Über 60 Organisationen haben die Digitalisierungscharta unterschrieben. Verbände, Unternehmen, Bundesstellen, Forschungsinstitutionen. Digi Agri Food CH, das Netzwerk, das seit 2018 unter wechselnden Namen die Digitalisierung des Schweizer Agri-Food-Sektors vorantreiben soll, tagt jährlich. Die Vision: ein datenbasierter Sektor, administrativ schlank, interoperabel, nutzerfreundlich. Daten fliessen, Formulare verschwinden, der Bauer befreit sich vom Schreibtisch. Das ist zumindest die Idee.

Abo Nach der Massage wird der Urin aufgefangen und separat gelagert. Ammoniakreduktion Massieren für das Urinieren: Weniger Ammoniak durch Kuh-Toiletten Friday, 20. June 2025 Franz Röösli aus Hellbühl LU hat keine Zeit für solche Tagungen. Er steht im Stall. 33 Hektaren, Milchwirtschaft, Schweinemast, Ackerbau. Seit April 2025 steht in seinem neuen Stall die erste Cowtoilet der Schweiz. Ein freiwilliges «Uriniersystem», das Kot und Harn unmittelbar bei der Ausscheidung trennt, Ammoniak verhindert und den Urin als hochwertigen Stickstoffdünger nutzbar macht. Der Stall wurde im Rahmen eines kompletten Neubaus errichtet, die Bauzeit dauerte von Ende Juli 2024 bis Ende April 2025. Die Familie Röösli wurde dabei durch das Ressourcenprojekt «Ammoniak- und Geruchsemissionen in der Zentralschweiz reduzieren» beratend unterstützt, die Anschaffung der Cowtoilet mitfinanziert. Am 18. Juni 2025 präsentierte die Familie das Projekt der Öffentlichkeit.

Seit seiner Betriebsübernahme 2010 digitalisiert Franz Röösli. Es beginnt damals mit E-Banking und Buchhaltung. Was simpel klingt, ist in der Rückschau der Beginn einer langen Liste.

[IMG 2]

16 Logins für einen Betrieb

Franz Röösli zählt auf: Der Melkroboter protokolliert, das Herdenmanagement läuft digital, dazu die Cowtoilet. Daneben: TVD, DB Milch, der Schweineverkauf über Profera, Futterbestellungen via Agrifokus, EBJ Schweine, die Datenerfassung des Kantons Luzern, Alco Tec, das Lehrstellenportal Landwirt EFZ, FabPSM, Hoduflu, IP Suisse, Klimastar ZMP. Die Liste ist nicht vollständig, sie gibt nur die Kategorie wieder.

16 Logins. Das heisst: 16 verschiedene Zugänge, 16 Passwörter, 16 Systeme, die jedes für sich seinen Sinn haben mag und die zusammen ein Bild ergeben, das man weder als schlank noch als interoperabel bezeichnen kann.

Immerhin: Franz Röösli muss dieselben Daten nicht doppelt eingeben. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Wer in anderen Kantonen oder mit anderen Systemkonstellationen arbeitet, muss es. Allein auf Bundesebene laufen heute 14 Hauptanwendungen. Im agrarpolitischen Vollzug arbeiten fünf verschiedene Kantonssysteme nebeneinander. Der Datenaustausch zwischen Verwaltungssystemen und privaten Anwendungen funktioniert laut Schweizer Bauernverband nur punktuell.

Zwei Stunden pro Woche – im Durchschnitt

Wie viel Zeit investiert Franz Röösli in digitale Dateneingabe und Administration? Er schätzt: im Durchschnitt zwei Stunden pro Woche. Zwei Stunden, in denen er nicht melkt, füttert oder auf dem Feld ist. Zwei Stunden, in denen er tippt, sich einloggt, erfasst oder bestätigt.

Was hat die Digitalisierung konkret vereinfacht? Franz Röösli antwortet: «Die Digitalisierung hat es vereinfacht und die eingesparte Zeit musste wieder aufgewendet werden, um noch mehr Daten zu erheben.» Auf die Frage, wo sie mehr Arbeit mache als weniger, gibt er dieselbe Antwort.

[IMG 3]

Der Feldkalender auf Papier ist griffbereit

Franz Röösli hat die digitale Version des Feldkalenders ausprobiert. Und er hat aufgehört. Heute führt er den Feldkalender wieder von Hand. Er kennt den Nutzen der Digitalisierung, er setzt sie seit 2010 ein. Aber er kennt auch die Grenzen. Der Feldkalender auf Papier ist «schnell, griffbereit und braucht kein Login.»

Bei den übrigen Systemen sagt Franz Röösli: «Zum Teil ist es vernetzt, zum Teil gar nicht.» Das ist der Normalzustand in einer Branche, deren Digitalisierung von unzähligen Einzelakteuren vorangetrieben wird, jeder mit eigenem Standard, eigener Schnittstelle, eigenem Interesse.

Was Röösli will

Franz Röösli weiss, was er sich wünscht. Keine grosse Utopie, sondern etwas Handfestes: eine zentrale digitale Plattform, auf die alle Zugriff haben, aber jeder nur auf den Bereich, den er braucht. Der Lohnunternehmer, der den Weizen spritzt, soll den Eintrag direkt in die Schlagkartei machen. Aber er soll nur auf die Schlagkartei des Weizens Zugriff haben, nicht auf den ganzen Betrieb.

Dazu kommt ein weiterer Punkt, der für Rückverfolgbarkeit und Bürokratieabbau gleichzeitig relevant wäre: ein digitales Begleitdokument ohne Kleber, bei dem die Labeldaten des Betriebs oder des Tieres per QR-Code hinterlegt sind. Wer heute Tiere transportiert, kennt den Aufwand. Wer die Klebeetiketten kennt, kennt auch die Fehlerquellen.

Und dann ist da das Wiesenjournal. Röösli sagt, er hinterfrage dessen Sinn «bei jedem Ausfüllen». Nur noch relevante und wichtige Informationen aufzeichnen und sammeln, das ist seine Forderung. Nicht mehr Daten um der Daten willen, sondern weniger, dafür sinnvollere.

Die Charta und die Realität

Seit 2018 bündelt Digi Agri Food CH die Bemühungen. Die Vision ist gut. Die Charta ist unterschrieben. Und die gelebte Realität auf den Betrieben ist ernüchternd. Der Schweizer Bauernverband hält fest: «Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein. Der Mehrwert für Bauernfamilien muss das oberste Kriterium sein. Nicht die schönste Vision, sondern die einfachste Lösung.»

Der Luzerner Landwirt wäre bereit, seine Betriebsdaten für eine zentrale Plattform freizugeben, wenn er dafür weniger Formulare ausfüllen müsste. Datensouveränität ist in der Landwirtschaft ein sensibles Thema. Wer die Daten letztlich sieht, auswertet, weiterverkauft, das sind Fragen, die Vertrauen brauchen, das erst verdient werden muss.

Sein Wunsch an Bund, Verbände und Technik ist bescheiden formuliert: «Dass ein Teil des oben Genannten umgesetzt wird.» Etwas Geduld muss Röösli wohl noch haben. Und Geduld ist in der Schweizer Agrarpolitik bekanntlich keine knappe Ressource.