Beim Pflanzenschutz ist maximale Wirkung bei minimalen negativen Nebeneffekten gefragt. Zumal die Wirkstoffe weniger, die Kritik bei Rückständen immer lauter und die Resistenzgefahr bedrohlicher werden. Die richtige Spritztechnik und die richtige Anwendung davon sind dabei wesentlich. «Dessen ist man sich in der Praxis oft nicht bewusst», beobachtet Martin Häberli-Wyss. Als Lehrbeauftragter an der HAFL in Zollikofen BE und in Grangeneuve FR beschäftigt er sich mit Verfahrenstechnik. Als Landwirt aus Rosshäusern BE kennt er die Realitäten zwischen Feld und Stall. Er spricht vom «16.30-Uhr-Effekt»: Die Tiere sollten versorgt werden und man möchte noch kurz eine Behandlung durchführen. «Aber Spritzarbeit ist kein Rennen», betont Häberli-Wyss.

Zwischen 3.30 Uhr und 10.30 Uhr behandeln

Zielführend sind Anwendungen mit wenig Verlust durch Abdrift und Thermik, also durch Wärme aufsteigende Luft. «Ehrlicherweise ist dies meist früh am Morgen ab 3.30 Uhr bis knapp 10.30 Uhr möglich», sagt der Fachmann. In diesem Zeitraum ist die Wirkung der Behandlung am besten. Später am Tag sollte die Dosierung erhöht werden, um dasselbe Ziel zu erreichen, oder es sei auf jegliche Spritzarbeit zu verzichten.

Auf Wind, Temperatur und Luftfeuchtigkeit achten

Früher konnte man noch davon ausgehen, dass die Bise zu gewissen Tageszeiten wehte. «Jetzt zieht sie oft den ganzen Tag», schildert Martin Häberli-Wyss. Dass sich bekannte Wetterphänomene verändern, erschwert die Planung des Pflanzenschutzes. Aber es gibt Hilfsmittel, damit man sich bei der Beurteilung der aktuellen Wetterbedingungen nicht nur auf Schätzungen und Abwägen stützen muss. «Hilfsmittel wie das Handgerät Pocket Wind von Lechler helfen», so der Landwirt. Sie geben den Delta-T-Wert an (siehe Kasten), eine Berechnung aus Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Wind. Er sollte für optimale Ergebnisse der Spritzarbeit zwischen zwei und acht liegen.

Generell ist eine Behandlung bei Windgeschwindigkeiten bis 6 km/h möglich, ab 12 km/h eher fraglich und ab 18 km/h zu vermeiden. Bei 1 – 5 km/h bewegen sich Fahnen nicht und Rauch treibt nur leicht ab, weht der Wind mit 12–19 km/h steht die Fahne und Blätter sind konstant in Bewegung.

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Die Abdriftklassen setzen standardisierte Bedingungen voraus

Abo Mehrfachdüsen erlauben es, die jeweils passende Düsengrösse je nach Kultur zu wählen. Das macht flexibler und die Applikation genauer. Sich mit der richtigen Technik beschäftigen Pflanzenschutz: Die passende Düse macht die halbe Wirkung Thursday, 13. March 2025 Nicht weniger wichtig als passende Umweltbedingungen ist die richtige Technik. «Jede Düse wird am Julius-Kühn-Institut getestet und entsprechend ihrem Potenzial zur Abdriftminderung in Klassen eingeteilt», erklärt Martin Häberli-Wyss. Injektordüsen geben Abdrift-Punkte, die für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in der Schweiz vorgeschrieben sind. «Die Einstufung setzt aber standardisierte Betriebsbedingungen voraus.» Schon eine kleine Erhöhung des Arbeitsdrucks bzw. eine leichte Steigerung der Fahrgeschwindigkeit könne den Verlust mehrerer Minderungsstufen bringen. Im Feld bedeutet das eine schlechtere Wirkung und möglicherweise Probleme mit dem Gewässerschutz. Grundsätzlich sollte eine Fahrgeschwindigkeit von 8 km/h nicht überschritten werden.

Zeitdruck auf dem Feld führt sehr schnell zu hohen Drücken

Viele der heutigen Spritzen haben eine wegabhängige Regelung montiert: Der Spritzcomputer versucht, anhand der effektiven Geschwindigkeit die vorgegebene Menge Spritzbrühe pro Hektare einzuhalten. Sensoren melden zwar Unterdruck, meist fehle aber ein Manometer. «So ist sich der Anwender nicht bewusst, mit welchem Arbeitsdruck im Moment gefahren wird», gibt Martin Häberli-Wyss zu bedenken. Physikalisch könne mit doppeltem Druck nur rund 1,4x mehr Menge ausgebracht werden. Das verdeutlicht, weshalb bei Zeitdruck auf dem Feld das Abdriftrisiko rasant ansteigt.

«Wasser wird zum wichtigsten Spritzmittel»

Wie viel Spritzbrühe es sein soll, da hat sich die Empfehlung über die Jahre geändert. «In vergangenen Zeiten wurde oft mit 600 l/ha gearbeitet, unabhängig vom Produkt.» Dann kam eine Zeit, in der man mit geringerer Brühmenge pro Hektare eine höhere Flächenleistung anstrebte. Empfehlungen von 120 l/ha für Herbizide waren damals keine Seltenheit. «Heute, mit immer weniger Wirkstoffen und immer weniger Reserven, versuchen wir, mit genügend Spritzbrühe pro Fläche die Wirkung gleichwohl noch zu erreichen», so Martin Häberli-Wyss. «Wasser wird zum wichtigsten Spritzmittel.» 

Die Zulassung gibt auch die Dosierung vor

Woran sollen sich Landwirt(innen) also orientieren? «Die ausgewählte Strategie und das Mittel definieren die Spritztechnik», hält er fest. Sehr viele Mittel würden da so einiges voraussetzen: Sie empfehlen Wassermenge und Druckspektrum für die Ausbringung. Beides ist auch Bestandteil der Zulassung. Somit ist ein Mittel ausschliesslich für eine bestimmte Anwendung zugelassen – was neben der Kultur eben auch Vorgaben zur Dosierung und Ausbringung einschliesst. «Man darf nicht einfach so die Brühmenge nach Gutdünken variieren», verdeutlicht Martin Häberli-Wyss. Zudem gebe es die eine richtige Düse für alle Arbeiten nicht. Es sei auch mit Mehrfachdüsenträger oft ein Kompromiss.

Abo Für die Beurteilung des Abschwemmungsrisikos sind die Neigung der Parzelle und die Entwässerung einer Strasse oder eines Wegs wichtig. Wie weit ein Schacht dabei von der fraglichen Parzelle entfernt ist, spielt keine Rolle. Pflanzenschutz Gezielte Massnahmen gegen Abschwemmung sichern den PSM-Einsatz Saturday, 29. March 2025 Die neuen Abdrift-Vorschriften kommen einer Injektordüsen-Pflicht gleich. Das bestätigt Martin Häberli-Wyss. Aber auch mit Injektordüsen sind Fehler möglich, namentlich wiederum beim Druck. Ein dank hohem Druck sehr feines Spritzbild kann zwar bei Kartoffeln erwünscht sein, kann aber nicht als abdriftmindernd bezeichnet werden.

Reinigen erhält die Tropfenverteilung der Düse

Im Verlauf der Einsatzdauer einer Düse kann sich das Spritzbild – die Verteilung sehr feiner, feiner, mittlerer, grober oder auch sehr grober Tropfen – verändern. Das ist im Gegensatz zu Ausleiern der Düse oder einer Verstopfung nicht mit blossem Auge sichtbar. «Eine periodische Reinigung mit Ultraschall und Mittel ist angezeigt. Auch der Anwender ist gefordert», schlussfolgert Martin Häberli-Wyss. Spätestens beim Spritzentest werden Unzulänglichkeiten am Spritzkegel sichtbar und wenn Düsen ausgewechselt werden sollten. Der Spritzentest ist für alle im Pflanzenschutz eingesetzten Geräte mit einem Brühtank mindestens alle drei Kalenderjahre obligatorisch. Den Test muss eine anerkannte Stelle durchführen.

«Wasser ist nicht gleich Wasser» 

Die Menge des Wassers in der Spritzbrühe ist das eine, das Wasser selbst das andere. «Wasser ist nicht gleich Wasser», betont Martin Häberli-Wyss. Die Konditionierung des Wassers, also der richtige pH-Wert und die richtige Wasserhärte, sind wichtige Faktoren für die Wirkung von Pflanzenschutzmitteln. Laut Strickhof sind Pyrethroide z. B. bei einem pH-Wert über 8 unwirksam. Hartes Wasser enthält viele Mineralien und weist einen höheren pH auf als weiches. 

Im Schweizer Mittelland ist das Trinkwasser praktisch überall sehr hart, hart oder zumindest mittelhart. pH-Stabilisatoren korrigieren die Wasserhärte und machen das Wasser für die Spritzbrühe weicher. Regenwasser ist von Natur aus weich und ist einfacher zu konditionieren. Teststreifen für Härtegrad und pH-Wert kann man in Apotheken kaufen, sagt der Fachmann.

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Besser nicht zuerst den Tank nur zur Hälfte füllen

Vielfach seien Wasserkonditionierer in den Pflanzenschutzmitteln bereits enthalten, so Häberli-Wyss weiter. «Sie können aber nicht in allen Situationen ihre volle Wirkung entfalten.» Er empfiehlt, die Tradition zu überdenken, bei der der Spritztank zuerst mit der Hälfte des Wassers gefüllt, dann Mittel und Zusätze beigefügt und zum Schluss der Rest des Wassers ergänzt wird. «Schon aus Sicherheitsgründen ist heute die volle Wassermenge einzufüllen, das Wasser entsprechend den Vorgaben zu konditionieren und erst dann die Wirkstoffe in empfohlener Reihenfolge beizumischen.» 

Die richtige Reihenfolge hält er für massiv wichtig. Sehr hilfreich seien Einspülschleusen oder spezielle Anmischstationen. Tankmischungen mit mehreren Wirkstoffen und Flüssigdüngern bzw. Biostimulanzien sieht Häberli-Wyss kritisch. Die Substanzen könnten im Tank Wirkstoffe binden und so gleichsam deaktivieren. «Entscheidend sind die Angaben des Herstellers zur Mischbarkeit.» 

Der oft vergessene Punkt: die richtige Balkenhöhe

Laut Martin Häberli-Wyss gehen in der Praxis drei Punkte häufig vergessen: Bei der Abmischung die erwähnte Konditionierung, bei der Ausbringung die Umweltbedingungen (Delta-T-Wert, also Wind, Temperatur und Luftfeuchtigkeit) und vor allem die Balkenhöhe. «Die Distanz zwischen Düsenaustritt und Zielfläche sollte maximal dem Abstand der Düsen auf dem Spritzbalken entsprechen.»

Das ist meist 50 cm, kann aber auch 25 cm betragen. Eine um 1/3 zu hohe Balkenführung könne die Abdrift verdoppeln. Viele Anwender hätten zwar Respekt, auf nur 50 cm zu gehen. Häberli-Wyss hat aber noch von keinem Fall gehört, in dem die Feldspritze im Bestand hängen geblieben wäre. Er rät, den richtigen Abstand mit einer kleinen Kette am Spritzbalken zu markieren. «Die sieht man vom Traktor aus.» 

Bei all dem geht es darum, den agronomischen Nutzen der eingesetzten Wirkstoffe zu maximieren und Resistenzen zu vermeiden. «Die Mittel sind auch teuer», bemerkt Martin Häberli-Wyss. Um im richtigen Moment bereit zu sein, lässt sich allenfalls schon mal das Wasser im Tank konditionieren. Das zeitaufwändige Einfüllen mit einem normalen Gartenschlauch sollte vorbei sein.

«Die Professionalisierung des Pflanzenschutzes stösst an ihre Grenzen» 

«Am Schluss ist immer der Anwender zwischen Hammer und Amboss», findet der Landwirt. Es sollte gefahren werden, aber die Konditionen sind nicht optimal. Die Zeitfenster sind manchmal extrem kurz. Die Tiere sollten auch noch versorgt werden. «Hier geht es darum, den kleinstmöglichen Kompromiss einzugehen.» Für Martin Häberli-Wyss ist klar, dass viele kleine Maschinen in den passenden Zeitfenstern mehr leisten als einige grosse Selbstfahrer. Zudem würden Letztere wertvolle Zeit auf der Strasse verlieren. «Die Professionalisierung der Pflanzenschutzarbeit über den Lohnunternehmer stösst da sehr wohl an Grenzen.» Vielfach sei die Arbeitslast dann so gross, dass über den ganzen Tag gefahren werden muss. Das bedeutet, dass nur ein kleiner Teil der Arbeit zu optimalen Bedingungen möglich ist. 

Delta-T-Wert

Der Parameter Delta-T wird durch die relative Luftfeuchtigkeit, die Windverhältnisse und die Temperatur bestimmt. Diese sind für einen genauen Wert vor Ort, also auf der zu behandelnden Parzelle, zu messen. Delta-T gibt an, wie schnell die ausgebrachten Tropfen verdunsten. Liegt der Wert zu hoch (über 8), verflüchtigt sich die ausgebrachte Spritzbrühe zu schnell, die Wirkung ist beeinträchtigt. Bei zu tiefen Delta-T-Werten bleiben die Tropfen lange in der Schwebe, es drohen Abdrift und Tau.