Der Frühling macht sich bemerkbar. Im März beginnt auf vielen Talbetrieben die Weidesaison, die Kühe kommen raus, die Landschaft erwacht. Doch nicht überall. Während einige Betriebe voll auf Weide setzen und damit auch Kosten einsparen, haben sich andere durch zunehmende Robotisierung auf die Fütterung im Stall spezialisiert. Das Weiden gerät unter Druck, auch in der Schweiz.

Dabei ist die Schweiz eines der grasreichsten Länder Europas. Laut der Strukturerhebung des Bundesamts für Statistik (BFS) von 2024 sind 58 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Naturwiesen und Weiden, das entspricht rund 600 000 Hektaren. Zum Vergleich: Das ist fast die Fläche des Kantons Graubünden. Dazu kommen nochmals gut 500 000 Hektaren Sömmerungsflächen auf den Alpen, die in dieser Zahl noch gar nicht enthalten sind. Zusammen ergibt das eine Grünlandfläche, die jeden Begriff von «Randerscheinung» widerlegt. Und all diese Flächen lassen sich nur über Tiere nutzen: Rindvieh, Schafe, Ziegen, Pferde, Esel. Ohne Weidetiere kein Alpkäse, keine Bergbutter, keine blütenreichen Matten. Und kein Steinkauz, kein Wiedehopf, keine artenreiche Kulturlandschaft, wie wir sie kennen.

Das UNO-Weidejahr 2026 gibt Anlass, innezuhalten und nachzufragen: Was leistet die Weidewirtschaft wirklich? Und was geht verloren, wenn sie schwindet?

Was die Weide leistet

Weidemilch ist ernährungsphysiologisch anders als Stallmilch. Laut IG Weidemilch enthält sie einen höheren Anteil an Omega-3-Fettsäuren. Die aromatisch gelbe Butter von Weidetieren entsteht durch die Carotine der Kräuter und Gräser, ein Qualitätsmerkmal, das sich nicht imitieren lässt. Vollweidekühe, die auf kraftfutterarme Fütterung ausgelegt sind, leben gesünder und länger als Hochleistungskühe im Stall. Die IG Weidemilch setzt dabei auf kleinere, leichtere Tiere mit guter Fruchtbarkeit. Ziel ist nicht die maximale Milchmenge pro Tier, sondern möglichst viele Milchinhaltsstoffe pro Kilogramm Körpergewicht. Das Ergebnis ist wirtschaftliche Effizienz mit weniger Betriebsmitteln.

Die ökologischen Leistungen sind mindestens so beachtlich. Umweltverbände wie Pro Natura Baselland machen seit Jahren darauf aufmerksam, dass extensive Beweidung ein Schlüssel zur Rettung der Artenvielfalt wäre. Laut Bundesamt für Umwelt ist über ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten in der Schweiz ausgestorben oder gefährdet. Extensive Weidehaltung wirkt dem entgegen, vorausgesetzt man beweidet richtig. Rund ein Drittel der Vegetation sollte als überständiges Material erhalten bleiben. Ein Säuberungsschnitt widerspricht dem Naturschutzziel, so Fachleute von Pro Natura Baselland.

Besonders eindrücklich sind die Zusammenhänge rund um den Kuhfladen. Er bildet ein eigenständiges Ökosystem. Mistkäfer schliessen den Nährstoffkreislauf, sind gleichzeitig Nahrung für Steinkauz und Wiedehopf und reduzieren nachweislich sogar Treibhausgase. Keine Kühe auf der Weide, keine Mistkäfer, kein Steinkauz. Dazu kommt, dass extensive Weiden ähnlich effektive Kohlenstoffsenken sind wie Wälder. Ihre Produkte sind lokal vermarktet und ohne aufwendige Lagerung klimafreundlicher als Importlebensmittel mit langen Transportwegen.

Wer weidet, pflegt die Kulturlandschaft

Weidetiere sind keine Klimakiller, sie sind Landschaftspflegerinnen. Jahrhundertelang haben Hirten und Bäuerinnen die artenreichen Kulturlandschaften der Schweiz bewirtschaftet und damit erst geschaffen. Das Forum für Weidewirtschaft und Biodiversität hält es nüchtern fest: Diese Landschaften können nur mit Weidetieren erhalten werden, nicht ohne sie. Naturschutz funktioniert mit den Menschen, nicht gegen sie.

Auf den Alpen übernehmen Älplerinnen und Hirten diese Rolle jeden Sommer. Kühe, Ziegen, Schafe, Pferde und Esel fressen das Gras in Lagen, die sonst niemand bewirtschaften kann. Alpkäse und Alpsennbutter sind das sichtbare Ergebnis, der unsichtbare Mehrwert ist die Offenhaltung von Landschaften, die sonst verbuschen würden.

Der Druck wächst von mehreren Seiten

Die Ausbreitung des Wolfes hat bereits viele Weidetierhalterinnen und Hirten in der Schweiz und im benachbarten Ausland zum Aufgeben gebracht, wie dem Forum für Weidewirtschaft und Biodiversität zu entnehmen ist. Betroffen sind längst nicht nur Schafe, auch Ziegen, Kälber, Kühe, Pferde und Herdenschutzhunde wurden gerissen. Herdenschutz wiederum hat negative Auswirkungen auf Ökosysteme und das Sozialleben auf den Alpen.

Dazu kommt der wirtschaftliche Druck. Billigimporte machen es Weidebetrieben schwer. Wer extensiv wirtschaftet, produziert weniger pro Fläche und braucht dafür faire Preise oder entsprechende Abgeltungen. Beides ist nicht selbstverständlich.

2026: Ein UNO-Jahr als Spiegel

Dass die FAO 2026 zum Internationalen Jahr der Weiden und Hirten erklärt hat, ist kein Zufall. Weltweit erstrecken sich Weideflächen über rund drei Viertel der landwirtschaftlich genutzten Fläche, über 500 Millionen Menschen leben als Hirten oder Weidebäuerinnen, wie der offiziellen IYRP-Website zu entnehmen ist. Der Anstoss kam von der Mongolei, einem Land, in dem Hirtentum seit Jahrtausenden Staatsidentität ist.

Für die Schweiz nutzen der Schweizer Bauernverband, der Schweizerische Alpwirtschaftliche Verband, die SAB und Helvetas das Jahr, um die Menschen hinter dem Weideland sichtbar zu machen. Vier Protagonistinnen und Protagonisten berichten 2026 auf Social-Media-Kanälen aus ihrem Alltag: die Bergbäuerin Corinne Kohler-Brunner aus Pfäfers SG mit ihren Anguskühen, die Schafhirtin Sarah Müri aus dem Wallis, die Älplerin Livia Stocker aus dem Berner Oberland und der Älpler Erich Betschart aus dem Muotathal SZ. Die Kleinbauern-Vereinigung lädt am 24. Mai 2026 zu einem Austausch auf einem Bergbauernhof im Emmental ein, wo über extensive Rassen und Schafzucht diskutiert wird.

Das Jahr hält einen Spiegel vor: Was braucht die Weidewirtschaft in der Schweiz, damit sie bleibt, was sie ist?

Anlaufstellen für Weide-Interessierte

Wer den Weideanteil erhöhen, den Einstieg in die Vollweide wagen oder sich vernetzen möchte, findet in der Schweiz verschiedene Anlaufstellen.

IG Weidemilch (weidemilch.ch) vernetzt Betriebe, die auf Vollweide oder hohen Weideanteil setzen, bietet Informationen zu Genetik, Weidemanagement und Wirtschaftlichkeit und organisiert regelmässige Tagungen sowie Betriebsbesuche.

AGFF (agff.ch / eagff.ch) stellt Praxiswissen zu Grünland, Weidetechnik und Futterqualität bereit, mit einer umfangreichen Online-Wissensplattform als kostenloser Hilfe zur Selbstberatung.

Agridea (agridea.ch) begleitet Betriebe bei Fragen rund um Futterbau, Weideplanung und Betriebsumstellung und arbeitet eng mit der AGFF zusammen.

IG Alp / zalp.ch bietet Stellenvermittlung und Beratung rund um Alp und Käsen. Das Alpofon (078 813 60 85, aktiv Juni bis September) hilft bei Personalausfall und Fragen auf der Alp.

Schweizer Alpwirtschaftlicher Verband SAV (alpwirtschaft.ch) ist die Dachorganisation der Alpwirtschaft in der Schweiz und zuständig für Interessenvertretung, Beratung und Weiterbildung.

Forum für Weidewirtschaft und Biodiversität (weidewirtschaft-und-biodiversitaet.eu) ist ein europäisches Netzwerk von Menschen, die mit Weidetieren arbeiten, mit Informationen zu Ökosystemen, Rassen, Klimaschutz und aktuellen Bedrohungen.

Weitere Informationen zum UNO-Weidejahr und den Schweizer Aktivitäten