Ein Tier pro Monat. Rund 210 Kilogramm verkaufsfertiges Fleisch. 350 Stammkunden, die per Schlachtmail bestellen. Mehr will Eric Meili aus dem zürcherischen Bubikon nicht. Was klingt wie ein Hobbyprojekt eines Agrar-Pensionärs, ist in Wirklichkeit ein wirtschaftlich durchgerechnetes Modell – und einer der konsequentesten Beweise dafür, dass Bio-Weidefleisch rentieren kann, wenn man den Handel weglässt.

1000 Franken Gewinn pro Tier – und das ist kalkuliert, nicht geschätzt

Die Zahlen, die Meili vorlegt, sind ungewohnt transparent. Ein Tier kostet ihn beim Bauern durchschnittlich 4500 Franken. Die Hoftötung schlägt mit 760 Franken zu Buche, der Metzger rechnet 1700 Franken für die Verarbeitung. Gesamtkosten: rund 7000 Franken. Dem gegenüber stehen rund 210 Kilogramm verkaufsfertiges Fleisch à durchschnittlich 38 Franken pro Kilogramm – macht 8000 Franken Umsatz. Gewinn: etwa 1000 Franken pro Tier, bei 15 bis 20 Arbeitsstunden für Meili und seine Frau.

Das gewichtete Mittel von 38 Franken pro Kilogramm liegt damit unter dem, was Migros, Coop, Aldi und Lidl für vergleichbares Bio-Weidefleisch verlangen. Eric Meili schätzt den gewichteten Durchschnittspreis bei den Grossverteilern auf über 45 Franken. Einzig beim Hackfleisch sind die Supermarktpreise tiefer. «Mit 38 Franken machen wir ein soziales Fleischprojekt», sagt er. Das klingt sympathisch. Stimmt aber nur halb: Es ist vor allem ein wirtschaftlich solides Projekt ohne Mittelsmänner.

Was Bio-Weidemast wirklich bedeutet – und was der QM-Muni dazu sagt

Meili hält keine Mutterkühe mehr. Seit 2014 setzt er auf Remonten – Kreuzungen aus Milchrassen mit Limousin oder Angus, zugekauft von Nachbarbetrieben. Der Wechsel war wirtschaftlich erzwungen: 2014 fiel die Mutterkuhprämie weg, gleichzeitig liess sich auf gleicher Fläche mit Remonten mehr als doppelt so viel Schlachtgewicht produzieren. 424 Kilogramm Schlachtgewicht pro Hektar bei Mutterkühen, 956 Kilogramm bei Remonten auf der gleichen Fläche – das ist kein Randdetail, das ist die Kernbotschaft. Der Stundenlohn hat sich verdoppelt.

Die Tiere fressen ausschliesslich Gras und Grassilage, kein Mais, kein Kraftfutter. Sie verbringen den Sommer auf der Weide und der Alp und werden maximal 900 Tage alt. Seit 2022 werden sie per Hoftötung geschlachtet – kein Lebendtransport, kein Stress in der Fremde. Die Kunden hätten das sehr geschätzt, sagt Meili. Die Fleischqualität wird regelmässig im Labor analysiert: Zartheitswerte von unter 25 Newton im Schnitt, während ein herkömmlicher Mastmuni auf 54 Newton kommt. Das intramuskuläre Fett liegt bei 3 bis 3,6 Prozent – der schweizerische Durchschnitt beträgt 1 bis 1,5 Prozent. Omega-3-Fettsäuren dreimal über dem nationalen Normwert, das Omega-6-zu-Omega-3-Verhältnis von 1,23 weit unter der empfohlenen Obergrenze von 5.

Zum Vergleich: Ein QM-Muni – das Standardfleisch in der Schweizer Supermarkttheke – wird auf 3 Quadratmetern gummiertem Vollspaltenboden gehalten. Das lässt sich nicht schönreden, ist Eric Meili sicher.

Milch und Fleisch: Getrennt gedacht, gemeinsam gelöst

Meili liefert auch einen strukturpolitischen Beitrag – ob er will oder nicht. Die Partnerbetriebe, die seine Remonten aufziehen, produzieren Milch ohne Kraftfutter und ohne Mais. Deren überzählige Kälber gehen in die Weidemast. Die Kopplung ist konsequent: «Wer Milch aus dem Gras will, muss die Kälber verwerten. Wer die Kälber verwertet, braucht keine Ackerfläche für die Mast. Wir mästen auch die Milchrassen-Ochsen», so Meili.

Das ist kein neues Konzept – Bio Fair Schweiz setzt es unter dem Aldi-Label «Retour aux Sources» (RAS) ebenfalls um, allerdings im grösseren Massstab und über den Detailhandel. Präsident Hans Braun erzielte für seine RAS-Produzenten zuletzt einen Milchpreis von rund 1.10 Franken – in Zeiten, in denen andere Biomilchbetriebe kämpfen. Das Prinzip ist dasselbe wie bei Meili: Kälber, die auf dem Geburtsbetrieb mindestens 120 Tage aufgezogen wurden, erhalten beim Verkauf als Weiderind Liefervorrang. FiBL-Daten aus dem europäischen Projekt Intaqt bestätigen, dass bei gekoppelter Milch- und Fleischproduktion pro Tonne Protein deutlich weniger Treibhausgasemissionen anfallen als bei getrennter Produktion.

Aber Eric Meili denkt noch weiter: «Wenn alle konsequent Milch aus Gras und Rindfleisch aus Gras produzierten, hätten wir keinen Milch- und keinen Rindfleischüberschuss – und mehr Ackerfläche für den Menschen.» Eine Agroscope-Studie von Dezember 2025 stützt diese These. Es ist ein Gedankenexperiment. 

Die Nische: Wer kauft – und wer nicht

Eric Meili nimmt keine neuen Kunden auf. Er ersetzt nur, was wegfällt. Die 350 Stammkunden sind eingespielt; wer wegzieht oder aufhört, scheidet aus. Das Wachstum wurde bewusst gestoppt. Der Grund ist nicht fehlende Nachfrage, sondern Kapazität: eine Schlachtung pro Monat, mehr Tiere würden die Qualitätskontrolle und den Aufwand sprengen. Zudem: Meili ist 72, arbeitet heute im Aufzuchtvertrag, der eigene Pachtbetrieb wurde 2018 abgegeben. Er arbeitet heute zudem als freischaffender landwirtschaftlicher Berater.

Die Kundschaft ist urban, regional, einkommensstabil – und bereit, ein Gefriergerät für den monatlichen Einkauf zu befüllen. Das setzt Logistik voraus: Man muss selbst auf den Betrieb fahren, bestellen per Schlachtmail, wissen, was man will. Wer lieber das fertig portionierte Steak nach Hause liefern lässt, ist nicht Meilis Zielgruppe. Jeder bestellt sein eigenes Mischpaket.

Damit ist die eigentliche Grenze dieses Modells benannt: Es skaliert nicht. Was Eric Meili mit einem Tier pro Monat und einer Handvoll Partnerbetriebe bewirtschaftet, lässt sich nicht auf 30 oder 300 Betriebe übertragen, ohne dass die Direktheit verloren geht, die das Modell trägt. Wer diese Direktheit aufgibt, landet beim Grosshandel – und verliert den Preisunterschied, der das Ganze rentabel macht.

Was die Grossverteiler wirklich anbieten – und was sie verbergen

Migros und Coop führen Bio-Weidefleisch im Sortiment. Der gewichtete Durchschnittspreis liegt laut Eric Meili über 45 Franken pro Kilogramm – beim Hackfleisch tiefer, bei den Edelstücken deutlich höher. Was der Preis nicht zeigt: die Haltungsform der Tiere dahinter. Sind es wirklich Weidetiere? Wie lange? Mit welcher Fütterung? Wie wurde geschlachtet? Die Labeldeklaration gibt Mindeststandards vor, keine Maximalwerte.

«Retour aux Sources» bei Aldi geht weiter als die meisten Labelprogramme, auch weiter als Bio: Abtränken auf dem Geburtsbetrieb, kein Kraftfutter, Antibiotika-Verbot, Rückverfolgbarkeit. Der Unterschied zu Meilibeef: Das RAS-Fleisch wird portioniert, gekühlt und zentral verteilt. Meilibeef muss abgeholt werden.

Im Vergleich mit Retour aux Sources von Aldi Schweiz

Das Aldi-Label «Retour aux Sources» von Bio Fair Schweiz funktioniert nach ähnlichen Grundsätzen: Milch- und Fleischproduktion sind gekoppelt, Kälber werden mindestens 120 Tage auf dem Geburtsbetrieb getränkt, Antibiotikaeinsatz wird minimiert. Produzenten erhalten rund 1.10 Franken pro Kilogramm Milch und den höchsten Rindfleischpreis. Der Unterschied zu Meilibeef: RAS geht über den Detailhandel und ist auf Wachstum ausgelegt. Bio Fair Schweiz hat 2025 vier neue Milch- und zehn neue Weiderind-Produzenten aufgenommen.