Und was tun, wenn die Ampel auf Orange oder gar Rot steht? «Der Landwirt sollte die Paarung vermeiden und einen anderen Stier zur Besamung auswählen, da seine Paarungsidee ein Risiko für ein reinerbiges und damit betroffenes Kalb mit sich bringt», erklärt Franz Seefried.

Wo ist die Ampel zu finden?

Eingebaut ist die Ampel in allen zentralen Systemen im Bereich der Anpaarung: in der Besamer-Applikation von Swissgenetics, in der Insem-Cow-App für freie Besamer, Tierärzte und Eigenbestandsbesamer sowie in den Datenbanken der Zuchtorganisationen Brunanet und Red Online im Paarungsplan.

«Wichtig für eine möglichst umfassende Anwendung war aus meiner Sicht der Einbau bei Swissgenetics beziehungsweise Insem Cow, da diese beiden Systeme direkt zum Zeitpunkt der Besamung genutzt werden», betont Franz Seefried.

Holstein Switzerland nimmt Sonderrolle ein

Eine Sonderrolle nehme derzeit Holstein Switzerland ein, da diese aktuell noch eine eigene Datenbank betreibe. «Diese wird aber aktuell in die Datenbank der anderen Zuchtorganisationen integriert. Der Abschluss dieses Projekts ist für Juni 2026 vorgesehen», erklärt Franz Seefried. Bis dahin pflege der Holsteinzuchtverband in seiner Datenbank (Paarungsplan) ein eigenes Warnsystem zur Vermeidung von Risikopaarungen.

«Paarungen im Feld beispielsweise über Swissgenetics könnten aber bereits heute über die Erbfehlerampel abgewickelt werden, da die Tiere und die Informationen zu den Genmarkern seit vielen Jahren zwischen den Datenbanken der Qualitas und Holstein synchronisiert sind», so Seefried.

«Züchter und Landwirte müssen umdenken»

«Die Züchter und die Landwirte müssen heute umdenken beziehungsweise lernen, dass Trägerstiere im KB-Einsatz erlaubt sind und auch eingesetzt werden sollen», betont Franz Seefried. Der Rückgang der Frequenz des Erbfehlers werde heute im Zuchtprogramm organisiert, genauer gesagt bei der Selektion der neuen Jungstiere.

«Dort muss die Frequenz der Erbfehler anders beurteilt werden als im Bereich der Paarungen im Feld zur Erzeugung der nächsten Kuhgeneration und der Remontierung in den Betrieben», erklärt er.

Frequenz der bekannten Erbfehler gesunken

Und wie hat sich der Anteil an Tieren entwickelt, die einen Erbfehler in sich tragen? «Bei praktisch allen heute bekannten Erbfehlern ist die Frequenz nach deren Entdeckung gesunken», erklärt Seefried. Erreicht wurde dies aber durch einen relativ strikten Ausschluss von Trägerstieren unter den neu selektierten Jungstieren.

Auch dies gelte es heute offener zu sehen. «Viele schon länger publizierte rezessive Gene sind heute so selten geworden, dass ein genereller Ausschluss von Trägern unter den neu angekauften Jungstieren nicht mehr nötig ist, sofern die Erbfehlerampel in der Praxis zur Anwendung kommt», so Franz Seefried.

Eine Ampel für jeden Landwirt, unabhängig vom züchterischen Interesse

Das Bewusstsein der Landwirte gegenüber Erbfehlern ist laut Franz Seefried je nach züchterischem Interesse mehr oder weniger ausgeprägt. «Mit der Ampel wollten wir ein Instrument zur Verfügung stellen, das allen Züchtern und vor allem unabhängig von deren Interesse ein Werkzeug bietet, mit dem sie ohne detaillierte Kenntnisse Paarungen mit einem Risiko für reinerbige Nachkommen vermeiden können», so der Genetiker.

Erbfehlerampel können auch Mutterkuhhalter einsetzen

Auf die Frage, ob die Erbfehlerampel auch für Mutterkuhhalter geeignet sei, antwortet Seefried: «Prinzipiell ja, allerdings arbeiten die Mutterkuhhalter, vor allem Produktionsbetriebe, meistens mit Natursprung und ohne jegliches digitales Tool.» Betrieben, die künstliche Besamung einsetzen, stehe die Ampel jedoch auch zur Verfügung.