Rund 20 Bäuerinnen nahmen am Kurs «Kälberhaltung für Bäuerinnen» am LZSG in Flawil SG teil. Das Angebot richtet sich bewusst an Frauen, da in vielen Betrieben die Betreuung der Kälber in ihrem Aufgabenbereich liegt. Geleitet wurde die Weiterbildung von Nathalie Roth und Thyas Künzle. Sie spannten den Bogen von der Galtkuhphase über die Geburt bis hin zur Fütterung und zum Stallmanagement.

Galtkuh nicht als «Resteverwerterin» betrachten

Zu Beginn machte Thyas Künzle deutlich, dass Kälbergesundheit lange vor dem Abkalben beginnt. Bereits in den ersten 100 Tagen der Trächtigkeit werden wichtige Grundlagen für Stoffwechsel, Fruchtbarkeit und Leistungsfähigkeit gelegt. Auch die letzten Wochen vor der Geburt sind entscheidend, da Hitzestress und Fütterungsfehler die spätere Milchleistung beeinflussen können.«Das Kalb von heute ist die Kuh von morgen», sagte Künzle und verwies darauf, dass die Galtphase den grössten Einfluss auf den optimalen Start in die Laktation hat. Eine hohe Trockensubstanzaufnahme in der Galtphase, angepasste Mineralstoffversorgung sowie eine gut vorbereitete, grosszügige Abkalbebox sind zentrale Voraussetzungen. Die Galtkuh dürfe nicht als «Resteverwerterin» betrachtet werden, sondern als Schlüssel zur späteren Leistung der Herde, betonte Künzle.

«Das erste Kolostrum ist Gold wert»

Nach der Geburt entscheide sich vieles in kurzer Zeit, erklärte Nathalie Roth. Das Kalb sollte innert fünf Minuten in Brustlage kommen, damit sich die Lunge möglichst schnell entfaltet. «Der Saugreflex ist nach etwa 20 Minuten am stärksten ausgeprägt – ein idealer Zeitpunkt für die erste Gabe von Kolostrum», so Roth. Entscheidend ist eine rasche Versorgung: Rund vier Liter sollen innerhalb der ersten vier Lebensstunden aufgenommen werden. 

«Das erste Kolostrum ist Gold wert», sagte Künzle, «danach sinkt die Qualität schnell.» Mit einem Refraktometer lässt sich die Qualität überprüfen; Werte über 23% Brix gelten als qualitativ gut. Die Milch soll zudem schonend auf rund 39 Grad erwärmt werden, um die Immunglobuline nicht zu zerstören. Kolostrum von Kühen, die länger im Betrieb sind, enthält mehr stallspezifische Antikörper und eignet sich bei guter Qualität zum Einfrieren.

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«Erfolg ist eine Treppe, keine Tür»

Zur Erstversorgung gehören ausserdem die Erfassung des Geburtsgewichts und das trockene Umstallen des Kalbes von der Abkalbebucht in den Kälberstall. «Beobachten Sie Ihre Kälber mit allen Sinnen», forderte Roth die Teilnehmerinnen auf. Veränderungen bei Atmung, Temperatur oder Verhalten müssen früh erkannt werden. 

Neben der Erstversorgung stand das Umfeld im Fokus. Kälber machen 20 bis 40 Atemzüge pro Minute und reagieren empfindlich auf schlechte Stallluft. Trockene, grosszügige Einstreu und frische Luft sind deshalb unverzichtbar. Roth stellte zwei einfache Leitfragen in den Raum: «Wäre ich hier gerne Mitarbeiterin? Und wäre ich hier gerne Kalb

Auch die Fütterung wurde praxisnah erläutert. Das neugeborene Kalb ist noch kein Wiederkäuer; die Milch muss über den Schlundrinnenreflex in den Labmagen gelangen. Das Tränken mit Nuggi ist deshalb zentral. Eine intensive Milchtränke in den ersten Lebenswochen fördert hohe Tageszunahmen und wirkt sich auf die Leistungsfähigkeit aus. Wasser muss von Beginn an frei verfügbar sein, da es die Pansenentwicklung unterstützt. Thyas Künzle fasste zusammen: «Erfolg ist eine Treppe und keine Tür.» Gute Kälberaufzucht entsteht Schritt für Schritt durch konsequente Abläufe.

Hilfreicher Blick von aussen

Zum Abschluss wurde die Theorie in die Praxis übertragen. Auf dem Betrieb Gämperle in Rossrüti SG erhielten die Teilnehmerinnen einen Einblick in den Betrieb und besichtigten den Kälberstall. Anhand einer Checkliste beurteilten sie die Kälbersignale, das Stallklima, die Einstreu, das Tränkesystem, die Hygiene und die Organisation. 

Der gemeinsame Rundgang zeigte, wie hilfreich ein strukturierter Blick von aussen sein kann. Die Arbeit mit der Checkliste soll die Teilnehmer(innen) auch auf dem eigenen Betrieb unterstützen, indem sie mit offenen Augen und Ohren durch den Stall gehen und sich regelmässig fragen, wo Abläufe überprüft und verbessert werden können.