Seit Sommer 2025 absolviert die 25-jährige Joana Brunner die Ausbildung zur Bäuerin. Die studierte Sozialpädagogin und Sexualtherapeutin arbeitet mit einem 80-Prozent-Pensum in einer integrativen Sonderschule. Ihr Partner Jonas Eng hat Anfang 2026 den Hof Engeliguet mit 30 Pensionspferden und 2000 Legehennen in Stüsslingen (SO) übernommen. Sein Vater packt mit seinen sechzig Jahren noch fleissig mit an, und auch seine Lebenspartnerin Silvia Belser greift regelmässig zur Mistgabel. Joana Brunner ist als Auswärtige mittendrin.

Die Hofübergabe ging fix: Im September entschieden und auf Ende Jahr übergeben. Wie ging es Ihnen dabei?

Es war eine Erleichterung. Die Übergabe stand schon länger im Raum, aber der Zeitpunkt war lange nicht klar. Vor einem Jahr fielen der Schwiegervater und seine Lebenspartnerin aufgrund zweier Unfälle aus. Wir schmissen den Betrieb damals neben unseren Vollzeitjobs. Der Übergang ging danach schleichend.

Haben Sie einen landwirtschaftlichen Hintergrund?

Nein, gar nicht. Ich bin zwar ländlich aufgewachsen, aber meine Mutter ist Physiotherapeutin, und mein Vater arbeitet als Ausbilder bei SBB Cargo. Durch meine engste Kindheitsfreundin hatte ich Berührungspunkte mit der Landwirtschaft. Aber erst seit ich meinen Partner kenne, nimmt die Landwirtschaft eine grosse Rolle in meinem Leben ein.

[IMG 2]

Sie sind Feministin. Inwiefern fördert die Bäuerinnen-Ausbildung das traditionelle Rollenbild?

Ich weiss, dass die Ausbildung stark den stereotypen Bildern entspricht. Faktisch handelt es sich dabei wahrscheinlich aber noch um die Realität in der Landwirtschaft. Wir werden aber in der Ausbildung immer wieder aufgefordert, Raum einzunehmen und für uns einzustehen.

Wie setzen Sie das persönlich um?

Das ist mein grosses Thema. Raum einzunehmen, fällt mir nicht immer leicht, und ein Hof ist ein Familienkonstrukt. Alle sind länger dabei als ich. Da komme ich als Auswärtige dazu. Sie sind eingespielt, wie beispielsweise beim Heuen – da weiss jede und jeder, was er zu tun hat.

Was ist Ihre Rolle auf dem Betrieb?

Das finde ich momentan heraus. Ich arbeite mit einem 80-Prozent-Pensum auswärts und absolviere gleichzeitig noch die Ausbildung zur Bäuerin. Am Wochenende helfe ich im Stall, viel Zeit, um eine zentralere Rolle einzunehmen, bleibt da gar nicht.

Möchten Sie das ändern?

Ja, auf jeden Fall. Ich merke je länger, je mehr, dass ich mich gerne stärker einbringen würde. Mir fehlt aber noch viel Wissen, deshalb mache ich die Ausbildung. In Zukunft fände ich es spannend, die Direktvermarktung des Hühner- und Bruderhahnfleisches voranzutreiben. Aber das Schöne ist, dass wir zu zweit sind und gerne im Team träumen, was wir noch alles tun könnten.

Wie begegnen Sie einander?

Völlig auf Augenhöhe. Mein Partner spricht Entscheide mit mir ab. Wir treffen sie gemeinsam, und für ihn war es wichtig, dass er die Last des Betriebs nicht nur auf seinen Schultern trägt. Vier Schultern sind stärker – obwohl ich Neuling in der Branche bin.

[IMG 3]

Hat es Sie auch schon eingeschüchtert, Neuling in dieser Branche zu sein?

Ja. Und was mich immer noch stört, ist, dass ich in der Landwirtschaft alltägliche Dinge nicht kann, wie Traktor- oder Heukranfahren. Auch die gesamten Ackerkulturen sind mir noch fremd. Ich stelle deshalb auf jeden Fall mehr Fragen als jemand, der in der Branche gross geworden ist. Und trotzdem merke ich immer wieder, dass ich diejenige bin, die von aussen kommt.

Wie merken Sie das?

Ich habe glücklicherweise eine Familie erwischt, bei der ich das nicht explizit merke. Und trotzdem: Ich arbeite für etwas, das nie ganz meins sein wird. Vom Gefühl her natürlich schon, aber der Betrieb wird immer der Familie gehören. Ich arbeite mit Leidenschaft mit und bin als Zugezogene dennoch diejenige, die im schlimmsten Fall gehen muss.

Stört Sie das?

Am Anfang schon, aber mittlerweile habe ich Verständnis dafür, dass es bei einem Betrieb um mehr geht. Es geht um ein Gefühl. Der Hof ist mein Zuhause. Die Menschen, die Tiere – sie sind alle Familie. Und alles steht und fällt mit der Beziehung, die mein Partner und ich zueinander haben.

Könnten Sie sich eine geteilte Betriebsleitung vorstellen?

Ja, auf jeden Fall. Natürlich kann ich das aber erst, wenn ich den Fachausweis Bäuerin in den Händen habe.

Sie helfen jeden Samstag und jeden zweiten Sonntag im Stall. Werden Sie dafür entlöhnt?

Momentan noch nicht direkt, dafür zahle ich keine Miete. Wenn ich die Arbeitsstunden hochrechne, deckt sich das. Direkt nach der Hofübergabe steht mein Lohn nicht auf der Prioritätenliste. Ich informiere mich aber über meine Altersvorsorge, damit dort keine Lücken entstehen.

Wo holen Sie sich dabei Hilfe?

Im Austausch mit Dozierenden und Mitschülerinnen an der Bäuerinnenschule. Ich schätze den Austausch enorm. Mein Partner und ich haben uns zudem an einen Versicherungsberater gewandt. [IMG 4]

Hat sich Ihre Lebensrealität stark verändert, als Sie vor fünf Jahren auf den Hof zogen?

Ja, auf jeden Fall. Aber das Leben auf dem Hof beeinflusste nicht nur meine Realität, sondern meine gesamte Lebenseinstellung. Hier gibt es keinen «nine-to-five»-Job. Wir können beide nicht einfach das machen, was wir möchten, und am Samstagmorgen beim Einkaufen durch die Migros schlendern. Die Tiere gehen immer vor, und auch die Ackerkulturen – im Sommer wird bei gutem Wetter geheut und nicht in die Ferien gefahren. Ich muss immer flexibel bleiben.

Wie ist es für Sie, anpassungsfähig zu bleiben?

Am Anfang der Beziehung war es eine Umstellung, aber ich respektierte meinen Partner und damit auch seine Arbeit von Anfang an. Natürlich passe ich mich in gewissen Dingen an seine Pläne an, aber einfach, weil ich flexibler bin. Im Sommer verbringen wir die Pärchenzeit halt im Traktor. Ich habe aber auch gelernt, meine Pläne nicht von der Beziehung abhängig zu machen.

Was machen Sie für sich?

Ich arbeite auswärts, und das werde ich wahrscheinlich auch immer tun. So bleibt die Freude an der Arbeit im Stall länger bestehen. Die Arbeit draussen mit den Tieren ist mein Ausgleich. Ich pflege aber auch meine Hobbys: Ich bin im Vorstand der SLRG, in einer Guggenmusik und turne jeden Montag.

Und zum Schluss: Morgenstall oder Brunch am Sonntag?

Natürlich Morgenstall – und dann Brunch.