«Mindestens ein Vertreter jeder der elf Linien wird anwesend sein. Diese genetische Vielfalt ist ein sehr positives Zeichen für die Nachhaltigkeit und das Gleichgewicht der FM-Zucht sowie für den Erhalt gefährdeter Linien.» Mit diesen Worten hatte der Schweizerische Freibergerverband (SFV) am 23. Dezember 2025 zur Nationalen Hengstselektion eingeladen.

Das Resultat vom 10. Januar 2026 sieht anders aus: Von 40 vorgestellten Hengstanwärtern erhielten zwölf das Ticket für den Stationstest in Avenches VD. Doch diese verteilen sich auf nur sechs väterliche Linien: vier N, drei L, zwei Don, je einen C, E und R. Die Linien H, D, V, P und Q sind ausgeschieden.

Die Q-Linie – 1991 gezielt eingeführt, «um einer Reduzierung des Genpotentials entgegenzuwirken» – ist damit unwiederbringlich ausgelöscht. Die D-Linie, eine der sechs ursprünglichen Vaillant-Linien, steht unmittelbar vor demselben Schicksal.

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Quiero und Déméter: Zwei Hengste, zwei verlorene Linien

Mit dem Scheitern von Quiero, dem einzigen Q-Vertreter in Glovelier JU, hat der SFV die Q-Linie faktisch ausgelöscht. Der dunkelbraune Hengst von Brigitte Favre und Julien Schafer aus Saignelégier JU stand stellvertretend für eine ganze Blutlinie – und schaffte die Qualifikation nicht.

Direkt dahinter: Déméter, der dunkelfuchsfarbene Vertreter der D-Linie von Thierry Froidevaux, ebenfalls aus Saignelégier, und Brigitte Favre. Auch er erhielt kein Ticket nach Avenches. Damit sind zwei der elf Hengstlinien innerhalb eines einzigen Selektionstages ausgelöscht worden – beziehungsweise steht die D-Linie unmittelbar vor dem Ende.

Thierry Froidevaux äussert sich auf Facebook zur Situation. Für ihn ist das Engagement von Jahren zunichtegemacht worden. «Ich trauere um die Zukunft unseres kulturellen Erbes», schreibt er. Die Züchter seien bereit gewesen, diese seltenen Ursprünge zu nutzen. Die Pferde seien von hoher Qualität gewesen. «Während der Jura und die Genossenschaften sich darauf vorbereiten, das Freiberger Pferd in das UNESCO-Weltkulturerbe aufzunehmen, wurden die Linien Q, D und auch V letzten Samstag begraben.»

Froidevaux verweist auf ein historisches Muster: Vor zwölf Jahren wurde Rino, Sohn von Redaktor, mit drei und vier Jahren in Glovelier abgelehnt. «Zwölf Jahre später gleicher Kampf!» Besonders bitter: «Unsere beiden D- und Q-Hengste hatten bereits ihre Kundschaft. Die wenigen in der Selektion behaltenen Hengste werden wenige oder keine Käufer haben.»

Q-Linie: Das Ende einer bewussten Rettungsmassnahme

Abo Freiberger Zwölf Hengste schaffen die Qualifikation – Der Gewinner heisst Cedric Thursday, 15. January 2026 Die Auslöschung der Q-Linie durch den SFV wiegt besonders schwer. Die Linie wurde 1991 vom Warmbluthengst Quit-Sait CH begründet – eine bewusste züchterische Massnahme gegen Inzucht. Die Linie bringt altes Einsiedeln-Blut (Nella-Zella-Quarta) und die Genetik des Anglo-Normänners Uran in die Rasse. Genau jene Uran-Genetik, die in anderen Hengstlinien bereits ausgestorben ist.

«Die Uran-Linie ist in der Freibergerzucht bereits ausgestorben – ein unwiederbringlicher Verlust», warnt die Interessengemeinschaft zur Erhaltung des Original-Freiberger-Pferdes (IGOFM). «Man wiederholt denselben Fehler.»

Die Q-Linie gehört zu den modernen Blutlinien mit Warmblut-Einfluss, die gezielt zur Zukunftssicherung eingeführt wurden. Mit Quiero trat in Glovelier der letzte Vertreter an. Er schaffte die Qualifikation nicht. Der SFV hat damit eine Linie ausgelöscht, die vor 33 Jahren gezielt zur Erhaltung der genetischen Vielfalt geschaffen wurde.

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«Wir haben ein Abkommen unterschrieben»

«Wir müssen die Linien erhalten. Nicht zuletzt als Orientierungshilfe», sagt Bruno Spring, Präsident der Interessengemeinschaft zur Erhaltung des Original-Freiberger-Pferdes (IGOFM), im Gespräch mit der BauernZeitung. «Wir haben ein Abkommen unterschrieben. Das scheint man vergessen zu haben.»

Die IGOFM, anerkannter Ansprechpartner von Pro Specie Rara in Sachen Freiberger, kündigt im Gespräch den Gang zum Bund an. «Die Linien sind für die Züchter die Orientierung. Sie erlauben es, bewusst Anpaarungen zu planen, Inzucht zu vermeiden und genetische Vielfalt zu erhalten», betont Spring.

Der SFV zeigte sich im Gespräch mit der IGOFM «nicht kooperativ», sagt Bruno Spring. «Dass die Verbandsspitze hier gegen den eigenen Verband und offensichtlich auch gegen den Bund arbeitet, löst bei mir einen Vertrauensbruch aus.»

SFV: «Qualität ging vor Quantität»

Der SFV begründet die Selektion mit Qualitätssicherung. «Die Qualität der in diesem Jahr ausgewählten Pferde ist sehr gut. Sie entsprechen gut dem gesuchten Freibergertyp mit ausdrucksstarken Köpfen und guten Oberlinien», erklärte die Selektionskommission unter Präsident Vincent Monin in einer Medienmitteilung. Die Zuchtkommission habe den Richtern «klare Vorgaben zu den gewünschten Kriterien und den Erwartungen des SFV» gemacht. «Qualität ging dabei klar vor Quantität.»

Gewinner wurde Cedric (Chicago/Don Caprio) von Familie Juillard in Damvant (JU), gefolgt von Leviator du P'tit Fâtre (Lugano/Calisto) von Mario Gandolfo aus Fregiécourt (JU) und Replay (Romantique/Little Boy) von André Jeanbourquin aus Le Bémont (JU).

Bundesauftrag seit 1998 – doch wer kontrolliert?

Die IGOFM stützt sich bei ihrer Forderung auf völkerrechtliche und nationale Verpflichtungen. Bereits 1998 formulierte das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) im «Konzept zur Erhaltung der Rassenvielfalt bei den landwirtschaftlichen Nutztieren in der Schweiz»: «Mit der Ratifizierung der Konvention über die biologische Vielfalt (CBD) hat sich auch die Schweiz verpflichtet, ihren Beitrag an die Erhaltung und nachhaltige Nutzung der genetischen Ressourcen zu leisten.» Die Schweiz ratifizierte die CBD (auch Biodiversitätskonvention genannt) im Jahr 1994.

Das BLW-Konzept definiert: «Die bedrohten Schweizer Rassen durch geeignete Massnahmen als lebendes Kulturgut zu erhalten.» Und weiter: «Das Hauptinstrument zur Erhaltung der Rassenvielfalt ist die Frühprävention. Eine stetige Beobachtung und frühzeitige Intervention sollen verhindern, dass Rassenbestände in den Gefährdungsstatus abgleiten.»

Das Konzept definiert «Gefährdung» als «das Risiko, genetisches Potenzial einer Rasse – auch der noch unbekannten Gene – ganz oder in Teilen zu verlieren.»

Doch wer kontrolliert, ob der SFV diese Verpflichtungen erfüllt? Die Tierzuchtverordnung setzt zwar Anreize für den Erhalt der Rasse als Ganzes – 2024 flossen 4,08 Millionen Franken Steuergelder für alle Schweizer Rassen mit Status «kritisch» oder «gefährdet». Doch die Instrumente berücksichtigen nicht die Vielfalt innerhalb der Rasse.

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Agroscope: «Dringende Massnahme»

Die aktuelle Agroscope-Studie «Selektionsprozesse und Zuchtwertschätzung in der Freibergerzucht» dokumentiert systematische Schwächen. Die Autorinnen Julie Perey, Markus Neuditschko, Corinne Boss und Inès Lamon konstatieren: «Das sehr breit formulierte Zuchtziel des Freibergerpferdes hinterlässt wenig messbare Merkmale, anhand derer man den Zuchtfortschritt verfolgen könnte. Die Formulierung eines Zuchtziels, das quantitativ evaluiert werden kann, ist eine dringende Massnahme.»

Eine Untersuchung, bei der sieben geschulte Rassenrichter 24 Freibergerhengste bewerteten, zeigte: Die meisten nutzen nicht die gesamte Breite der Notenskala. «Die meistvergebene Note war eine 7, für alle 14 beurteilten Merkmale.» Die Konsequenz: «Da anhand dieser Beschreibungen die Erblichkeit der Merkmale populationsweit berechnet wird, kann eine heterogene Erfassung der Merkmale falsche Informationen für den Zuchtfortschritt liefern.»

Agroscope empfiehlt objektive Messmethoden sowie: «Möglichst wenige, dafür gut geschulte Richter sollten möglichst viele Pferde beurteilen.» Bei der Freibergerzucht beurteilen neun Richter rund 700 dreijährige Pferde jährlich – durchschnittlich 115 pro Richter. Bei der Rindviehzucht seien es 450 bis 5500 Tiere pro Richter.

Die IGOFM wird nun «den Weg über den Bund suchen». «Die wissenschaftliche Grundlage für eine zukunftsfähige Freibergerzucht ist vorhanden», resümiert die Agroscope-Studie. «Und die völkerrechtliche Verpflichtung der Schweiz ebenfalls», ergänzt Bruno Spring. «Die Frage ist, ob die institutionellen Akteure bereit sind, beides zu nutzen – bevor weitere Linien verschwinden.»

Selektion ohne Zukunft
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Kommentar von Simone Barth

Die D- und die Q-Linie erhalten in Glovelier den Todesstoss. Man scheint sich weder der einst unterschriebenen Konvention über die biologische Vielfalt noch der Verantwortung für tiergenetische Ressourcen bewusst zu sein.

Von 40 Hengstanwärtern qualifizierten sich zwölf für Avenches. Sie verteilen sich auf nur noch sechs statt elf Linien. Je ein D- und ein Q-Kandidat waren angetreten. Beide scheiterten.

Ein reines Exterieurdenken: Traben auf vereister Strecke im Schneegestöber wird zum Selektionskriterium für die genetische Zukunft einer ganzen Rasse. Ob völlige Überforderung oder totales Desinteresse des Verbandes an seiner Verantwortung – das Resultat bleibt dasselbe: Zwei Linien sind faktisch tot. Unwiederbringlich.