Der Fokus der Analyse des Büros «Flury & Giuliani» lag auf Marktstrukturen und der Verteilung von Marktanteilen in der Wertschöpfungskette. Das ist ein Kerngebiet von «Faire Märkte Schweiz» (FMS). Der Verein ist indes alles andere als zufrieden mit der Arbeit von «Flury & Giuliani». Die Wettbewerbssituation im Agrar- und Lebensmittelmarkt sei ein zentrales Element für die AP 30+, weshalb die Studie eine besondere Brisanz habe, betont FMS. Die gesetzten Ziele erfülle die Arbeit jedoch nicht.
Zahl der Marktakteure kein eindeutiges Indiz
Im Auftrag des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) hat das Büro «Flury & Giuliani» eine Analyse der Wertschöpfungsketten von Apfel, Brotweizen und Schweinefleisch verfasst. Auf den einzelnen Stufen sei der Wettbewerb unterschiedlich stark ausgeprägt, schreiben die Autoren. «Einen Einfluss auf die Struktur und die Wettbewerbssituation in den Wertschöpfungsketten haben aber auch technologische Entwicklung oder gesetzliche Vorgaben.» Die Agrarpolitik beeinflusse über den Grenzschutz die Grösse der der Märkte für die inländischen Unternehmen. «Allgemein ist festzuhalten, dass die Zahl der Marktakteure auf einer Stufe keine abschliessende Einschätzung zur Marktsituation zulässt», heisst es weiter. Massgebend sei vor allem auch die Konkurrenzsituation über die Stufen der Wertschöpfungskette hinweg. D.h., auch die integrierten Betriebe stünden – wenn man die gesamte Wertschöpfungskette betrachte – zueinander in Konkurrenz.
Mangelnde Daten, schlechte Methode
FMS vermisst insbesondere neue Erkenntnisse zu Wettbewerb und Marktkonzentration. Die Studie hätte eine Auslegeordnung zu den branchenspezifischen Herausforderungen bezüglich Wettbewerbssituation und Preistransparenz liefern sollen, wie in der Zielsetzung zu lesen ist. «Das kann die Analyse mangels zuverlässiger Daten nicht leisten», kritisiert FMS in einem Brief ans BLW, der der BauernZeitung vorliegt. Die Autoren hätten ausserdem keine Marktkenner einbezogen, die über die Verhaltensweisen von Unternehmen oder Wettbewerbseinschränkungen aus der Praxis Bescheid wüssten. Die gewählte Methodik mit Workshops und Experteninterviews unter anderem mit BLW, Produzenten- und Branchenorganisationen sowie marktrelevanten Unternehmungen führe zu einem «sich selbst bestätigenden System». Bestehende Markt- und Informationsasymmetrien würden so eher reproduziert als kritisch beleuchtet.
FMS hat in seinem Schreiben zahlreiche offene Fragen mit Bezug zur Agrarpolitik ans BLW geschickt.
Teil der Antwort auf drei überwiesene Postulate
«Die Studie diente als eine von verschiedenen Grundlagen für die Erarbeitung des Berichts zu drei Postulaten», gibt das BLW auf Anfrage Auskunft. Diese politischen Vorstösse wurden in den letzten Jahren an den Bundesrat überwiesen und fordern die Prüfung von Möglichkeiten gegen unlautere Handelspraktiken im Detailhandel sowie für mehr Preistransparenz, eine Analyse und Bewertung der Wettbewerbssituation im Agrar- und Lebensmittelmarkt bzw. einen Bericht zu landwirtschaftlichen Richtpreisen. Die Erarbeitung des Postulatsberichts ist gemäss BLW in die Arbeiten zur AP 30+ eingebettet und partizipativ angelegt. «Insbesondere haben diverse Branchengespräche und -workshops stattgefunden mit Vertretenden von Produktion, Verarbeitung, Detailhandel und Konsument(innen).» «Flury & Giuliani» hätten vor allem eine Übersicht zu den vorhandenen Daten und Informationen sowie eine Einschätzung Letzterer liefern sollen.
Das BLW bestätigt, einen Brief von FMS in dieser Sache erhalten zu haben. «Wir sind derzeit dabei, den Inhalt zu prüfen und bereiten eine Antwort vor.» Im Bericht zu den erwähnten Postulaten werde der Bundesrat auch aufzeigen, welche Massnahmen zur Verstärkung der Marktbeobachtung bzw. der Wettbewerbssituation der Landwirtschaft getroffen werden sollen. «Die Umsetzung dieser Massnahmen soll im Rahmen der AP 30+ erfolgen.»
Fragen zu Unabhängigkeit und Praxisrelevanz der Studie
FMS kritisiert allerdings nicht nur den Inhalt der Studie, sondern auch deren Autorenschaft. «Ein Mitautor ist Kadermann der dem BLW unterstellten Forschungsanstalt Agroscope und gleichzeitig Inhaber des mit der Studie beauftragten Büros», schreibt FMS. Die personelle und institutionelle Nähe lasse Zweifel an der wissenschaftlichen Unabhängigkeit und Praxisrelevanz der Studie aufkommen.
«In diesem Mandat ist kein Interessenskonflikt vorhanden»
Die Vergabe des Auftrags sei im Rahmen eines Einladungsverfahrens erfolgt, hält das BLW fest. Als Kriterien hätten insbesondere fachliche Expertise im Themenbereich, die Fähigkeit zum Einbinden von Branchenwissen und Wirtschaftlichkeit des Angebots gedient. «Flury & Giuliani erfüllte diese Anforderungen von den eingeladenen Unternehmen am besten und erhielt entsprechend den Zuschlag», so das BLW. Die Nebentätigkeit des genannten Mitautors habe Agroscope gemäss den gesetzlichen Vorgaben geprüft und genehmigt. «In diesem Mandat war kein Interessenskonflikt vorhanden.» Das schreibt auch der Bundesrat auf die Frage von Nationalrat Hans Jörg Rüegsegger (SVP, BE). Die Veröffentlichung stehe in keinem Zusammenhang mit den aktuellen Aufgaben von Agroscope, so die Begründung des Bundesrats.
Postulatsbericht für 2026 geplant
Damit bei der AP 30+ wirtschaftliche und soziale Perspektiven und mehr Transparenz entlang der Wertschöpfungskette erzielt werden können, müssten für FMS die offenen Fragen noch geklärt werden. Die vorliegende Analyse ist nach Meinung des Vereins dafür nicht ausreichend. Er fordert in seinem Brief zusätzlich von der Wettbewerbskommission eine behördliche Sektoranalyse, denn nur damit lasse sich mit Auskunfts- und Datenerhebungsbefugnissen die Funktionsweise des Wettbewerbs prüfen. «Das BLW nimmt die Ergebnisse vom «Flury & Giuliani» zur Kenntnis und wird sie bei der Ausarbeitung der Antwort auf die genannten Postulate und damit in der AP 30+ berücksichtigen», heisst es beim Bundesamt. Diese Antwort solle vom Bundesrat im ersten Quartal 2026 verabschiedet werden.