Seit gut vier Jahren ist der Eggiwiler Martin Liechti Präsident der Schweizerischen Vereinigung zur Erhaltung und Förderung der reinen Simmentaler Rasse (SVS). Liechti, der keinen Betrieb besitzt und statt Landwirt Landmaschinenmechaniker gelernt hat, sieht die Vor- und Nachteile der Simmentaler Kuh oft aus einem anderen Blickwinkel als der Reinzüchter aus dem tiefsten Berner Oberland. Auf einem Simmentaler-Zucht-Betrieb im Kanton Bern aufgewachsen, hat Liechti trotzdem fast tagtäglich Kontakt mit der reinen Kuh. «Im Stall, bei meinem Bruder, darf ich unter anderem auch den Paarungsplan machen», sagt er zufrieden. Liechti, der Zuchtbegeisterte, weiss natürlich fast von jedem reinen Stier die Abstammung.
Viele berühmte Stiere
Martin Liechti weiss, dass er den alten Stieren wie Zimbo, Quimbo, Fez, Unic oder neuen wie Cyrill, Brisago oder Unetto viel zu verdanken hat. Liechti möchte, dass die Rasse nicht nur erhalten bleibt, sondern er möchte auch, dass die Rasse vorwärtskommt. Dass die Simmentalerzucht enorme Zuchtfortschritte gemacht hat, das will man im Jahr 2028 wieder mit einer Reinzuchtausstellung in Thun BE zeigen. «Dieser Anlass nutzen wir auch, um das 50-Jahr-Jubiläum der Schweizerischen Vereinigung zur Erhaltung und Förderung der reinen Simmentaler Rasse zu feiern», sagt der Präsident. Dabei gibt es nicht nur Grund zur Freude. So droht die Verwendung hornloser Genetik die Züchterschaft zu spalten. Noch schwerer wiegt aber das Problem der Blutverengung. «Das beschäftigt uns zurzeit viel mehr», sagt Liechti. Dass die Blutführungsproblematik akut wird, ist vor allem einem Tier geschuldet: dem Stier Unic.
Auch stark vererbt
«Unic hat der Rasse sehr viel gebracht. Milch, Gehalt, Zentralband und gute Nacheuter», so der Präsident. Und Unic, der aus der Zucht von Hans-Rudolf Frautschi aus Turbach BE stammt, hat diese Vorzüge nicht nur auf der weiblichen, sondern auch auf der männlichen Seite weitervererbt. So stark, dass fast jeder Sohn von ihm ein positives Nachzuchtresultat erhielt. «Weit über 50 % der Besamungen und Belegungen, die heute getätigt werden, beinhalten Unic-Blut in den Adern des Stiers», fasst Martin Liechti zusammen. Mit seinen vieleingesetzten Söhnen wie Cyrill, Ariello oder Unetto habe man das Thema noch verschärft. «Nun stehen auch seine Grosssöhne wie Teo oder Toni hoch im Kurs bei der Züchterschaft, was den Genpool in der Reinzucht weiter einschränkt», so der Präsident. Wie man aus der Zwickmühle herauskommen will, das weiss auch Liechti nicht genau: «Es ist jetzt wichtig, dass wir die besten Kühe mit Stieren ohne Unic-Blut besamen, damit wir in Zukunft Nachkommen haben, die eine andere Blutlinie aufweisen», hält er fest.
Hier seien nicht nur die Züchter, sondern auch die KB-Stationen in der Pflicht, die verschiedenen Blutlinien in der Reinzucht zu fördern. Die KB-Stationen argumentierten aber oft damit, dass für die «zweite Garde» der Simmentaler Stiere keinen Markt bestehe. «Ja, die meisten besamen halt mit der besten Genetik und da ist das Unic-Blut zurzeit das Mass aller Dinge», so Liechti.
Bei der Züchterschaft diskutiert man derzeit aber eher darüber, ob hornlose Genetik über ausländische Stierenväter in die Simmentaler Reinzucht gelangen soll – ein emotionales Thema. Viele Züchter befürchten, dass die Rasse damit geschwächt werde und dass die Simmentaler Kuh danach nie mehr das sein werde, was sie einmal war. «Die grossen Simmentaler Betriebe, die ihre Kühe schon jetzt enthornen, drohen, die Rasse zu wechseln, wenn die Reinzucht keine hornlose Genetik anbieten kann», sagt dazu Präsident Liechti. Noch weniger Tiere könne sich die Reinzucht aber nicht leisten. Sie müsse eher mehr dazugewinnen. Aktuell gebe es noch 21 942 weibliche Herdebuchtiere, im Jahr 2015 waren es noch 24 061.
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Schaden befürchtet
Schon seit Jahrzehnten werden genetisch hornlose Stiere eingesetzt. Jedoch meist aus der Fleisch- und nicht aus der Doppelnutzungsgenetik. Als ein steigender Trend beim Einsatz festgestellt wurde, entschloss man, das hornlose Gen mit den exterieurstärksten genetisch hornlosen deutschen und österreichischen Fleckviehstieren in die Simmentaler Rasse hereinzubringen. «Bei diesem Entscheid ging sicher ein Raunen durch das Berner Oberland», bestätigt Martin Liechti. Einige befürchten einen grossen Schaden an der Reinzucht, andere bejubelten den Entscheid. Mittendrin der Präsident. Mit Infoveranstaltungen versuchte man die Wogen zu glätten. «Vor allem der Rassecode 60 ist für viele störend», fängt Liechti an zu erklären.
Befremdend sei für viele, dass die Anpaarung mit einem ausländischen (hornlosen) Stier schon nach vier Generationen wieder den Rassencode 60 erhalten kann – viel zu kurz, so die Kritiker. Sie fordern, dass diese Tiere erst nach sechs Generationen wieder den Rassencode 60 bekommen sollen. Martin Liechti kann beide Seiten verstehen: «Das Reglement über den Rassencode 60 wurde von unseren Vorgängern im Jahr 1986 gemacht», so der Präsident. Damit ein Simmental Tier als RC 60 ausgewiesen werde, müsse es drei Generationen Schweizer Tiere (Ohrmarke CH), der Rasse Simmental (RC 60 oder RC 70) sowie einen Rassenblutanteil von mindestens 98,5 % vorweisen können. Im Gegensatz zur Rasse Swiss Fleckvieh, die als eigenständige Rasse gelte, werde die Rasse Simmental international als Teil der Population Simmental-Fleckvieh betrachtet.
Eine klare Forderung
«Die europäische Zuchtverordnung sieht vor, dass Herdebücher von Tieren derselben Rasse einander anerkennen», sagt Martin Liechti. Dies ermögliche beispielsweise den Export von RC-60-Stieren nach Österreich (jedes Jahr werden einige exportiert) sowie auch den Import von Simmental-Fleckvieh-Stieren. Darum sei es naheliegend, aus Deutschland und aus Österreich genetisch hornlose Stiere anzubieten, da sie schon als Simmentaler anerkannt seien, so die Begründung des Präsidenten.
Doch die Verbandsspitze hat nicht mit einer Gruppe von «eingefleischten» Reinzüchtern gerechnet: Diese stellten an der letzten SVS-Hauptversammlung einen Antrag mit der Forderung, dass das deutsche und österreichische Fleckvieh nicht als Simmentaler anerkannt, sondern mit 100 % Fremdblutanteil registriert werden soll. Damit wären mindestens sechs Generationen erforderlich, um ein Tier mit RC 60 zu züchten. Dieser Antrag wurde von der Versammlung zwar mit einer Mehrheit gutgeheissen. Doch: Erstens überschritt der Antrag die Kompetenz der SVS-Hauptversammlung, und zweitens war er gesetzeswidrig, da er sowohl dem Herdebuchreglement von Swissherdbook als auch indirekt der schweizerischen und der europäischen Tierzuchtverordnung widersprach, welche die gegenseitige Anerkennung der Rassentiere vorsehen. «Aus diesem Grund wurde der Antrag von der Rassenkommission abgewiesen», erklärt Liechti. Wenn die Simmentaler-Reinzüchter sechs Generationen möchten, bräuchte es dafür eine Anpassung am Herdebuchreglement von Swissherdbook.
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Den Zusammenhalt fördern
Dass es so weit kommen werde, das glaubt Martin Liechti zwar nicht. Viel mehr möchte er den Zusammenhalt der Reinzüchter fördern. «Es steht jedem frei, genetisch hornlose Stiere einzusetzen», sagt er. Wegen dieser Debatte wurde er auch oft angesprochen. «Ich versuche dann immer, die Sachlage zu erklären, ohne dabei Partei zu ergreifen», hält er fest. Was er nicht leiden könne, sei, wenn man statt ihn, seinen Vater oder eine andere Drittpersonen in das Thema einbeziehe. «Jeder kann mit mir reden, da muss mein Vater nicht als Blitzableiter zur Verfügung stehen», sagt Liechti klar und deutlich.
Vielleicht störe es einige Züchter auch, dass ein angebotener Fleckviehstier einen roten Kopf habe. «Was für mich nicht aufgeht, ist, dass bei mehreren bekannten Simmentaler Stieren weiter hinten in der Abstammung Red-Holstein-Stiere zu finden sind. Daran störte sich auch fast niemand», so der Präsident. Auch sein Herz schlage für eine Simmentaler Kuh mit weissem Kopf. Obwohl zu Hause bei seinem Bruder die Kühe schon lange keine Hörner mehr trügen, sagt Liechti: «Eine Simmentaler Kuh mit schönen Hörnern ist immer noch das Schönste, was es gibt.»
Kein geschlossenes Herdebuch
Der Präsident hofft, dass die Reinzüchter nicht wie ihre Kollegen beim Original-Braunvieh noch ein geschlossenes Herdebuch fordern werden. Mit einem geschlossenen Herdebuch würde man der Simmentaler Kuh keinen Gefallen erweisen, im Gegenteil, die Rasse käme weiter unter Druck. «Tragen wir also Sorge zur Simmentaler Kuh. Denn auch politisch ist man mit dieser Zweinutzungsrasse auf dem richtigen Weg», ist Martin Liechti überzeugt. Eine Kuh, die viel inländisches Raufutter für eine angemessene Milchproduktion verwerte, habe eine grosse Zukunft. «Es wäre schade, wenn wir wegen einiger hornloser Stiere, die niemand einsetzen muss, die Rasse und die Reinzucht aufs Spiel setzen würden», das wäre doch schade für unsere Simmentaler Kuh», sagt der Präsident abschliessend.