Lenksysteme gehören heute bei vielen Traktoren zur Standardausstattung – allerdings nicht bei allen Herstellern in gleichem Ausmass. Besonders deutlich zeigt sich dies bei Neumaschinen von Fendt: Rund 80 Prozent sind bereits mit einem RTK-Empfänger oder zumindest mit einer entsprechenden Vorrüstung ausgestattet.

«Fendt ist einer der Technologieführer im Markt und darum verhältnismässig häufig mit Lenksystemen ausgerüstet», erklärt Gambirasio. Marken wie Massey Ferguson oder Valtra seien stärker in preisgünstigeren Marktsegmenten vertreten, in denen Lenksysteme bislang seltener nachgefragt würden. «Die Tendenz ist aber klar steigend.»

Nutzen und Gewöhnungseffekt

Der praktische Nutzen von Lenksystemen zeigt sich schnell im Arbeitsalltag. Neben höherer Präzision steigt vor allem der Fahrkomfort. Gleichzeitig benennt Gambirasio auch einen oft unterschätzten Aspekt:

«Wenn sich der Fahrer einmal an das Lenksystem gewöhnt hat, ist ein Verzicht darauf unangenehm.»

Dieser Gewöhnungseffekt verdeutliche, wie stark Lenksysteme die tägliche Arbeit erleichtern und strukturieren.

Einstieg ohne Überforderung

Häufig wird der Einsatz moderner Lenksysteme mit hoher digitaler Kompetenz in Verbindung gebracht. Für Gambirasio ist dies jedoch kein Ausschlusskriterium.

«Grundsätzlich raten wir niemandem von der Nutzung ab», sagt er. Entscheidend sei ein klar strukturierter Einstieg: «Wichtig ist ein geordneter Start ohne Überforderung.»

In der Praxis zeige sich, dass zu ambitionierte Einstiege oft zu Frustration führen, insbesondere wenn komplexe Zusatzfunktionen von Beginn an genutzt werden sollen.

Basisfunktionen als Fundament

Die Grundlage jeder Lenksystemnutzung bilden einfache, aber sauber umgesetzte Funktionen.

«Die minimale Anforderung ist klar die A-B-Linie», betont Gambirasio. «Entscheidend ist, dass Spurlinien korrekt erstellt und eindeutig benannt werden, damit sie im Alltag zuverlässig genutzt werden können.»

Ergänzend dazu beginnen erfahrene Anwender mit der Erfassung von Feldgrenzen und Hindernissen. Diese Daten sind Voraussetzung für weiterführende Funktionen wie Isobus Section Control, die insbesondere bei Lohnunternehmen an Bedeutung gewinnen. Teilflächenspezifische Bewirtschaftung hingegen ist in der Praxis noch wenig verbreitet.

Feldgrenzen richtig erfassen

Besondere Aufmerksamkeit gilt der Qualität der Feldgrenzen. Gambirasio warnt vor der Verwendung ungeeigneter Datengrundlagen:

«Katasterdaten sind in den meisten Fällen schlecht geeignet, da sie Besitz- und nicht Bearbeitungsgrenzen abbilden.»

Feldgrenzen sollten deshalb direkt im Feld aufgezeichnet oder mit geeigneter Messtechnik erfasst werden. «Dabei unterstützen wir unsere Kunden aktiv», ergänzt er.

Vier Stufen der Anwendung

Wie gross der betriebliche Nutzen eines Lenksystems ist, hängt massgeblich davon ab, wie konsequent es in die Arbeitsabläufe integriert wird. Roman Gambirasio unterscheidet dabei vier aufeinander aufbauende Anwendungsstufen. Der Einstieg erfolgt meist mit der reinen Spurführung ohne Zusatzfunktionen, was bereits spürbaren Fahrkomfort bringt und Überlappungen reduziert. In einem nächsten Schritt wird das Lenksystem durch Isobus-Anwendungen und Section Control ergänzt, wodurch sich Betriebsmittel gezielter einsetzen und zusätzliche Einsparungen erzielen lassen.

Fortgeschrittene Anwender nutzen darüber hinaus automatisches Vorgewendemanagement, Wendemanager sowie digitale Dokumentationslösungen über ein Farm-Management-Informationssystem (FMIS). Diese Funktionen ermöglichen eine strukturierte Datenerfassung und weitere Effizienzgewinne im Betriebsalltag. Auf der höchsten Anwendungsstufe kommen Applikationskarten, Controlled Traffic Farming und Variable-Rate-Techniken zum Einsatz. Ziel ist dabei eine gezielte, standortangepasste Bewirtschaftung und die langfristige Optimierung der Produktionsprozesse.

Gleichzeitig ordnet Gambirasio die Rolle der Technik bewusst ein: «Die Technologie macht aus einem schlechten Bauern nicht automatisch einen erfolgreichen. Aber sie kann aus einem guten Bauern einen noch besseren machen.»

Präzision durch passende Korrektursignale

Die erreichbare Genauigkeit eines Lenksystems wird wesentlich durch das verwendete Korrektursignal bestimmt. Je nach System liegt die Spurgenauigkeit zwischen rund einem Meter bei einfachem GNSS und etwa zwei Zentimetern bei RTK.

RTK-Korrekturdaten werden von unterschiedlichen Anbietern bereitgestellt. Hochwertige Netzlösungen bieten eine hohe Stabilität und Einsatzsicherheit.

«Neben einzelnen Basisstationen gibt es heute sogenannte VRS-Netze», erklärt Gambirasio. «Damit kann der Traktor flächendeckend und ortsunabhängig mit präzisen Korrekturdaten versorgt werden.»

Integration in den Betrieb

«Damit Lenksysteme ihr Potenzial langfristig entfalten können, sind Schulung und die passende Systemwahl entscheidend», sagt Roman Gambirasio. Die entsprechenden Schulungen werden von ihm und seinem Team praxisnah direkt auf dem Traktor durchgeführt. Ziel ist es, die Funktionen im realen Einsatz zu erklären und eine sichere Anwendung im Alltag zu ermöglichen.

Ebenso wichtig sei die Kompatibilität der eingesetzten Technik. «Ein Isobus-Bildschirm, der vor zehn Jahren aktuell war, funktioniert unter Umständen mit modernen Anbaugeräten nicht mehr», hält Gambirasio fest. Aufgrund der schnellen technischen Entwicklung müsse digitale Landtechnik regelmässig überprüft und bei Bedarf angepasst oder erneuert werden.

Mehrwert durch aktive Nutzung

Der grösste Nutzen entsteht, wenn Lenksysteme konsequent in die Bewirtschaftungsstrategie eingebunden werden, so Roman Gambirasio. Feldformen können an Arbeitsbreiten angepasst, ökologische Flächen gezielt platziert und Betriebsmittel bedarfsgerecht eingesetzt werden. Verfahren wie Streifenbearbeitung, Bandspritzung oder teilflächenspezifische Düngung lassen sich dadurch umsetzen und in die betrieblichen Abläufe integrieren.

Von GPS bis VRS
GNSS (Global Navigation Satellite System) ist das grundlegende System zur Positionsbestimmung mithilfe von Satelliten. Es umfasst mehrere Satellitensysteme wie GPS (USA), GLONASS (Russland), Galileo (EU) und BeiDou (China). Alleine bietet GNSS eine Genauigkeit von typischerweise 2–10 Metern (je nach Bedingungen), da Fehlerquellen wie Atmosphäreneinflüsse (Ionosphäre, Troposphäre), Satellitenuhrfehler oder Orbitabweichungen die Signale verzerren.
RTK (Real-Time Kinematic, auf Deutsch: Echtzeitkinematik) ist eine Erweiterungstechnik zu GNSS, die eine viel höhere Präzision ermöglicht – meist im Zentimeterbereich (ca. 1–3 cm horizontal, etwas schlechter vertikal). RTK nutzt nicht nur die Code-Informationen der Satellitensignale, sondern vor allem die Phasenmessung der Trägerwelle (Carrier Phase). Um die systematischen Fehler zu korrigieren, benötigt RTK Korrekturdaten von einer Referenzstation (Base Station) mit bekannter Position.
VRS (Virtual Reference Station, Virtuelle Referenzstation) ist eine spezialisierte Form von Netzwerk-RTK. Hier gibt es keine einzelne physische Base, sondern ein Netzwerk permanenter Referenzstationen (CORS – Continuously Operating Reference Stations). Eine zentrale Server-Software berechnet aus den Daten mehrerer Stationen eine virtuelle Referenzstation direkt in der Nähe der Rover-Position (oft nur wenige Meter entfernt).
Zusammengefasst: GNSS ist die Basis, RTK macht daraus hochpräzise Echtzeit-Positionierung, und VRS ist eine moderne, netzwerkbasierte Variante von RTK, die flexibler und großflächiger einsetzbar ist (z. B. bei Diensten wie SAPOS in Deutschland oder APOS in Österreich). Welche Methode am besten passt, hängt vom Einsatzgebiet, der verfügbaren Infrastruktur und der benötigten Reichweite ab. red