«Der Stier war ein Reinfall – viel zu tief in der Milch, obwohl er super typisiert war.» Solche Sätze hört man auf Betrieben immer wieder. Die Skepsis gegenüber der genomischen Selektion schwindet nicht. Doch zu Unrecht, wie Zahlen der Qualitas AG zeigen: Unter allen als «enttäuschend» gemeldeten Stieren lag kein einziger ausserhalb seines statistisch erwarteten Sicherheitsintervalls. Auch nicht über drei Jahre betrachtet.

Das Problem liegt woanders: in falschen Erwartungen und fehlendem Verständnis dafür, wie genomische Zuchtwerte funktionieren. Denn die Hälfte aller Tiere liegt zwangsläufig unter dem Durchschnitt. Und das ist Mathematik, keine Enttäuschung. Adrien Butty von der Qualitas AG erklärt, wo die genomische Selektion in der Schweiz heute steht, welche Fortschritte es gibt und wo die Grenzen liegen.

Was «hochtypisiert» wirklich bedeutet – und was nicht

Was bedeutet «hochtypisiert»? «Ein Tier ist entweder genotypisiert oder nicht genotypisiert», stellt Adrien Butty klar. «In der Zuchtwertschätzung haben alle genotypisierten Tiere Informationen zu denselben Markern.» Die Kernfrage laute vielmehr: Was wurde erwartet und was ist eingetreten?

Am Beispiel der Rasse Brown Swiss lasse sich dies verdeutlichen: «Für jeden Zuchtwert wird eine Sicherheit ausgewiesen, weil der wahre Zuchtwert unbekannt ist. Die Sicherheit gibt an, in welchem Intervall sich der wahre Zuchtwert mit 95 Prozent Wahrscheinlichkeit befindet.»

Die Qualitas AG habe zeigen können: «Unter den als ‹enttäuschend› gemeldeten Stieren lag keiner mit seinem Zuchtwert ausserhalb des erwarteten Intervalls – auch nicht über drei Jahre betrachtet.» Die Zuchtwertschätzung sei eine Modellierung, die auf einem linearen Modell basiere: «Die Hälfte der Tiere liegt unter dem Durchschnitt, die andere Hälfte darüber.» Es gebe also Tiere mit unterdurchschnittlichem Zuchtwert. Für «deutlich» existiere kein definiertes Mass.

Alle Daten fliessen ein – auch die schlechten

Auf dem Weg zur Klimakuh Mit CH4COW wollen Schweizer Rinderzüchter Methanausstoss um 20 Prozent senken Sunday, 25. January 2026 Ein häufiger Verdacht in der Praxis: Fliessen hauptsächlich die Erfolgsgeschichten in die Referenzpopulation ein? Nein, betont Adrien Butty. «Die Zuchtwertschätzung basiert auf Phänotypen, Abstammungen und – bei genomischer Auswertung – Genotypen. Bei jeder neuen Routine fliessen alle alten und neuen Daten in die Auswertung. Dadurch werden sowohl gute als auch weniger gute Daten berücksichtigt.»

Seit Einführung der genomischen Selektion würden Jungtiere anhand ihrer frühen genomischen Zuchtwerte selektiert. «Diese Vorselektion lässt sich in einem traditionellen Zuchtwertmodell nicht abbilden. Da sie jedoch die Grundlage für das Multi-Step-GOZW-Verfahren bildet, kann ein Bias, also systematische Verzerrung, entstehen. Mit dem Single-Step-Verfahren lässt sich diese Vorselektion berücksichtigen.»

60 000 Kühe bei Brown Swiss in der Referenzpopulation

Die Grösse der Referenzpopulation variiert je nach Rasse erheblich. Adrien Butty nimmt als Beispiel das Merkmal Milchproduktion (Milch kg): «Bei den Rassen Holstein, Swiss Fleckvieh und Simmental sind keine Kühe in der Referenzpopulation für die direkte genomische Zuchtwertberechnung enthalten. Für diese Rassen wird das Multi-Step-Verfahren angewendet, das sich bei diesem Merkmal ausschliesslich auf Stiere stützt.»

Bei Brown Swiss werde dieses Merkmal mit dem Single-Step-Verfahren ausgewertet. «Hier kann die Definition der Referenzpopulation ‹Tiere mit Phänotyp und Genotyp› sein. In die Zuchtwertschätzung vom Dezember sind die Daten von rund 60 000 Kühen mit Phänotyp und Genotyp eingeflossen – ohne Einschränkung auf einen abgeschlossenen Laktationsabschluss.» Die Genauigkeit für dieses Merkmal habe sich bei Brown Swiss im Jahr 2025 verbessert, weil das Single-Step-Verfahren eingeführt wurde.

Kleine Populationen: noch keine genomischen Zuchtwerte

Bei Rassen mit kleinen Populationen wie Eringer oder Evolèner stösst die genomische Selektion an ihre Grenzen. «Aktuell sind keine genomischen Zuchtwerte für Eringer oder Evolèner verfügbar, da die Anzahl genotypisierter Tiere in diesen Populationen zu gering ist», sagt Adrien Butty.

Traditionelle Zuchtwerte könnten auch für kleinere Populationen berechnet werden. «Diese weisen jedoch deutlich tiefere Sicherheiten auf und sind daher weniger informativ.» Ein kritischer Richtwert lasse sich nicht festlegen: «Die Anzahl verfügbarer Tiere ist relevant, aber auch andere Faktoren wie die Erblichkeit des Merkmals, die Datenstruktur – beispielsweise Phänotypen über mehrere Generationen – und die Datenqualität spielen eine Rolle.»

Gesundheitsmerkmale: Fortschritte mit tieferen Sicherheiten

Die Branche verspricht seit Jahren bessere Vorhersagen für Gesundheit und Fruchtbarkeit. Änderungen für Fruchtbarkeitsmerkmale (FBK), Klauengesundheit (KLA) und Mastitisresistenz (MAS) seien für die Zuchtwertschätzungs-Publikation im April 2026 vorgesehen. «Bei Braunvieh – beide Zuchtrichtungen – werden die Auswertungen neu mit dem Single-Step-Verfahren durchgeführt. Bei den anderen Rassen Holstein, Swiss Fleckvieh und Simmental wird das Modell für die Fruchtbarkeit im traditionellen Zuchtwertverfahren erneuert und damit verbessert.»

Die Datenqualität sei entscheidend für eine hohe Zuchtwertqualität. «Zuchtorganisationen und Qualitas arbeiten kontinuierlich daran, diese zu optimieren.» Die Sicherheiten der Fruchtbarkeits-, Klauengesundheits- und Mastitisresistenz-Merkmale lägen tiefer als jene der Milchproduktion, vor allem weil die Erblichkeit dieser Merkmale geringer sei. Die Zuchtwertmodelle würden bei jeder Routine geprüft und validiert. Eine externe Validierung erfolge in regelmässigen Abständen über Interbull.

Alpentauglichkeit: möglich, aber Daten sind nötig

Ob genomische Zuchtwerte Eigenschaften wie Alpentauglichkeit oder Weideverhalten abbilden können, beschäftigt viele Züchter. «Diese Begriffe stehen nicht in direktem Zusammenhang, und das eine schliesst das andere nicht aus», so Adrien Butty. «Wenn ausreichend Phänotypen vorliegen, die Weidegängigkeit und Robustheit beschreiben oder messen, können genomische Zuchtwerte für diese Merkmale berechnet werden. Solche Merkmale können auch aus mehreren anderen zusammengefasst werden, bei denen die Alpung im Modell berücksichtigt wird – zum Beispiel Nutzungsdauer, Exterieurmerkmale und Produktionsmerkmale.»

Dazu müssten auch Tiere genotypisiert sein, die speziell für die Alpung geeignet seien – etwa solche, die regelmässig auf die Alp gingen. «Nur so lässt sich der Effekt ‹Alpung› im Modell präzise schätzen», so Butty.

Wirtschaftlichkeit: Vorteil auf jedem Betrieb

Die betriebswirtschaftliche Rechnung für die Genotypisierung ist komplex. Qualitas hat sich bislang nicht vertieft mit der Frage befasst, wie hoch ein messbarer ökonomischer Vorteil der Genotypisierung auf Betriebsebene ausfällt. Entsprechend liegen dazu keine belastbaren Angaben vor, erklärt Butty. Generell lasse sich jedoch sagen: «Der Genauigkeitsgewinn durch die Typisierung bringt bei jedem Tier einen Vorteil. Dadurch kann die Selektion auf jedem Betrieb präziser erfolgen. Eine Züchterin ist beispielsweise besser informiert, welche Tiere sie für die Aufzucht behalten sollte, wenn sie eine solche Auswahl treffen möchte.»

Regelmässige externe Validierung

Die Zuverlässigkeit der Vorhersagemodelle wird laufend überprüft. «Die Modelle werden mindestens alle zwei Jahre in Zusammenarbeit mit Interbull validiert. Diese Validierung erfolgt auch, wenn wir Änderungen an einem Modell vornehmen. Dadurch erfüllen wir die Anforderungen für die ICAR-Zertifizierung.»

In der Schweiz würden bei jeder Routine insbesondere die Zuchtwerte geprüft. «Tiere mit grossen Abweichungen werden überprüft. Häufig handelt es sich dabei um Tiere, für die viele neue Daten ins Modell eingeflossen sind – zum Beispiel KB-Stiere, deren Töchter in den letzten Monaten gekalbt haben.»

Schweiz könnte theoretisch allein rechnen

Die Abhängigkeit von internationalen Datenbanken ist begrenzt. «Aus technischer Sicht kann die Schweiz Zuchtwerte ohne ausländische Daten schätzen. Diese wären jedoch für importierte und ausländische Tiere weniger genau. Es besteht also keine direkte Abhängigkeit vom Ausland.»

Der Informationsaustausch mit dem Ausland erhöhe die Sicherheiten der Schweizer Zuchtwerte, da Zuchtwerte aus mehreren Ländern bei Interbull zusammengeführt würden – sogenannt Multiple Across Country Evaluation (MACE). «Diese aggregierten Informationen fliessen in unsere Auswertungen ein.» Die Zusammenarbeit mit deutschen und österreichischen Partnern sei vor allem für die Brown-Swiss-Population relevant. «Auf Ebene der Routine-Zuchtwertschätzung gibt es jedoch keine spezifische Kooperation ausser dem Austausch über Interbull.»

Die Grenzen: Datenqualität entscheidet

Wo sieht Qualitas selbst die Grenzen der genomischen Selektion? Welche Eigenschaften werden sich auch in 20 Jahren nicht zuverlässig vorhersagen lassen? «Die Qualität der Datengrundlage ist entscheidend für eine verlässliche Zuchtwertschätzung», betont Adrien Butty. «Für Merkmale, die nicht unverzerrt – keine Auswahl, welches Tier gemessen wird – und nicht flächendeckend erhoben werden, kann kein genauer Zuchtwert berechnet werden.» Welche Phänotypen erfasst würden, liege im Verantwortungsbereich der Zuchtorganisationen, wobei auch sie nicht völlig frei entscheiden könnten.

«Die Verfahren der genomischen Selektion ermöglichen es, mit weniger Daten erste Auswertungen zu erstellen und Zuchtwerte zu schätzen, die eine für die Zucht nutzbare Genauigkeit haben», erklärt Butty. Das sei ein Vorteil gegenüber traditionellen Zuchtwerten. «Dennoch gilt: Solange die Phänotypen keine hohe Qualität aufweisen, kann keine solide Zuchtwertschätzung aufgebaut werden.»