Die Seuchenlage in Europa spitzte sich in den vergangenen zwei Jahren deutlich zu: 13 500 Rinder und 10 000 Schweine mussten aufgrund der Maul- und Klauenseuche (MKS) in Deutschland, Ungarn und der Slowakei gekeult – das heisst gezielt getötet – werden. In Frankreich, Spanien und Italien waren es wegen der Lumpy-Skin-Krankheit (LSD) auch 3 300 Rinder in 110 Betrieben.
Die Seuche muss nicht einmal im eigenen Bestand sein
«Bei Maul- und Klauenseuche kann auch eine Keulung des Bestandes verordnet werden, wenn die Seuche nicht direkt im Bestand ausgebrochen ist, sondern aus Sicherheitsgründen, um eine Ausbreitung zu verhindern», erklärt Luzia Kaufmann, Fachspezialistin für Tierseuchenversicherungen bei der Schweizer Hagel.
Mit dem Ausbruch der Blauzungenkrankheit 2024 in der Schweiz wurden auch die Schweizer Landwirtinnen und Landwirte mit einer Tierseuche konfrontiert. Viele von ihnen erlebten zum ersten Mal einen Seuchenausbruch.
Was entschädigen Bund und Kanton in einem Seuchenfall?
Kantonale und eidgenössische Seuchenkassen entschädigen je nach Seuche zwischen 60 bis 90 Prozent der Tierverluste. Bei hochansteckenden Seuchen wie MKS oder LSD übernimmt der Bund 90 Prozent des Tierwerts. Bei anderen Seuchen wie der Blauzungenkrankheit oder Tuberkulose erfolgt die Entschädigung über die Kantone und beläuft sich je nach Kanton auf 60 bis 90 Prozent. Teilweise werden auch Kosten für Desinfektion, Keulung und Entsorgung übernommen.
Was Bund und Kantone aber nicht vergüten, ist der oft entstandene Ertragsausfall oder der Mehraufwand, die durch solche behördlichen Massnahmen entstehen. Auch schwerwiegende Risiken wie Botulismus, Salmonellen bei Geflügel oder die Enzootische Pneumonie der Schweine (EP) werden nicht durch die öffentliche Hand gedeckt.
Erstmals 15 verschiedene Tierseuchen abgedeckt
Mit der überarbeiteten Rindviehversicherung setzt die Schweizer Hagel genau hier an. Seit dem 1. Januar dieses Jahres deckt die Versicherung erstmals 15 verschiedene Tierseuchen ab, darunter aktuelle Risiken wie LSD, BTV (Serotyp 3 und 8), Maul- und Klauenseuche sowie Botulismus. Neu sind zudem alle Produktionsrichtungen beim Rindvieh versicherbar. Auch Tiere auf der Alp sind automatisch mitversichert.
Eine einfache Auszahlung im Seuchenfall
Die Versicherung funktioniert als pauschale Summenversicherung. Das ermöglicht laut René Fassbind, Fachspezialist für Tierversicherung bei der Schweizer Hagel, in einem Schadensfall eine schnelle Auszahlung. «Wer eine Seuche im Bestand hat, will sich nicht noch lange mit der Versicherung herumschlagen müssen», so René Fassbind. Es können verschiedene Versicherungssummen pro Grossvieheinheit (GVE) gewählt werden.
Der Ertragsausfall ist in der Grunddeckung enthalten. Die Entschädigung erfolgt für tote oder gekeulte Tiere nach GVE. Die Leistung wird für jede Seuche pauschal definiert. Bei MKS wird im Schadenfall 100% des versicherten Ertragsausfalls ausbezahlt, bei allen anderen versicherten Seuchen werden pauschal 30% entschädigt, was einer Dauer von rund vier Monaten entspricht.
Mitversicherung des Tierwerts besonders interessant bei Botulismus
Als optionaler Zusatz mitversichert werden kann der Tierwert. «Das ist besonders interessant für Landwirte, die sich gegen Botulismus absichern möchten», erklärt Luzia Kaufmann Fachspezialistin für Tierseuchenversicherungen.
Erfolgt keine Vergütung durch die öffentliche Hand, entschädigt Schweizer Hagel 100 Prozent des versicherten Tierwerts, ansonsten sind es 20 Prozent des versicherten Tierwerts. Anteilsmässig mitversichert werden zudem Waren und Kosten wie beispielsweise Arbeitskosten, Desinfektionsmittel, Futter- und Warenverluste inklusive der Milchliefersperre. Dabei sind auch Behandlungskosten für die ganze Herde, auch für die überlebenden Tiere. Leistungen der öffentlichen Hand werden abgezogen. «Das emotionale Leid kann nicht entschädigt werden, aber wenigstens finanziell», so Kaufmann.
Für welche Betriebe lohnt sich eine Versicherung?
Die neue Rindviehversicherung richte sich insbesondere an Betriebe mit hohem Tierwert, so René Fassbind Fachspezialist für Tierversicherung. Auch wenn der Tierwert je nach Seuche 60 bis 90 Prozent durch den Bund oder Kanton gedeckt werde, könne die Differenz bei einer hohen Anzahl an Tieren trotzdem relevant sein.
Zudem richte sich die Versicherung an Betriebe mit hohen Fixkosten, einer starken Abhängigkeit vom Betriebszweig, einer hohen Verschuldung und an Junglandwirte.
Wie hoch ist die Nachfrage?
Die Nachfrage nach der Rindviehversicherung ist laut René Fassbind gross. «Seit dem 5. Januar dieses Jahres sind 150 Neukundenofferten eingegangen», erklärt er. Hauptgrund für die hohe Nachfrage sei der Ausbruch der LSD in Frankreich, nahe der Schweizer Grenze.
Die geografische Verteilung der Neukundenofferten zeige, dass das Bewusstsein für den Versicherungsschutz in der Nähe von Seuchengeschehen höher sei. So kämen ein Grossteil der Anfragen aus der Westschweiz, aber auch aus der Nordwestschweiz bis in den Kanton Zürich. «Richtung Ostschweiz nimmt es dann ab», so Fassbind. Ein Grossteil der versicherten Betriebe weise über 40 GVE auf, es seien aber auch Betriebe mit 12 GVE oder 300 GVE versichert.
Versichern bevor die Seuche in der Schweiz ist
Für Landwirte wichtig zu wissen ist, dass die Versicherungssumme nicht mehr erhöht werden kann, wenn die Seuche in der Schweiz auftritt. Auch Neuabschlüsse gestalten sich dann schwierig, ausser mit einer Karenz.
Ausgewählte Tierseuchen in der Schweiz, der vergangenen Jahre
Durchschnittliche Meldungen pro Jahr der letzten 10 Jahre laut BLV:
- 35 x Salmonellen bei Rindern
- 7 x Listeriose
- 55 x Paratuberkulose
Meldungen 2024
- 1200x Blauzunge Serotyp 3&8
Anzahl Botulismus-Fälle laut Schätzungen der Schweizer Hagel:
- 30 Betriebe