Es begann im Spätsommer 2024. Das Blauzungenvirus fegte durch den Nordwesten bis Nordosten der Schweiz – mit teils verheerenden Folgen. Über 2500 Betriebe waren betroffen, die Kühe litten an Fieber, Lahmheit, Atembeschwerden. Damals gab es noch keine Impfung. Die Landwirte standen hilflos da.

Dann kamen die Wintermonate 2024/2025. Und mit ihnen der Hammerschlag: Kälber wurden blind geboren. Manche ohne Augen. Andere ohne Grosshirn. Nach den Verlusten bei den Kühen nun die Kälber. Die Totgeburtenrate schoss auf 5,53 Prozent – so hoch wie zuletzt vor sieben Jahren. Betriebe meldeten vermehrt Aborte. Kühe, die ins leere Euter kalbten. Viehhändler Michael Hinder stellte im Mai 2025 im Gespräch mit der BauernZeitung ernüchtert fest: «Es gibt mehr Blauzungenkälber, als wir dachten.»

Abo Tierseuche Blauzungenkrankheit: Was wir jetzt von Österreich lernen können Monday, 10. November 2025 Dann kam im Frühjahr 2025 die Impfung. Hoffnung keimte auf. Doch kaum hatte man aufgeatmet, folgte im Sommer 2025 eine weitere Welle. Mitte September stiegen die Fallzahlen erneut stark an. Der Kanton Bern, lange verschont, kämpfte plötzlich gegen die meisten Ausbrüche. Die gemeldeten Fälle vervierfachten sich innert weniger Wochen.

Und auch jetzt, im Dezember 2025, ist das Virus noch da. Die Fallzahlen gehen zwar zurück, neue Fälle treten aber weiterhin auf. Vor einem Jahr sprach man noch von vektorfreier Zeit – einer Phase, in der keine Gnitzen fliegen und das Virus möglichst nicht übertragen werden sollte. Heute weiss man: Die Blauzunge beschäftigt das ganze Jahr hindurch.

Die grosse Frage, die sich viele Tierhalterinnen und Tierhalter jetzt stellen: Was ist mit den Kälbern, die in diesem Winter geboren werden? Was, wenn das Virus sich erneut in Missbildungen bemerkbar macht? Werden bis im kommenden Frühjahr 2026 wieder solche Kälber zur Welt kommen, wie bereits im Winter zuvor?

Was das BLV zur Schweizer Situation sagt

Die BauernZeitung fragte beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) nach. Die Antwort: «Im ersten Halbjahr 2025 wurden in der Schweiz gehäuft Fälle von blinden oder missgebildeten Kälbern in Zusammenhang mit einer BTV-Infektion gemeldet.» Eine systematische Erhebung zu Missbildungen, Aborten und Totgeburten in Zusammenhang mit BTV gibt es aber nicht. Es liegen folglich auch keine belastbaren wissenschaftlichen Daten vor, um Aussagen diesbezüglich zu treffen, weder nach Serotyp noch nach Impfstatus. Das BLV hat jedoch eine Studie in Auftrag gegeben, die zurzeit generell die Auswirkungen der Blauzungenkrankheit in der Schweiz untersucht.

Um die tatsächlichen Folgen besser einschätzen zu können, wird Anfang 2026 im Rahmen eines Forschungsprojekts eine Online-Umfrage durchgeführt. Betriebe, bei denen zwischen August 2024 und Dezember 2025 Blauzungefälle gemeldet wurden, werden dafür per E-Mail kontaktiert. Das Institut für Virologie und Immunologie (IVI), das die Umfrage koordiniert, betont: «Ihre praktischen Erfahrungen sind zentral, um das tatsächliche Ausmass der Krankheitsfolgen genauer beurteilen zu können, und wir möchten daher ermutigen, an der Umfrage teilzunehmen.»

Zur Frage der Impfquoten in der Schweiz hat das BLV ebenfalls eine klare Antwort: Es gibt keine. Die Impfung gegen BTV ist in der Schweiz freiwillig und wird daher auch nicht amtlich in einer zentralen Datenbank erfasst. Zur Beantragung der in der Schweiz für 2025 möglichen rückwirkenden Verbilligung der verabreichten Impfstoffe konnten die Tierhaltenden bis 31. August 2025 geimpfte Tiere in der TVD registrieren. Doch nicht alle nutzten diese Möglichkeit. «Aus den Daten dieser freiwilligen Selbstdeklaration der Impfungen kann keine Durchimpfungsrate in der Schweiz abgeleitet werden, da nicht alle Tierhaltenden diese Möglichkeit nutzten und die Erfassung der Impfungen somit nicht systematisch und amtlich erfolgten», schreibt das BLV.

Ein Vergleich zwischen geimpften und ungeimpften Tierhaltungen wurde nicht gemacht. Dabei wäre genau das die Information, die viele Schweizer Landwirte für eine fundierte Entscheidung bräuchten.

Das BLV bestätigt jedoch die Beobachtungen aus der Praxis: «Die verfügbaren Impfstoffe bieten keinen vollständigen Infektionsschutz, sie reduzieren jedoch schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle deutlich und stellen damit den besten Schutz gegen BTV dar.»

Wie kann das Virus überwintern? Das IVI klärt auf

Dass das Virus auch jetzt im Dezember noch Fälle verursacht, wirft eine zentrale Frage auf: Wie überwintert das Blauzungenvirus? Das Konzept der «vektorfreien Zeit» galt als sicher: weniger Gnitzen und möglichst keine Übertragung. Doch die Realität sieht anders aus.

Die BauernZeitung wollte vom Institut für Virologie und Immunologie (IVI) wissen: Könnten subklinische Verläufe – also Infektionen ohne deutliche Krankheitssymptome – eine Rolle spielen? Könnte das Virus unbemerkt in den Beständen zirkulieren?

Nathalie Rochat, Kommunikationsverantwortliche am IVI, liefert eine wissenschaftliche Einordnung: «Die Überwinterung, also die Fähigkeit eines Virus, den Winter zu überleben und im Frühjahr wieder aufzutauchen, wird durch klimatische Veränderungen beeinflusst.»

Der Klimawandel habe die Übertragungsperiode für das Blauzungenvirus wahrscheinlich verlängert, erklärt sie. Dadurch steige die Wahrscheinlichkeit, dass das Virus von einer Saison zur nächsten überdauert. Das Virus vermehre sich in Culicoides-Gnitzen, wenn die Temperatur über 11 bis 13 Grad Celsius liege. «Aufgrund der höheren Wintertemperaturen sind die Gnitzen früher aktiv und bleiben bis später im Jahr aktiv. Dadurch verringert sich die Lücke zwischen den Übertragungssaisons», so Rochat. So könne das Virus möglicherweise leichter überwintern.

Doch das ist nicht die einzige Erklärung. Das Virus könnte auch während des Winters durch chronische Infektionen einiger Tiere, durch Übertragung über die Plazenta von der Mutter auf den Fötus oder durch horizontale Übertragung bei der Besamung verdeckt in der Wiederkäuerpopulation fortbestehen.

«Infektiöses BTV kann aus Rinderblut viel länger isoliert werden als aus Schaf- oder Ziegenblut», erklärt das IVI. Obwohl die überwiegende Mehrheit der Infektionen bei Rindern weniger als 60 Tage dauere, könnten einige Infektionen viel länger andauern. «Solche Infektionen könnten es dem Virus ermöglichen, drei bis vier Monate lang zu überdauern, ohne neue Wirte zu infizieren, und so kurze Zeiträume ohne Vektoren zu überstehen», so Nathalie Rochat.

Die entscheidende Frage bleibt jedoch offen: «Wie das BTV-3 vom letzten Jahr bis zum diesjährigen Sommer in der Schweiz überwintern konnte, ist nicht bekannt», so das IVI.

Der Blick nach Deutschland: Kälber, die nicht wissen, wie man trinkt

In Deutschland macht man ähnliche Erfahrungen wie in der Schweiz. Amelie Armbruster ist Fachtierärztin für Rinder sowie Oberärztin an der Tierklinik Gessertshausen in Schwaben. An der Tierklinik sind insgesamt 77 Tierärzte tätig, davon 19 Rindertierärzte, die Betriebe im Umkreis von etwa 80 Kilometern betreuen. Was sie derzeit in den Ställen sieht, ist alarmierend – und erinnert stark an das, was in der Schweiz im Winter 2024/2025 passiert ist.

«Wir hatten Kälber mit schwersten Missbildungen, ohne Grosshirn, mit zentraler Blindheit», berichtet sie gegenüber dem deutschen Fachmagazin «top agrar». «Diese Tiere wussten nicht, wie man trinkt.» Fast ausschliesslich in ungeimpften Beständen.

Besonders im Fokus stehen derzeit nicht akute Krankheitsfälle, sondern die vermehrt auftretenden Missbildungen bei Kälbern, fast ausschliesslich in ungeimpften Beständen, erklärt die Tierärztin. Die akuten Fälle – Fieber, lahme Kühe, entzündete Euter – sind seltener geworden. Doch das Virus hinterlässt seine Spuren auf andere, heimtückischere Weise.

«Es gibt immer wieder Kühe, von denen man denkt: Die müssen das Virus gehabt haben», sagt die deutsche Tierärztin gegenüber «top agrar». «Eine Kuh schuhte komplett aus, bei anderen wurde die Milch zeitweise weniger, die Kühe frassen nicht gut. Aber die Landwirte machen dann aus Kostengründen oder wegen des Aufwands oft keine Diagnostik.»

Subklinische Verläufe nennen das die Fachleute. Das Virus war da, hat gewütet, aber niemand hat es richtig bemerkt. Bis die Kälber kommen. Missgebildet. Blind. Tot. Besonders problematisch ist die Infektion der ungeborenen Kälber, die auch nach milden oder subklinisch verlaufenden Infektionen zur Geburt missgebildeter, zum grossen Teil nicht lebensfähiger Kälber führte.

Amelie Armbruster vermutet, dass BTV über den Winter durch die Bestände gegangen ist – sehr langsam, weil nicht viele Gnitzen aktiv waren. «Trotzdem könnte das dazu geführt haben, dass die Tiere sich schon früh mit dem Virus auseinandergesetzt haben und daher schwere Ausbrüche jetzt im Sommer ausblieben.»

Durch solche Feldinfektionen entsteht jedoch kein Herdenschutz in den ungeimpften Beständen, betont sie. Für verlässlichen Schutz sollte auch in solchen Herden geimpft werden.

Deutsche Praxiserfahrung: Was Impfungen bewirken

Amelie Armbruster erzählt von einem Beispiel, das aufhorchen lässt. Ein geimpfter Betrieb hatte später trotzdem einen Virusnachweis. Das Virus war also trotz Impfung da. «Einige Kühe hatten Fieber, zwei waren schwerer krank, aber es gab keine Tierverluste, keine Aborte, keine Missbildungen und keinen dauerhaften Milcheinbruch. Das war ein grosser Erfolg und spricht eindeutig für die Impfung.»

In ungeimpften Beständen dagegen sah es anders aus. Akute Fälle gab es wenige, nur ein Mutterkuhbetrieb hatte viele erkrankte Tiere. Besonders problematisch war die Infektion der ungeborenen Kälber.

«In der Regel hat man die Impfkosten schon wieder heraus, wenn man nur ein Tier nicht verliert», rechnet Armbruster nüchtern vor. «Dieses Kosten-Nutzen-Denken muss noch mehr in der Rindermedizin ankommen.»

In Deutschland hat die Impfbereitschaft stark zugenommen. In den letzten zwölf Monaten wurden durch ihre Praxis rund 20 000 Kühe und Rinder grundimmunisiert. «Fast 50 Prozent der grösseren Laufstallbetriebe haben geimpft, bei den kleineren sind es immerhin 25 bis 30 Prozent. Es ist zwar noch nicht die Hälfte, aber dafür, dass es aktuell keine Verbringungsvorteile für geimpfte Tiere gibt, finde ich die Quote gut», betont die Tierärztin.

Ein Blick nach Norddeutschland hat den Süden wachgerüttelt

Was weckte die deutschen Landwirte auf? Ein Umdenken in der Region hinsichtlich der Impfbereitschaft folgte insbesondere auf den Umlauf von Videos aus Norddeutschland und Nordrhein-Westfalen, die die teils dramatischen Auswirkungen des Virus zeigten: Milchverluste, Totgeburten, hohe Tierverluste. «Betriebe mit über 1000 Kühen hatten plötzlich keine Milch mehr und sie kam auch nicht wieder. Das hat viele Landwirte wachgerüttelt», berichtet sie.

Im Frühjahr 2025 kamen dann deutlich mehr Betriebe, die ihre Tiere gegen BTV impfen wollten, und zwar genau in der Zeit, als der Impfstoff knapp war. «Wir haben eine Liste geführt und wer impfen wollte, kam darauf. Wir haben das nacheinander abgearbeitet, als die Impfstoffe endlich da waren, zum Glück noch rechtzeitig vor der Gnitzensaison», so Amelie Armbruster. Die Impfkampagne lief deshalb regional sehr strukturiert ab.

«Fast alle Betriebe, die im letzten Jahr geimpft haben, machen auch die Nachimpfung, das ist sehr erfreulich», so die Tierärztin.

Dabei weist sie noch auf eine interessante Beobachtung hin: «Wir hatten einen Bestand mit hohen Zellzahlen, jedoch keinen Virusnachweis, keine Grippe. Doch die Tiere hatten immer wieder Nasenausfluss, sodass der Landwirt sich dann doch für die Grippeimpfung entschied. Nach der Grippeimpfung sanken die Zellzahlen deutlich. Das ist ein Beispiel für Paraimmunität. Das Immunsystem wird durch jede Impfung angeregt.»

Ihr Appell zum Schluss: «Ich weiss, es wirkt manchmal so, als hätten wir hier keine Probleme mit der Blauzunge. Aber genau deswegen sage ich: Impft trotzdem. Wir wollen das Immunsystem stärken und vermeiden, dass die Tiere völlig naiv in den nächsten Seuchenzug hineingehen. Jede Impfung kostet Geld, aber ein totes Kalb leider auch. In der Regel hat man die Impfkosten schon wieder heraus, wenn man nur ein Tier nicht verliert. Vorbeugung lohnt sich gerade, wenn es scheinbar ruhig ist.»

Neue Serotypen und weitere Bedrohungen an der Schweizer Grenze

Dossier Dossier Blauzungenkrankheit Monday, 18. August 2025 Während man noch mit BTV-3 und BTV-8 kämpft, wurde Ende 2024 in den Niederlanden bereits BTV-12 nachgewiesen – ein für Mitteleuropa neuer Serotyp. Gegen die verschiedenen Serotypen besteht keine Kreuzimmunität. «Tiere, die früher gegen BTV-4 und BTV-8 geimpft wurden, zeigen keine belastbare Immunität gegen BTV-3», erklärt Amelie Armbruster im Fachmagazin weiter.

Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) schätzt das Risiko, dass neue Serotypen in die Schweiz gelangen, als real ein: «Die Schweiz bleibt aufgrund der Lage in Europa dem Risiko ausgesetzt, dass neue BTV-Serotypen eingeschleppt werden.» BTV-4 zirkuliert grenznah in Norditalien. BTV-12 ist bisher in Europa nicht mehr aufgetreten, aber glücklicherweise zeigt dieser Stamm bisher keine weitere Ausbreitung, so das BLV.

Doch als wäre BTV nicht genug, stehen weitere Tierseuchen bereits an der Grenze. Die Epizootische Hämorrhagische Krankheit (EHD) und Lumpy Skin Disease (LSD) sind bereits in benachbarten Ländern aufgetreten, wie die deutsche Tierärztin betont. Die Virusübertragung erfolgt ebenfalls durch Gnitzen beziehungsweise Mücken als potenzielle Vektoren. Und auch das Schmallenberg-Virus kursiert noch in den Kuhbeständen, hier gibt es keine Impfung.

Das BLV bestätigt: «Dank der bisher erfolgreichen Eindämmung und der nur wenigen Ausbrüche von EHD während der Saison in Frankreich wird das Risiko für die Schweiz derzeit als gering eingeschätzt.»

Anders bei Lumpy Skin Disease (LSD). In der Schweiz wurde LSD bisher nicht nachgewiesen, das Einschleppungsrisiko ist nach den Ausbrüchen im französischen Jura im Oktober 2025 jedoch hoch. «In der bis in die Schweiz reichenden Impfzonen wird präventiv gegen das Virus geimpft. Es ist wichtig, dass Tierhaltende die Biosicherheit einhalten, ihre Tiere vor Vektoren schützen und Verdachtsfälle sofort melden», betont das BLV.

Was das BLV für 2026 empfiehlt

Für 2026 empfiehlt das BLV gemeinsam mit den Kantonstierärztinnen und Kantonstierärzten, der Gesellschaft Schweizer Tierärzte und den Tiergesundheitsdiensten (RGS, BGK) die Impfung der Rinder und Kleinwiederkäuer gegen die in der Schweiz zirkulierenden Serotypen BTV-3 und BTV-8. «Für einen bestmöglichen Schutz der Tiere im Hinblick auf die Vektorsaison 2026 sollte die Grundimmunisierung beziehungsweise Auffrischungsimpfung im Zeitraum von Januar bis März erfolgen.»

Die Versorgung mit ausreichend Impfstoffen gegen BTV-3 sowie Kombinationsimpfstoffen gegen BTV-4 und BTV-8 ist für 2026 gesichert. Dank der Kombinationsimpfstoffe BTV-4 und BTV-8 ist somit auch die Impfung gegen BTV-4 abgedeckt – für den Fall, dass dieser in Norditalien zirkulierende Serotyp über die Grenze kommt.

Wichtig ist laut der Veterinärmedizin, die Tiere nicht in eine Infektion hinein zu impfen und die Impfung nicht direkt vor dem Melken durchzuführen. Ausserdem sollte immer der ganze Bestand geimpft werden, nicht nur die Kühe. Als Minimum empfiehlt die deutsche Tierärztin Amelie Armbruster, alle Tiere ab dem Besamungsalter von zwölf Monaten zu impfen.