Als die Blauzunge 2024 die Schweizer Landwirtschaft erfasste, wurden die betroffenen Gebiete von der Intensität der Seuche überrascht. Als die Impfung bewilligt wurde, standen die Tierhalter(innen) vor einer Frage, auf die es keine einfache Antwort gab: impfen oder abwarten? Nicole Studer, Tierärztin bei Kometian, hat in dieser Zeit zahlreiche Betriebe mit homöopathischer Prophylaxe begleitet. Ihre Bilanz ist vorsichtig optimistisch, aber auch ehrlich über das, was noch nicht bewiesen ist.
Besser vorbereitet als befürchtet
Auf die Frage, was Schweizer Landwirte ihr aus der Saison 2025 zurückgemeldet haben, sagt Nicole Studer: «Der Stress war geringer, weil viele gut vorgesorgt haben.» Weil Tierärzte und Tierhalter in den 2024 betroffenen Regionen das Krankheitsbild nun kannten, konnte in der zweiten Saison schneller und gezielter reagiert werden. Derzeit wertet die IG Homöopathie Nutztiere eine Studie zur homöopathischen Prophylaxe aus. Abschliessende Zahlen fehlen noch, doch die Tendenz zeichnet sich ab: «In 70 bis 80 Prozent der teilnehmenden Betriebe blieb es ruhig. Rund 20 Prozent verzeichneten mild verlaufende Fälle, bei einzelnen Betrieben gab es schwerere Verläufe.»
Impfen oder nicht – eine persönliche Entscheidung
In den Niederlanden kombinieren rund 84 Prozent der Betriebe, die auf Homöopathie setzen, diese mit der Impfung. In der Schweiz liegt die Quote unter den Projektteilnehmern von Nicole Studer bei etwa einem Viertel – wobei sie betont, dass ihr Kollektiv kaum repräsentativ für die gesamte Schweiz ist. Die Realität dürfte irgendwo dazwischen liegen, weit unter den niederländischen Werten.
Grundsätzlich spricht aus ihrer Sicht nichts gegen eine Kombination beider Ansätze – im Gegenteil. «Die homöopathische Prophylaxe wirkt nicht nur gezielt gegen die geimpften Stämme, sondern stärkt die Immunität breiter, auch gegen andere Erkrankungen mit destruktiver Tendenz.» Der Impfentscheid bleibe letztlich beim Tierhalter. Wer grosse Herden führt oder die Tiere nicht lückenlos überwachen kann, dem empfiehlt sie die Impfung besonders. Schwere Impfreaktionen seien bislang nur vereinzelt aufgetreten: «Die Impfung scheint recht gut verträglich zu sein.»
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Ein Krankheitsbild, das Überraschungen bereithält
Was die Blauzunge besonders tückisch macht, ist ihre Vielgestaltigkeit. «Ich kenne positiv getestete Tiere, bei denen ich aufgrund der Symptome gar nicht an Blauzunge gedacht hätte», sagt Nicole Studer. Durchfall, Lähmungserscheinungen ohne Fieber, unklares Festliegen – solche atypischen Verläufe entsprechen nicht dem klassischen Erscheinungsbild der Seuche, und sind auch homöopathisch eine Herausforderung. Erst kürzlich hörte sie von einer Kuh, die ohne erkennbaren Grund nicht mehr aufstehen wollte: kein Fieber, kein Mangel, gute Fresslust, stabile Milchleistung – und trotzdem ein positiver BTV-Test. Dass die Royal GD in Holland 2024 neue Symptombilder wie Lahmheit, Schluckbeschwerden und Sekundärinfektionen beschrieben hat, deckt sich mit dem, was Nicole Studer auch hierzulande beobachtet.
Erfreulicher sind die Fälle, in denen selbst schwer erkrankte Tiere wieder genesen sind. «Ja, solche Fälle gibt es auch bei uns, und ich durfte einige davon eng begleiten», erzählt sie. Jeder solche Verlauf sei ein wertvoller Erfahrungsschatz. Am herausforderndsten seien schwere Lungenentzündungen bei Kälbern und Schafen gewesen.
Praktisch denken, pragmatisch handeln
Die wöchentliche Verabreichung der homöopathischen Prophylaxe ist nicht auf jedem Betrieb gleich einfach umzusetzen. «Je nach Betriebsgrösse ist das eine echte Herausforderung – besonders wenn Jungtiere schlecht fixiert werden können», gibt die Beratungsstellenleiterin von Kometian zu. Gemeinsam mit den Landwirten suche sie aber stets nach praktikablen Wegen. Auf den Alpen wurde die Prophylaxe unterschiedlich gehandhabt: Manche Betriebe unterbrachen die Behandlung während des Sommers und setzten sie nach der Rückkehr fort, andere mischten das Mittel den Salzlecken bei oder sprühten es direkt aufs Flotzmaul. «Von Akutfällen während eines Unterbruchs ist mir nichts bekannt», sagt sie – wohl aber hat sie erlebt, dass Tiere ohne Prophylaxe zu bereits behandelten Herden kamen und als einzige Symptome zeigten.
Homöopathie oder Schulmedizin – wann was?
Die Entscheidung zwischen beiden Ansätzen treffe sie von Fall zu Fall, erklärt Nicole Studer weiter. Massgeblich seien die Symptome, das Allgemeinbefinden des Tieres und die Bereitschaft des Tierhalters. «Bei milden Verläufen und erhaltener Fresslust ist der rein homöopathische Weg gut möglich.» Bei schweren Lungenentzündungen oder anhaltendem Fieber bei trächtigen Tieren hingegen würde sie auf schulmedizinische Mittel nicht verzichten. Ein praktischer Unterschied im Alltag: Homöopathische Mittel müssen meist mehrmals täglich gegeben werden, Fiebermittel der Schulmedizin in der Regel nur einmal.
Ehrlich über die Grenzen
Auf die direkte Frage nach dem wissenschaftlichen Beleg antwortet Nicole Studer ohne Umschweife: «Nein, den haben wir leider nicht – noch nicht, hoffentlich.» Die laufende Studie soll erste belastbare Daten liefern. Bis dahin stützt sich die Methode auf Praxiserfahrungen und Einzelfallbeobachtungen. Ein Fundament, das für viele Landwirtinnen und Landwirte reicht, für die Wissenschaft aber noch nicht genügt.
Ihr Rat an alle, die heute fragen, ist dennoch klar: «Wichtig ist, dass überhaupt eine Prophylaxe gemacht wird, die auf das Immunsystem des Tieres wirkt. Abwarten oder eine reine Insektenprophylaxe würde ich niemandem empfehlen.»
