Der Milchmarkt drückt, die Tränkerpreise steigen – und viele Betriebe haben in den vergangenen Wochen mehr Kälber auf dem Hof behalten als sonst.
Marcel Dettling warnt: «Das wird auf die Preise drücken»
Doch Marcel Dettling, Nationalrat und Präsident des Schweizer Kälbermäster-Verbandes (SKMV), warnt: «Wenn wir einfach Mastkälber produzieren, ohne den Markt im Auge zu haben, dann verlagern wir die Probleme auf dem Milchmarkt in die Kälbermast.» Das Problem ist absehbar: Gegen den Frühling hin droht ein Überangebot an Mastkälbern, das auf die Preise drücken wird. Wer jetzt einfach mästet, ohne den Markt im Blick zu haben, wird das zu spüren bekommen.
Was also tun? Die Antwort aus der Branche ist klar: Fresser produzieren statt Mastkälber. Also Remonten zwischen 200 und 220 Kilogramm Lebendgewicht, die direkt in die Grossviehmast gehen. Die Nachfrage ist da – das Angebot fehlt. Die BauernZeitung hat bei Raphael Graf, Verkaufsleiter Kälber bei der UFA AG in Herzogenbuchsee, nachgefragt, was Betriebe konkret wissen müssen, die jetzt umsteigen wollen.
Remonten sind gefragt – vor allem die männlichen
«Professionelle Remontenbetriebe werden gerade aktiv gesucht», sagt Raphael Graf, Verkaufsleiter Kälber bei der UFA AG. Das Zielgewicht beim Verkauf liegt für alle Geschlechter zwischen 200 und 220 Kilogramm Lebendgewicht – wer in diesem Fenster liefert, hat die besten Karten. Für die Fresserproduktion eignen sich grundsätzlich sowohl männliche als auch weibliche Tiere. Ochsen spielen eine kleinere Rolle; sie kommen vor allem in extensiven Systemen oder gemischten Gruppen mit Weidehaltung zum Einsatz. Am Markt gefragt sind laut Graf vor allem männliche Tiere aus intensiver Haltung. Männliche und weibliche Fresser werden nach der gleichen Preistabelle abgerechnet: Der Tränkerankaufspreis in Korrelation mit dem Endgewicht ergibt den Preis pro Kilogramm Lebendgewicht.
Kastration: Wer Ochsen will, muss früh entscheiden
Bis 200 bis 220 Kilogramm sind die Fütterungsunterschiede zwischen männlichen und weiblichen Kälbern noch nicht massiv – ab rund 120 Kilogramm zeigen die Männlichen etwas höhere Tageszunahmen. Wer Ochsen produzieren will, sollte die Kastration so früh wie möglich vornehmen, idealerweise in der ersten Lebenswoche. Zu diesem Zeitpunkt ist das Verfahren einfach und kostengünstig: Ein strammer Gummiring wird mit einer Zange über den Hodensack gestülpt, die Blutzufuhr wird unterbrochen und das Gewebe stirbt ab. Zu einem späteren Zeitpunkt braucht es die chirurgische Kastration oder die blutlose Quetschmethode – beides aufwendiger und mit tierärztlich vorgeschriebener Schmerzbehandlung verbunden.
Bei den Tageszunahmen gilt: Für die Munimast sind 1,4 bis 1,5 Kilogramm pro Tag bis 200 Kilogramm realistisch, für Rinder ist 1 Kilogramm das Ziel. Ochsen liegen dazwischen.
Viereinhalb Monate, drei Phasen – so funktioniert die Aufzucht
Von einem zugekauften 70-Kilogramm-Tränker bis zum verkaufsfähigen Fresser braucht es laut Graf rund 18 bis 19 Wochen. Die Aufzucht gliedert sich in drei Phasen, die konsequent aufeinander aufbauen müssen.
Abtränkphase (bis Tag 49): Wer Tränker mit rund 80 Kilogramm zukauft, rechnet mit sieben Wochen Abtränkphase. In den ersten vier Wochen erhalten die Kälber täglich rund 8 Liter Milch; danach wird die Menge kontinuierlich reduziert, bis am 49. Tag noch 2 Liter gegeben werden. Gleichzeitig steht von Anfang an Kälbermash zur freien Aufnahme bereit – dieses enthält bereits Kraftfutter und Raufutter. Frisches Wasser muss immer zugänglich sein. Auf dem Geburtsbetrieb, wo die Kälber von Beginn weg aufgezogen werden, rechnet Graf insgesamt mit rund 11 bis 12 Wochen Milchgabe, abhängig von Vitalität und Entwicklung des Tieres.
Übergangsphase: Sobald die tägliche Milchmenge auf rund 4 Liter gesunken ist, beginnt die Übergangsphase: Das Kälbermash wird mit einer TMR-Mischung überschnitten – typischerweise 80 Prozent Mais- und 20 Prozent Grassilage. Die Milch wird nun vollständig abgesetzt, am besten kontrolliert über einen Tränkeautomaten.
Festfutterphase: Das Kalb frisst ausschliesslich TMR. Bei männlichen Tieren bleibt die Ration bei 80 Prozent Mais- und 20 Prozent Grassilage; dazu empfiehlt Graf ein Vormastfutter wie UFA 230, das bei rund 130 Kilogramm mit etwa 1,3 Kilogramm täglich aufgenommen wird. Bei weiblichen Tieren muss ab rund 150 Kilogramm der Maisanteil stark zurückgenommen werden – sonst verfetten die Tiere. Graf empfiehlt dann 70 Prozent Grassilage und 30 Prozent Maissilage, ergänzt durch ein eiweissreicheres Kraftfutter wie UFA 129. Die Futteraufnahme steigt mit dem Gewicht rasch: Mit rund 100 Kilogramm fressen weibliche Tiere etwa 2 Kilogramm Frischsubstanz, mit 110 Kilogramm bereits 2,9 Kilogramm, ab 120 Kilogramm rund 4,5 Kilogramm. Bei 200 Kilogramm sind es 10 bis 11 Kilogramm täglich.
Goldene Regel: Nie zwei Futterumstellungen gleichzeitig vornehmen. Wer die Milch absetzt, das Kälbermash wegnimmt und gleichzeitig Silage einführt, riskiert Verdauungsprobleme. Ebenso wichtig: kein Stallwechsel zum gleichen Zeitpunkt wie ein Futterwechsel. Bei Tieren am Tränkeautomaten sollte man mindestens 10 bis 14 Tage nach dem Milchentzug warten, bevor der Stall gewechselt wird. Der TS-Gehalt der Milch muss über die gesamte Tränkephase konstant bleiben – das gibt dem Labmagen Stabilität.
Stall und Technik: Was bereitstehen muss
Die eingestreute Liegefläche beträgt für Tiere bis 200 Kilogramm 1,8 Quadratmeter; Graf empfiehlt, mit 2 Quadratmetern zu planen, da die Tiere gegen Ende auch die 200-Kilogramm-Marke überschreiten. Gesetzlich zu beachten: Rinder zur Grossviehmast über fünf Monate dürfen nicht in Einflächenbuchten mit Tiefstreu gehalten werden – bei der Rindermast, die rund 5 bis 5,3 Monate bis 220 Kilogramm dauert, braucht es deshalb einen Festboden im Bereich der Fressachse.
Zur Grundausstattung gehören Fütterungsachse, Liegebereich (Boxen möglich), Wasserbecken und, ab mehr als 10 bis 15 Kälbern, ein Tränkeautomat. Dieser ermöglicht eine saubere, kontrollierte Abtränkphase mit individueller Überwachung der Milchaufnahme und ist sowohl für Vollmilch als auch für Milchpulver geeignet.
Impfpflicht beim Zukauf, Lunge und Ohr im Blick behalten
Bei Tieren, die auf dem Geburtsbetrieb bleiben, braucht es keine spezielle Einstallimpfung. Wer jedoch Kälber zukauft, muss seit dem 1. Juli 2025 Folgendes beachten: Kälber sind auf dem Geburtsbetrieb mit einer intranasalen Impfung (z.B. Rispoval) geimpft worden. Auf dem Fresser- oder Mastbetrieb müssen diese Tiere innert 28 Tagen eine zweite, intramuskuläre Impfung erhalten – zum Beispiel Bovalto Respi 3. Entwurmung ist für Stalltiere grundsätzlich nicht nötig. Bei Lausbefall empfiehlt Graf eine Behandlung mit Eprinex.
Die häufigsten Krankheiten sind Lungen- und Ohrenentzündungen – beide direkt beeinflusst durch die Luftqualität im Stall. Gute Belüftung, ausreichend trockene Einstreu und tägliche Tierbeobachtung sind deshalb keine Kür, sondern Pflicht: morgens und abends füttern, mittags Kontrollrundgang und dabei die Milchabnahme prüfen, Futter nachschieben, Allgemeinbefinden beurteilen. Stabile Gruppen halten, keine Einzeltiere nachstallen, Umstallungen nie gleichzeitig mit Futterumstellungen.
Was die Aufzucht kostet – und was der Fresser bringt
Als grobe Orientierung nennt Graf Futterkosten von rund 3.30 Franken pro Tier und Tag. Für Tierarztkosten sind rund 15 Franken für die Impfung einzukalkulieren; bei zugekauften Kälbern und Einzelbehandlungen rund 30 Franken pro Tier. Für den Arbeitsaufwand gilt: Bei 10 Kälbern sind rund 1,5 Stunden pro Tag eine realistische Schätzung – weniger, wenn ein Tränkeautomat vorhanden ist.
Der Erlös richtet sich nach der Mastremontenpreistabelle von Swiss Beef (gültig ab 1. Februar 2026).
Die Mastremontenpreistabelle finden Sie hier
Abgerechnet wird nach Lebendgewicht. Der Preis pro Kilogramm ergibt sich aus dem Tränkerankaufspreis und dem Endgewicht.
Zuschläge für Label-Haltung und Rindergrippe-Impfung sind möglich; für weibliche Tiere und Ochsen ab 140 Kilogramm gibt es Zuschläge fix inbegriffen. Altersabzüge fallen ab 181 Lebenstagen an: 10 Rappen pro Kilogramm zwischen 181 und 200 Tagen, 20 Rappen zwischen 201 und 220 Tagen, 40 Rappen ab 221 Tagen. Wer zu lange wartet, verliert bares Geld.
Vermarktung und Ausblick: Kein Fresserstau – aber Qualität entscheidet
Der einfachste Weg zur Vermarktung läuft über den Viehhändler, etwa Anicom, wo Tiere auf dem Portal angemeldet werden. Der Händler übernimmt das Zusammenstellen von Gruppen für die Munimäster. Direkte Kontakte zu Mastbetrieben sind möglich, aber für Einzeltiere logistisch aufwendiger. Wer einheitliche Gruppen liefern kann, ist klar im Vorteil.
Und droht nach dem Mastkälberstau denn nicht plötzlich ein Fresserstau? Graf ist entspannt: Mit einem Fresserstau sei nicht zu rechnen, da Remonten laufend gesucht werden. Eine Herausforderung bleibt allerdings die Logistik – da Fresser oft in kleinen Stückzahlen von verschiedenen Betrieben kommen, ist das Zusammenführen für Händler aufwendig und aus tiergesundheitlicher Sicht nicht ideal.
Entscheidend ist und bleibt die Qualität der Aufzucht. «Was man in der Tränkephase verpasst hat, holt man nicht mehr auf», sagt Graf – das sei metabolische Programmierung. Wer Fresser produzieren will, muss intensiv aufziehen. Wer das nicht kann oder will, tut der ganzen Kette einen grösseren Gefallen, wenn er seine Tränker an professionelle Betriebe verkauft.