Die Augen sind rot, tränend, das Tier kneift sie zusammen und meidet das Licht. Auf den ersten Blick sieht das genauso aus wie Pink Eye beim Rind. Aber beim Schaf oder bei der Ziege heisst das Gleiche etwas anderes: Gämsblindheit. Der Erreger ist ein anderer, die Behandlung ist eine andere – und die Konsequenzen reichen weit über den eigenen Betrieb hinaus.
Was ist Gämsblindheit?
Die Gämsblindheit, verursacht durch das Bakterium Mycoplasma conjunctivae, befällt Schafe, Ziegen, Gämsen und Steinböcke. Die Veterinärpharmakologie der Universität Zürich hält ausdrücklich fest: Gämsblindheit und Pink Eye sind nicht dasselbe – anderer Erreger, andere Bekämpfung. Einen Impfstoff gibt es für Schafe und Ziegen nicht.
Die Übertragung erfolgt durch direkten Tierkontakt, über Augensekrete und durch Fliegen als mechanische Vektoren. Der Erreger trocknet ausserhalb des Auges rasch aus – ist aber so lange infektiös, bis er eingetrocknet ist. Gemeinsam genutzte Lecksteine oder Tränken können zur Keimverbreitung beitragen.
Woran erkennt man die Gämsblindheit?
Anders als Pink Eye beim Rind sind bei der Gämsblindheit oft beide Augen gleichzeitig betroffen. Wässriger Tränenfluss, gerötete Bindehaut, Lichtscheue – das sind die frühen Zeichen. Bei starkem Verlauf trübt sich die Hornhaut, das Tier erblindet. Die Tierarztpraxis Capricorn AG in Ilanz betont, dass vor allem Jungtiere oft nur milde Symptome zeigen – aber dennoch Träger und Überträger sind.
Was Halter vorbeugend tun können
Da es keinen Impfstoff gibt, zählt konsequentes Management vor der Alpauffahrt. Kein Tier mit Augensymptomen darf auf die Alp – das ist nicht nur eine Empfehlung, sondern tierseuchenrechtliche Pflicht. Aber auch scheinbar gesunde Tiere können den Erreger ausscheiden. Das Forschungsprojekt Gämsblindheit der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern hat nachgewiesen, dass Schafe als Dauerreservoir für Mycoplasma conjunctivae fungieren und den Erreger auf Gämsen und Steinböcke übertragen können.
Repellentien gegen Fliegen sind auch hier sinnvoll – Fliegen übertragen den Erreger mechanisch. Gemeinsame Lecksteine und Tränken mit Wildtieren vermeiden. Und: Abstand halten – direkten Kontakt zwischen Haus- und Wildtieren so weit wie möglich verhindern.
Was tun beim Ausbruch?
Erkrankte Tiere sofort absondern und einstallen oder in den Schatten bringen. Den Tierarzt rufen – je nach Schwere der Erkrankung lokale oder systemische Antibiotikabehandlung. Die Tierarztpraxis Capricorn empfiehlt, begleitend auf Fliegenbekämpfung zu setzen.
Warum das auch eine Frage der Verantwortung ist
Die Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern hat in einer Studie dokumentiert, dass bei betroffenen Wildtierpopulationen bis zu 30 Prozent der Tiere verenden – nachgewiesen bei der Steinbockkolonie Arosa 1993 und bei Gämsenpopulationen im Simmental und in der Region Gruyère zwischen 1997 und 1999. Bei Wildtieren gibt es keine Behandlung. Bei Verdacht auf Gämsblindheit in der Herde oder auf erkrankte Wildtiere in der Umgebung sollen unverzüglich ein Tierarzt und der kantonale Jagddienst informiert werden.
Gämsblindheit – das Wichtigste
Erreger: Mycoplasma conjunctivae, übertragen durch Kontakt und Fliegen
Erkennen: oft beide Augen betroffen, Tränenfluss, Hornhauttrübung
Vorbeugen: kein krankes Tier auf die Alp, Repellentien, keine gemeinsamen Lecksteine mit Wildtieren
Behandeln: absondern, einstallen, Tierarzt rufen
Bei Wildtieren: kantonalen Jagddienst informieren
