Wir haben in der BauernZeitung immer die Berichte der Auswanderin Michèle Huber nach Paraguay gelesen. Wir sind ein pensioniertes Bauernehepaar; ich bin als Schreiberin immer wieder für verschiedene bäuerliche Medien tätig.
Unsere Reisen führten uns immer zu unseren Kindern, die gerade irgendwo auf der Welt lebten, zu unseren ehemaligen Praktikantinnen und Praktikanten aus der halben Welt und zu ausgewanderten Landwirten, die wir über Umwege kennenlernten. In diesem Fall kommt unser Schwiegersohn ursprünglich aus Paraguay.
Fürs grosse Fest nach Übersee
Das Hochzeitsfest mit unserer Tochter, an dem wir natürlich teilnahmen, fand in Asuncion statt, der Hauptstadt Paraguays. Danach stand der Besuch bei den Verwandten vor Ort an, um den Grosskindern etwas von der Heimat ihres Vaters zu zeigen und Verwandte und vor allem die Urgrossmutter kennenzulernen. Da war es naheliegend, dass wir mitgingen – und dass wir die Frau aus der BauernZeitung besuchen wollten. Wohnt sie doch nur rund zwei Stunden von Asuncion entfernt in Atyra.
Wir erhielten den Kontakt durch die Redaktion und schrieben sie an. Ein erfreutes Willkommen war ihre Antwort. Das war im letzten Frühjahr. Bis zu unserem Besuch im August – dann ist Winter in Paraguay – hatten sich die Lebensumstände von Michèle Huber bereits wieder geändert.
Michèle Huber ist mit einem Plan ausgewandert
Zur Erinnerung: Michèle Huber, gelernte Landwirtin, ist ausgewandert, als ein von ihr initiiertes und vom Inforama, FiBL und BLW unterstütztes Projekt mit dem Ziel einer neu ausgerichteten, regional-solidarischen Landwirtschaft auf dem Hasliberg nicht funktioniert hat. Sie ist mit ihren Kindern, acht Koffern und einer Katze losgezogen, um in Paraguay ein selbstbestimmtes, authentischeres Leben zu führen.[IMG 2]
Im April 2020 hat sie zusammen mit ihrem damaligen Partner Victor und den ersten sechs Kühen den Bauernhof Ko’eti auf sechs Hektaren Land gegründet. Dann wurden in kleinen Schritten die Betriebszweige mit Käserei, Direktvermarktung und Gästebewirtung ausgebaut.
Ein wichtiges Standbein für Michèle ist heute das Anbieten von Kursen, in denen sie ihre Ideale und den Wunsch nach mehr selbstständiger Freiheit, weniger Vorschriften und Einschränkungen weitergibt. Natürlich spricht sie mittlerweile Spanisch, aber in ihrem Umkreis leben recht viele ausgewanderte deutschsprachige Menschen.
Mit der Bauernhofschule viel bewirken
Ihre gemeinnützige Bauernhofschule «SauStark Autark» fördert und unterstützt Projekte zur Selbstverantwortung, Coaching auf dem eigenen Land und soziale Vernetzung mit freiem Marktangebot von Nahrungs-, Lehr- und Heilmitteln. Dazu kommt die Wiederverwendung von uraltem Bauernwissen mit neuer Technologie. Angeboten werden Kurse über Boden und Autarkie, Permakultur und Wetterkunde, Standortbestimmung für den Gemüsegarten, Tierhaltung in der Selbstversorgung, Erste Hilfe und die grüne Hausapotheke.
Michèle Huber sagt: «Die Natur lässt dich nicht im Stich. Wenn du verstehst, wie sie funktioniert, kannst du dich auf sie verlassen.» Naturgesetze seien beständig, schenkten Vertrauen und seien unabhängig von jeglichem Weltgeschehen und der Politik.
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Ein faszinierendes Land, aber reisen mit einem gewissen Risiko
Paraguay liegt zwischen Argentinien, Brasilien und Bolivien. Hier finden sich weite Sumpflandschaften, subtropische Wälder und der Chaco, eine Wildnis aus Savanne und Buschland. Die Hauptstadt ist Asunción am Ufer des Río Paraguay.
Das EDA rät bei Reisen nach Paraguay zur Vorsicht, da die Kriminalitätsrate hoch ist. Es wird empfohlen, nächtliche Überlandfahrten zu meiden und in Städten wie Asunción, Ciudad del Este, der Stadt bei den Iguazú-Wasserfällen, besonders wachsam zu sein. Wegen schlechter Strassen und mangelhafter Sicherheitsvorkehrungen seien Vorsichtsmassnahmen unerlässlich.
Hier gibt es noch viele kleine Betriebe
Wir entschieden uns trotzdem für die Reise und den Besuch bei Michèle. Was macht die Landwirtschaft und das Leben spannend, mit wenigen Vorschriften, ohne Regelungen, kaum Steuern, dafür aber auch nur mit wenig oder sehr teurer medizinischer Versorgung, kaum oder nur sehr teurer Schule? Jeder kann machen, was er will und was er zu bezahlen vermag. Solidarität, sich zu vernetzen, sich gemeinsam zu ernähren, das einfache Miteinander – das passt Michèle Huber.
Die hügelige Verwaltungsregion von Cordillera ist (noch) nicht für die Grosslandwirtschaft geeignet. Hier finden sich zahlreiche kleinere Landwirtschaftsbetriebe. In Richtung Ciudad del Este hat sich in den letzten Jahren das Landwirtschaftsbild zu kaum kontrollierten intensiven Flächen, zum Beispiel für den Sojaanbau und intensive Tierhaltung, hin verändert.
Zu Besuch auf der Farm – Ankunft in Michèles Reich
Aber nun zurück zu Michèle Huber. Wir besuchen sie im Winter nach zwei Regentagen. Unser Schwiegersohn ist skeptisch und fährt von der Hauptstrasse ab, an der immer noch einzelne angebundene Kühe weiden. Er fährt sorgfältig auf der nicht befestigten Strasse. Dann werden wir von einigen bellenden Hunden begrüsst. Da ist Michèle, da ist ihr Outdoor-Hof-Bistro, da ist die Glucke mit ihren Küken, da sind die Gänse, die Ziegen und die Schweine in ihren Gehegen – Michèles Reich.
Auf dem Grillofen kocht der Eintopf, die kleine Tochter Gabriela freut sich über den Besuch unserer fast gleichaltrigen Grosskinder, und wir lassen die Eindrücke wirken. Vor ein paar Wochen hat Victor, ihr Partner, sie verlassen und «seine» Kühe mitgenommen. Ihre zwei Söhne sind nach kurzer Zeit in Paraguay zu ihrem Vater in die Schweiz zurückgekehrt. Tochter Livia, jetzt 18 Jahre alt, ist geblieben. Ihre Schulzeit ist geprägt vom Wechsel ins paraguayische Schulsystem. Mittlerweile bäckt sie feine Torten zum Verkauf.
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Grosse Unterschiede zu den Schweizer Verhältnissen
Die klimatischen Bedingungen in Paraguay sind natürlich nicht mit denen bei uns daheim im Berner Seeland vergleichbar. Bananen, Maniok, Sorghum und Kartoffeln wachsen in Michèles Garten oder auf dem grossen Pflanzblätz. Mit viel Handarbeit wird hier Gemüse gepflanzt. Doch heute, bei zwölf Grad, lässt sich der Erfolg nicht beurteilen.
Der Besuch bei den übrig gebliebenen Kühen zeigt eine karge Weide. Klar, dass die Ausbeute zum Käsen im Moment knapp ist. Ausserdem ist auch noch die beste Kuh über Nacht verschwunden. Die kleinen Schweinchen erfreuen unsere Grosskinder und Gabriela freut sich, ihnen diese richtig zu zeigen.
Die Einrichtungen für die Tiere entsprechen kaum unseren Vorschriften, doch man spürt die Ehrfurcht und die Liebe der Landwirtin zu ihren Tieren. Der selbst gebaute Verarbeitungsraum und die Verkaufsecke könnten irgendwo in der Schweiz sein.
Ein Geissenzaun von der Landi wäre gut
In der Wohnküche schmeckt uns der feine Eintopf mit eigenem Gemüse und Fleisch. Michèle und Livia freuen sich aufs mitgebrachte Fertigfondue. Eigentlich hätten wir einen Ziegenzaun von der Landi mitbringen sollen. Die Reise- und Zollvorschriften hätten jedoch solches Gepäck nicht oder nur sehr teuer zugelassen. Vielleicht ist es Michèle doch irgendwie möglich, so etwas in Paraguay zu kaufen.
Sie hat sich für ihr Leben hier entschieden. Wir hoffen, dass sie gesund bleibt und ihren Traum möglichst lange verwirklichen kann.

