Abo Tiergesundheit Rote Augen vor der Alpauffahrt – wann es Gämsblindheit ist und was Halter tun müssen Saturday, 7. March 2026 Das Handy klingelt in der Hosentasche. Die Tierarztpraxis ruft an mit der Frage: «Willst du gegen Gämsblindheit impfen?» Gemeint sind die Rinder, die auf den Berg gehen. «Ja», sagt der Bauer. Und damit wäre die Geschichte eigentlich schon zu Ende.

Welche Krankheit ist gemeint? 

Aber ganz so einfach ist es nicht. Denn wenn der Tierarzt «Gämsblindheit» sagt, meint er eigentlich «Pink Eye» – und das ist nicht dasselbe. Beide Krankheiten verursachen gerötete, tränende Augen und sehen beim ersten Hinschauen identisch aus. Dahinter stecken aber zwei völlig verschiedene Erreger, zwei verschiedene Tiergruppen und zwei grundlegend verschiedene Präventionsstrategien. Den Rindern, die auf die Alp gehen, droht Pink Eye. Gegen Pink Eye gibt es einen Impfstoff. Gegen Gämsblindheit nicht.

Zurück zum Telefon: Die Frage des Tierarztes war also gut gemeint – und die Antwort des Bauern richtig. Denn die Impfung gegen Pink Eye gilt in der Veterinärmedizin als wichtigster vorbeugender Schutz vor der Alpauffahrt. Sie muss aber rechtzeitig erfolgen, und sie allein reicht nicht.

Woran erkennt man Pink Eye?

Laut der Veterinärpharmakologie der Universität Zürich ist Pink Eye, fachlich die «Infektiöse Bovine Keratokonjunktivitis», die häufigste Augenerkrankung beim Rind. Der Haupterreger ist das Bakterium Moraxella bovis, das in geringer Zahl auch in gesunden Rinderaugen vorkommt, aber unter begünstigenden Bedingungen zur Massenvermehrung neigt.

Die Erkrankung beginnt oft einseitig: wässriger Tränenfluss, Lichtscheue, Lidkrampf. Das Tier kneift das Auge zusammen, meidet Sonnenlicht. Dann trübt sich die Hornhaut zentral, Blutgefässe spriessen ein – das namensgebende rosa Auge. Im schlimmsten Fall entstehen Geschwüre, das Tier erblindet. Ein blindes Rind ist auf der Alp akut sturzgefährdet und nicht mehr transportfähig.

Wie die Tierarztpraxis Capricorn AG in Ilanz GR festhält, bleibt der Erreger in den Speicheldrüsen von Fliegen bis zu 72 Stunden infektiös. Fliegen sind damit der wichtigste Überträger. Sobald ein Tier erkrankt, kann die Infektion innert zwei bis acht Wochen 50 bis 80 Prozent einer Herde erfassen. Im Berggebiet verstärken intensive UV-Strahlung, Staub und Grannen von Gräsern das Risiko zusätzlich. Professor Wolfgang Klee von der Ludwig-Maximilians-Universität München weist zudem darauf hin, dass Spurenelementmangel, insbesondere Zink und Selen, die lokale Immunabwehr des Auges schwächt.

Was kann man vorbeugend tun?

Die Veterinärmedizin sieht die Impfung als grossen Schutz. Drei bis sechs Wochen vor der Alpauffahrt – so lautet die Empfehlung. Wer im Mai auf die Alp geht, muss also jetzt handeln und einen Impftermin planen, falls sich der Tierarzt nicht bereits gemeldet hat. Auf einigen Schweizer Alpen ist die Impfung als Prophylaxemassnahme sogar Pflicht.

Einen 100-prozentigen Schutz bietet die Impfung aber nicht, da häufig mehrere Erreger gleichzeitig beteiligt sind. Deshalb empfiehlt der Kälbergesundheitsdienst Schweiz, Repellentien konsequent einzusetzen – Sprays, Ohrmarken oder Halsbänder reduzieren den Fliegenbefall deutlich. Erst zusammen erzielen Impfung und Fliegenschutz eine verlässliche Wirkung.

Ausserdem lohnt es sich, die Spurenelementversorgung vor der Alpauffahrt zu prüfen. Mineralstofflecksteine auf der Alp sind eine einfache Massnahme. Und: täglich die Augen der Tiere kontrollieren. Wer früh erkennt, kann früh behandeln.

Was tun beim Ausbruch?

Erkrankte Tiere sofort absondern und einstallen oder an einen schattigen Ort bringen – Licht ist schmerzhaft und verschlimmert den Verlauf. Den Tierarzt kontaktieren: bei leichtem Verlauf lokale antibiotische Augensalbe täglich, bei schwereren Fällen ein systemisches Depot-Antibiotikum. Entzündungshemmer lindern den Schmerz und verbessern das Allgemeinbefinden. Bei milchliefernden Kühen ein Präparat mit angemessener Wartezeit wählen. Handschuhe tragen und Instrumente desinfizieren – der Erreger lässt sich leicht über Hände und Kleidung verschleppen.

Pink Eye – das Wichtigste
 
Erreger: Moraxella bovis, übertragen durch Fliegen
Erkennen: einseitiger Tränenfluss, Lichtscheue, Hornhauttrübung
Vorbeugen: Impfung 3–6 Wochen vor Alpauffahrt, Repellentien, Spurenelemente
Behandeln: Absondern, einstallen, Tierarzt rufen. Achtung: Alpvorschriften der Genossenschaft prüfen.