«Die Landwirtschaft hat eine enorm tiefe Wertschöpfung, wenn man nur die Marktprodukte anschaut», so Kilian Greter, Lehrer und Berater am LBBZ Schluechthof. Aber die Landwirtschaft sei für ihn ein ganz anderes System als etwa die Industrie, da sie neben marktfähigen Produkten eine Reihe von Mehrwerten generiere, z. B. in den Bereichen Biodiversität und Landschaftspflege. Angesichts dieser Leistungen für die Gesellschaft sollten Bauern nach Greters Meinung Direktzahlungen auch ohne schlechtes Gewissen annehmen können.

Ans Produkt gekoppelt oder davon losgelöst vermarkten

«Trotzdem möchte man zurecht auch die Mehrwerte vermarkten», sagte Kilian Greter in seinem Referat am 5. Treffen der Gruppe zukunftsgerichtete Landwirtschaft von Swiss Food Research, das am BBZN Schüpfheim im Kanton Luzern stattfand. Wie Greter erläuterte, gibt es in der Praxis vier Systeme, um via Rückverfolgung von Produkten die Mehrwerte aus der Produktion sichtbar zu machen:

Direktvermarktung: Es ist klar, von welchem Betrieb das Produkt stammt (gibt es teilweise auch im Detailhandel).

Labels: Eine grössere Gruppe von Betrieben hebt sich etwa durch Freilandhaltung, Regionalität o.ä. ab.

Massenbilanzen: Statt die Warenflüsse teuer zu trennen, wird zwar alles gleichermassen transportiert bzw. verarbeitet, beim Endprodukt aber anteilsmässig ein Mehrwert ausgewiesen (z. B. bei UHT-Milch mit IP-Suisse-Käfer).

Lizenzen: Die Vermarktung des Mehrwerts läuft losgelöst vom Produkt, z. B. über den Handel mit CO2-Zertifikaten.

Je nach Produkt gelte es, einen passenden Weg zu suchen, schloss der Berater. Wobei Glaubwürdigkeit das höchste Gut sein müsse. «Die weitere Entwicklung in der Digitalisierung und Blockchain könnte die Zertifizierung billiger machen», ergänzte Greter.

Einfache Botschaften für die breite Masse und weitere Detail-Infos

Als erfolgreiches Beispiel stellte Adrain Rutzer vom Institut für Agrarökologie das Aldi-Programm Retour aux Sources (RAS) vor. Zuerst gelte es, den Mehrwert zu messen. Bei RAS habe man einen Nachhaltigkeits-Rechner in den Produktionsrichtlinien verankern können. «Dann muss man entlang der ganzen Wertschöpfungskette fragen, welchen Mehrwert es für das Produkt braucht.» Rutzer betonte die Wichtigkeit, die ganze Kette zu berücksichtigen. Der letzte Schritt sei die Kommunikation der Mehrwerte: «Es funktioniert nur, wenn das Produkt gekauft wird.» Für die breite Masse gebe es bei RAS einfache Botschaften und für die interessierte Minderheit detaillierte Nachhaltigkeits-Infos online. Die wissenschaftliche Basis wirke bei RAS als Vertrauensanker. «Das Sortiment wächst», bemerkte der Spezialist für Datenanalysen. Nach verschiedenen Milchprodukten gibt es mittlerweile auch Fleisch, Eier, Früchte und Gemüse bei Aldi unter dieser Marke.

Produktionsbedingungen wählen und Preis berechnen lassen

Der Knackpunkt beim Vermarkten von Mehrwerten ist immer die Kaufbereitschaft. Wie viel die Kundschaft auszugeben bereit ist, sollte sich – eigentlich – an ihren Ansprüchen punkto Nachhaltigkeit orientieren. Bekanntlich ist das oft nicht der Fall. Um diesen Haltungs-Verhalten-Widerspruch sichtbar zu machen und gleichzeitig bessere Produktpreise zu ermöglichen, arbeitet die Confoedera-Bewegung an einer Online-Lösung zur «ökologischen Emotionalisierung». Wie Confoedera-Vertreter Pius Kobler erklärte, geht die Idee auf einen Demeter-Betrieb zurück, der seine Preise zusammen mit seinen Kund(innen) festlegen wollte. Mittlerweile gibt es einen ersten Prototyp, der nur grob auf wenig Daten aufgebaut ist. Aber er zeigt das Prinzip: Die Kunden wählen die für sie gewünschten Produktionsbedingungen und erfahren dann den Preis, den sie bezahlen müssten, um diese Produktion möglich zu machen.

Zieht man den Schieber für die Bodenfruchtbarkeit z. B. zum Maximalwert, steigt zwar der berechnete Produktpreis – gleichzeitig sinkt aber das Total inklusive «wahre Kosten».

Nicht nur für die Direktvermarktung geeignet

Confoedera hofft, mit dieser Methode Konsument(innen) die Konsequenzen ihres Handelns emotional begreifbar zu machen. Der Prototyp soll dereinst ein selbsttragendes Plug-in werden, der tatsächlich bezahlte Preis ermögliche wertvolle Forschung zum Kundenverhalten. «Das Plug-In soll unbedingt für die ganze Wertschöpfungskette funktionieren», hielt Pius Kobler fest. Zentral sei aber das Gefühl der Kundschaft, direkt mit der Landwirtschaft verbunden zu sein.

Der Prototyp wird derzeit auf besagtem Demeter-Betrieb getestet und zusammen mit Partnern weiterentwickelt.

Mehr über das Confoedera-Projekt «der richtige Preis»