Zu viel Bürokratie, zu hohe Umweltauflagen, zu wenig Einkommen: Das sind die Klagen auf vielen Schweizer Höfen. Gleichzeitig fordern Konsumenten mehr Klimaschutz, weniger Pestizide, tiefere Preise. Eine im Januar 2026 veröffentlichte Studie von Agroscope und der ETH Zürich hat erstmals die Ansichten von 820 Landwirten und 848 Nicht-Landwirten zu acht agrarpolitischen Zielen systematisch verglichen – und dabei explosive Differenzen aufgedeckt.

Die Knackpunkte: Umwelt, Klima, Preise

Die grössten Differenzen zeigen sich bei Umweltthemen. Bei der Reduktion von Treibhausgasemissionen gibt es die tiefste Übereinstimmung zwischen beiden Gruppen: 75 Prozent der Nicht-Landwirte bewerten dieses Ziel als wichtig bis sehr wichtig (Werte 5–7 auf einer Skala von 1–7), aber nur 40 Prozent der Landwirte.

Ähnlich deutlich ist die Kluft beim Pflanzenschutzmitteleinsatz: 80 Prozent der Bevölkerung wollen ihn reduzieren, aber nur 49 Prozent der Bauern bewerten dieses Ziel als wichtig. Bei der Reduktion von Nährstoffüberschüssen sind es 76 Prozent der Nicht-Landwirte gegenüber 50 Prozent der Landwirte.

Ein Reizthema sind auch die Lebensmittelpreise: 67 Prozent der Konsumenten halten deren Senkung für wichtig, aber nur 16 Prozent der Landwirte. Hier wird ein fundamentaler Zielkonflikt sichtbar: Was für Konsumenten attraktiv ist, gefährdet die Existenz vieler Betriebe.

Einigkeit bei Einkommen und Versorgung

Nicht alles ist Dissens. Bei zwei zentralen Zielen herrscht breite Übereinstimmung: 92 Prozent der Landwirte und 83 Prozent der Nicht-Landwirte halten die Sicherung angemessener landwirtschaftlicher Einkommen für wichtig. Auch die Steigerung der inländischen Lebensmittelproduktion findet breite Zustimmung: 86 Prozent der Landwirte und 75 Prozent der übrigen Bevölkerung bewerten dieses Ziel als wichtig.

Beim Tierwohl zeigt sich eine interessante Konstellation: 85 Prozent der Nicht-Landwirte stufen dessen Verbesserung als wichtig ein, aber nur 53 Prozent der Landwirte. Auch bei der Förderung der Artenvielfalt liegt die Bevölkerung (75 Prozent) deutlich über den Landwirten (55 Prozent).

Die Methode: zwei Befragungen, eine Frage

Die Forschenden von Agroscope und der ETH Zürich stellten beiden Gruppen die gleiche Frage: «Stellen Sie sich vor, Sie könnten über das Agrarbudget in der Schweiz verfügen. Bitte geben Sie für die nachfolgenden Aspekte an, wie wichtig diese bei der Verteilung des Agrarbudgets (bzw. der Subventionen) sein sollten.» Die Antworten konnten auf einer Skala von 1 (gar nicht wichtig) bis 7 (sehr wichtig) gegeben werden.

Die 820 Landwirte wurden 2023 befragt, die 848 Nicht-Landwirte 2022. Beide Stichproben sind repräsentativ für die deutsch- und französischsprachige Schweiz. Die Studie erschien am 5. Januar 2026 in der Fachzeitschrift «Agricultural and Food Economics» und wurde auf der Website von Agroscope veröffentlicht.

Uneinigkeit auch innerhalb der Landwirtschaft

Ein bemerkenswertes Ergebnis: Auch innerhalb der Landwirtschaft ist der Konsens deutlich geringer als in der übrigen Bevölkerung. Die Studie stellt fest: «Unter Nicht-Landwirten besteht ein hoher Konsens über die Bedeutung aller agrarpolitischen Ziele. Bei Landwirten ist der Konsens deutlich geringer, insbesondere bei Agrarumweltzielen.»

Am stärksten gehen die Meinungen unter Landwirten bei der Reduktion von Treibhausgasemissionen auseinander. Die Autoren schreiben: «Die stärksten Meinungsunterschiede bei den Produzierenden zeigen sich bei der Reduktion von Treibhausgasemissionen.» Dies deutet auf eine gespaltene Bauernschaft hin, wenn es um Klimaschutz geht.

Was heisst das für Agrarreformen?

Die Forschenden ziehen klare Schlüsse für die künftige Agrarpolitik. In ihrer Zusammenfassung halten sie fest: «Die unterschiedliche Bewertung der Agrarumweltziele durch Landwirtinnen und Landwirte bei gleichzeitiger Einigkeit über die Priorität von Einkommen und Lebensmittelproduktion lässt darauf schliessen, dass eine ökologischere Nahrungsmittelproduktion nur umgesetzt wird, wenn diese nicht mit Einkommensverlusten verbunden ist.»

Die Autoren fordern einen Balanceakt: «Es braucht einen ausgewogenen Reformansatz, der Umweltziele, landwirtschaftliche Einkommen und Lebensmittelpreise gleichermassen berücksichtigt. Dies würde den Konsens innerhalb der Bevölkerung verbessern und einer Polarisierung entgegenwirken.»

Die Studie zeigt auch etwas Positives: «Landwirte und Nicht-Landwirte sind sich über die Legitimität der vielfältigen agrarpolitischen Ziele einig.» Das heisst: Grundsätzlich akzeptieren beide Seiten, dass die Landwirtschaft verschiedene Funktionen erfüllen soll. Der Streit geht nur darum, was wie stark zu gewichten ist.

Hintergrund zur Studie

Die Untersuchung wurde durchgeführt von Nadja El Benni, Robert Finger, Jonas Ammann, Julia Irek, Anina Kaiser, Christoph Ritzel, Yating Wang und Gabriele Mack. Sie ist Teil eines grösseren Forschungsprogramms von Agroscope und der ETH Zürich zur Akzeptanz agrarpolitischer Massnahmen in der Schweizer Bevölkerung.