«Du bist wohl unser bekanntester Flüchtling.» Mit diesen Worten wandte sich der Berner Grossrat und Landwirt Ruedi Fischer an seinen Gast. Es war seine Idee, den Geschäftsführer des deutschen Landtechnik-Herstellers Horsch für ein Referat am «Bäreggforum on Tour» einzuladen. Nicht, um über grosse Maschinen zu sprechen, die man in der Schweiz sowieso nicht brauchen könnte. Sondern, weil Michael Horsch in der Branche als Querdenker und Visionär gilt und gleichzeitig ein Landwirt und Praktiker ist.

Einst aus der Schweiz geflüchtet

Die Familie Horsch hat Wurzeln im bernischen Niederösch. Sie sind Täufer und mussten die Schweiz im 30-jährigen Krieg, also im 17. Jahrhundert, verlassen. «Als Täufer und Mennoniten wurden wir verfolgt, das hat einen starken Familienzusammenhalt gebracht», erklärte Michael Horsch im voll besetzten Saalbau in Kirchberg BE. Dieser Familienzusammenhalt prägt das International erfolgreiche Landtechnikunternehmen bis heute. Ebenso wie die Maxime: «Wenn alle sagen, das funktioniert nicht, bringen wir es zum Funktionieren.»

Der Weg zum erfolgreichen Geschäftsführer

Michael Horsch bewies viel Talent, sein Publikum mit markigen Worten und schlüssigen Aussagen mitzureissen. Während zweier Stunden war ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit der Anwesenden gewiss – keine geflüsterten Gespräche, keine Unruhe in den hinteren Rängen.

Zuerst erläuterte Horsch seinen Werdegang vom Schulabbrecher über eine gescheiterte Auswanderung in die USA und einen selbst entwickelten dreirädrigen Traktor, den zwar alle anschauen wollten, aber keiner kaufte. Der Erfolg stellte sich mit dem «Sä-Extraktor» ein, der Saatgut unter Strohresten ablegen konnte. «Bis heute sind wir passionierte Ackerbauern», sagt Horsch über seine grosse Familie. Das Unternehmen sei mit seiner Technik für Säen, Bodenbearbeitung und Pflanzenschutz weltweit in allen Ländern zu Hause, wo moderner Ackerbau betrieben wird.

Weg von den Tech-Giganten

Die stetige Weiterentwicklung der Firma Horsch beschränkt sich nicht auf deren Produkte. Um sich langfristig von Tech-Giganten wie SAP oder Microsoft loszusagen, arbeitet die Familie daran, die bestehenden IT-Systeme Schritt für Schritt mit KI-geschriebener Software zu ersetzen. «PC-Arbeitsplätze wird es nicht mehr brauchen», ist Michael Horsch mit Blick in die Zukunft überzeugt. Berufe, die sich nicht durch KI ersetzen lassen – z. B. Landwirt(innen) oder Pflegepersonal – würden künftig zu den bestbezahlten Jobs gehören.

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Mit 10-Tonnen-Sätank und ohne Bremsen im Schnellzugstempo

Durch die internationale Tätigkeit seines Unternehmens ist Michael Horsch weltweit vernetzt. Er weiss bestens, dass Landwirt(in) heute lange nicht zu den bestbezahlten Berufen gehört. Betriebswachstum und Fläche seien indes nicht alles, führte er aus. S

o berichtete Horsch von einem Familienbetrieb in den USA, auf den besten Böden in der Kornkammer Illinois mit 6000 ha. «Die wichtigste Arbeit dort ist das Säen, daher macht man das selbst.» Das bedeutet, dass Vater und Sohn mit höchster Schlagkraft und Effizienz im Akkord ihre Felder bestellen. Dazu gehören halsbrecherische Geschwindigkeiten auf den Strassen und maximale Arbeitsbreiten. Man ist mit 10-Tonnen-Sätanks unterwegs. 

Abo Die typische rote Erde Brasiliens ist nicht besonders fruchtbar und bei Regen schnell weggewaschen. Blick über den Tellerrand «Vollgas» an die Wand und zurück zum Erfolg: Was man von Brasilien lernen kann Thursday, 12. February 2026 «Da gibt es keine Bremsen – das wäre nur negative Leistung», verdeutlichte Horsch. Die Familie, bestehend aus Vater, Mutter und Sohn, beschäftigt einen Mitarbeiter und zehn Lkw-Fahrer.

Hohe Pachten machen Betriebe unrentabel

Die Zahlen aus den USA beeindrucken, können aber dem finanziellen Vergleich mit einem flächenmässig deutlich kleineren deutschen Betrieb nicht standhalten. Die Amerikaner brauchen Michael Horsch zufolge für die Produktion einer Tonne Getreideeinheit (eine umgerechnete Grösse, um verschiedene Ackerfrüchte vergleichen zu können) lediglich acht Minuten. Der deutsche Vergleichsbetrieb kam auf 48 Minuten für dieselbe Menge. 

Dafür gibt man in den USA mehr aus für Saatgut, Dünger und Pflanzenschutz. «Auch, weil der Gentech-Mais so teuer ist», bemerkte Horsch. Am Ende der Rechnung verdient der amerikanische Familienbetrieb quasi gar nichts. Der Grund: «Die Pachten sind viel zu hoch.»

Dass die Amerikaner trotzdem weitermachen, liege am Spass, den sie bei ihrer Arbeit haben. Und wenn alle paar Jahre mal der Getreidepreis steige, würden sie das grosse Geld machen. Dieser Jackpot werde direkt in den Landkauf investiert, weiss Horsch. «Die Fläche ist das Ticket zur Party», meinte er. «Und das muss man kaufen, bevor die Party steigt.» 

Ein falsches Signal durch den Begriff

Die Vision von Michael Horsch dreht sich nicht um Betriebsgrössen, sondern um die Bewirtschaftungsweise. Die Zukunft der Landwirtschaft verortet er jenseits von «ideologischem Bio» und intensiver Bewirtschaftung mit hohem Pflanzenschutzmitteleinsatz. «Ich spreche von einer Art regenerativer Landwirtschaft», räumte er ein. «Aber dieser Ansatz ist verkehrt. Denn wer effizient arbeiten will, erhält die Natur.» 

Der Begriff «regenerativ» sende das schlechte Signal an die Gesellschaft, dass in der Vergangenheit Fehler gemacht worden seien, die es nun zu korrigieren gelte.

Hybride Landwirtschaft am Beispiel Brasiliens

Michael Horsch sieht in Brasilien ein Vorbild für das, was er unter hybrider Landwirtschaft versteht. Die grossen Farmen dort investieren in Labors und stellen Mikrobiologen an. Man vermehrt eigenes, pathogenfreies Bodenleben in grossen Bottichen voller Zuckerlösung, um das massgeschneiderte Stärkungsmittel auf Böden und Kulturen auszubringen. 

«Wenn irgendwo ein totes Insekt liegt, sammelt man es ein und analysiert, woran es gestorben ist», schilderte Michael Horsch. Das Pathogen wird im betriebseigenen Labor vermehrt und als Pflanzenschutzmittel ausgebracht.

In den letzten sieben Jahren habe sich Brasilien enorm entwickelt. Die Kulturen wiesen ein höheres Ertragspotenzial auf, weil der Stress durch chemische Spritzmittel reduziert sei oder wegfalle. Die Kosten für den Einkauf von Pflanzenschutzmitteln würden sinken. «Das ist alles hoch professionell, keine Ideologie», zeigte sich der Referent begeistert. 

Natürlich sei das Ganze nicht 1:1 auf die Verhältnisse in der Schweiz oder Deutschland übertragbar, ergänzte er. «Die Brasilianer haben einige Vorteile, die wir nicht haben.» 

Sicher sei aber, dass eine solche hybride Landwirtschaft kein Geschäftsmodell für Agrochemiekonzerne biete. Daher braucht es nach Meinung von Michael Horsch eine andere Herangehensweise in Wissenschaft und Politik. «Das Gute aus beiden Welten nehmen und zum Besten kombinieren», so lautet sein Motto, um biologische und konventionelle Arbeitsweisen zur zukunftsfähigen Innovation zu verschmelzen.

Glücklicher Bergbauer Hansi aus Tirol

Die Realität im Emmental ist weit entfernt von Brasilien. Ebenso wie jene in den Bergen Tirols, wo Michael Horsch ein Ferienhaus besitzt. Sein Nachbar, Bauer Hansi, hat neun Hektaren Land und zwölf Kühe, eine Frau, zwei Kinder und einen rüstigen Vater, der auf dem Betrieb mithilft. Zusammen mit einem Freund besuchte Horsch diesen Bergbauern und machte dieselbe Betriebsauswertung wie mit einem 5000-ha-Betrieb in den USA. «Du verdienst 12,5 Euro pro Stunde. Als Lastwagenfahrer könntest du 15 haben», so das Fazit von Horschs Begleiter. 

Hansi blieb unbeeindruckt und zählte all die Vorteile auf, die sein Leben habe – von einer glücklichen Familie über die Freude, sein eigener Chef zu sein, und die sinnvolle Arbeit bis zum lebendigen Dorfleben und der schönen Landschaft. «Was will ich da mehr?», fragte Horsch rhetorisch. Das Fazit seines Bekannten folgte am nächsten Morgen, wie er weiter erzählte: «Was Hansi gesagt hat, gab mir zu denken. Ich glaube, er ist glücklicher als ich.»

In der Schweiz und dem versammelten Publikum sah Michael Horsch das Gleiche wie bei Hansi. In seiner Zukunftsvision haben demnach – bei aller hybriden Landwirtschaft – die Menschen und ihre Traditionen auch ihren Platz. Für ein Fazit fehlte am Bäreggforum die Zeit. Aber der Funke schien übergesprungen zu sein.