Wenn beim Putzen des Pferdes die Haare in alle Richtungen davonfliegen oder am Striegel hängenbleiben, wissen wir es: Der Fellwechsel ist in vollem Gang. Was jetzt offensichtlich ist, hat eigentlich bereits viel früher begonnen. Der Stoffwechselprozess wird vom Tageslicht gesteuert und läuft zweimal jährlich ab. Im Winter beginnt er nach dem 21. Dezember, wenn die Tage wieder länger werden. Im Sommer dagegen startet der Stoffwechselprozess nach der Sommersonnenwende am 21. Juni, wenn das Tageslicht allmählich kürzer wird.
Robustpferde haben ein besonders dichtes Fell
Der Winterpelz muss nun dem kürzeren Sommerfell Platz machen. Doch wie viel Pelz ein Pferd überhaupt bildet, hängt nicht zuletzt von Rasse und Haltung ab. «Robustpferde wie Isländer oder Tinker haben grundsätzlich ein dichteres Winterfell und benötigen entsprechend mehr Zeit, um es loszuwerden», stellt Luisa Achermann vom Bereich Tierhaltung am LZ Liebegg fest. Auch die Haltung spiele eine Rolle: So würden Boxenpferde tendenziell weniger Fell bilden als Tiere, die ganzjährig im Offenstall leben. Dies umso mehr, wenn sie früh im Herbst bereits eingedeckt werden.
Bei Senioren schleppt sich der Fellwechsel oft länger dahin
Bis das alte Haar komplett weg ist, dauert es mehrere Wochen oder sogar Monate. «Währenddessen läuft der Stoffwechsel auf Hochtouren», sagt Achermann. Für den Organismus zusätzlich anstrengend sind die Temperaturschwankungen, die für diese Jahreszeit typisch sind. Während einige Pferde scheinbar mühelos durch den Fellwechsel kommen, wirken andere antriebslos und sind im Training schnell schlapp.
Bei manchen Tieren, häufig bei Senioren, schleppt sich der Fellwechsel über längere Zeit dahin. Zudem kann es vorkommen, dass sich das neue Fell mangelhaft ausbildet. So fehlt es diesem etwa an Glanz oder die Haare weisen unterschiedliche Längen auf.
Das Bürsten regt auch die Durchblutung an
Zu Beobachtungen im Zusammenhang mit dem Fellwechsel gehören auch das Auftreten von Juckreiz, Hautirritationen und Exzemen. Besondere Mühe beim Fellwechsel haben Pferde mit dem Equinen Cushing-Syndrom (PPID), einer hormonellen Störung. Mögliche Anzeichen sind unter anderem starkes Schwitzen, Muskelabbau, übermässiger Haarwuchs oder ein Winterkleid, das auch noch im Sommer bestehen bleibt. Zeigt ein Tier entsprechende Symptome, sollte es tierärztlich abgeklärt werden.
Luisa Achermann empfiehlt folgende Massnahmen, um Pferde während des Fellwechsels zu unterstützen:
- Pflege: «Sich für die Pflege Zeit zu nehmen, ist jetzt besonders wichtig», so die Agronomin. Das Fell soll regelmässig gebürstet werden, um es von den ausfallenden Haaren zu befreien. Dazu können spezialisierte Bürsten oder Kämme hilfreich sein. Das Bürsten hat zudem einen Massageeffekt und regt die Durchblutung an. Steigen die Temperaturen im Frühling an, kann das Scheren eines Streifens entlang des Halses jenen Pferden mit sehr viel Fell Erleichterung verschaffen.
- Fütterung: Um neue Haare zu bilden, benötigt der Organismus Spurenelemente wie Zink, Selen und Kupfer sowie Aminosäuren. Von speziellen Fellwechselkuren rät Achermann jedoch ab. «Sinnvoller wäre es, während des ganzen Jahres die notwendigen Mineralstoffe und Vitamine bedarfsgerecht zu verabreichen», sagte Achermann. Während des Fellwechsels die Menge an Mineralfutter blind zu erhöhen, sei dagegen nicht ratsam. «Dadurch kann es schnell zu einer Überversorgung einzelner Stoffe kommen.» Zudem empfiehlt sie, eine Raufutteranalyse vom Heu oder der Heulage zu machen und basierend darauf eine Rationenberechnung vorzunehmen oder in Auftrag zu geben. Das erlaube es, die Zufuhr an Mineralstoffen und Vitaminen bedarfsgerecht zu dosieren. Nebst dem Mineralstoffgehalt liefert die Raufutteranalyse auch wertvolle Informationen zum Eiweiss- und Energiegehalt. Fehlt es dem Heu etwa an Eiweiss, könne eine Ergänzung mit Luzerne-Grünmehl-Pellets sinnvoll sein.
- Training: Bei wärmerem Wetter, wenn das Pferd im Winterfell schnell zum Schwitzen kommt, sollte das Training entsprechend angepasst werden. «Das heisst jedoch nicht, das Pferd einfach stehen zu lassen», betont Achermann. «Bewegung ist wichtig für Kondition und Durchblutung – auch während des Fellwechsels.»