Die Nachricht erreicht Lukas Aebi am 23. November. Aebi, Leiter Rübenmanagement bei der Schweizer Zucker AG, sitzt an diesem Sonntagabend mit einem Zuckerrübenproduzenten beim Fondue, als sein Telefon klingelt:

Die Schamottsteine im Kalkofen der Zuckerfabrik Frauenfeld, welche die Metallhülle vor der Hitze schützen, haben sich verschoben. Durch die entstandenen Spalte trifft die 1200 Grad heisse Ofenluft direkt auf die Metallstruktur – diese verformt sich, wird instabil. Der Kalkofen, der CO₂ und Kalk für die Saftreinigung liefert, muss umgehend ausser Betrieb genommen werden. Die gesamte Zuckerproduktion in Frauenfeld steht still.

Für Aebi beginnt ein logistischer Ausnahmezustand. Gemeinsam mit Raphael Wild, Leiter Kommunikation bei der Schweizer Zucker AG, blickt er zurück auf die Wochen, in denen das gesamte Rübennetz der Schweiz neu geordnet werden musste.

Züge stoppen, Lösungen suchen

Noch während am 23. November der Anruf läuft, rollen zwischen sieben und zehn voll beladene Zuckerrübenzüge Richtung Frauenfeld. Auf dem Fabrikgelände selbst ist Rübenlager proppenvoll. Rund 15 000 Tonnen bereits aufgestossener Rüben warten auf ihre Verarbeitung. Aus Sorge vor Schnee hatte man den Rübenhof vorsorglich stark gefüllt – jetzt sind die Rüben verletzt und drohen zu verderben.

«Wir mussten die Züge sofort stoppen und entscheiden, was mit den Rüben im Rübenhof geschehen soll», sagt Lukas Aebi. Gemeinsam mit dem Transportdienstleister TR Transrail gelingt es, innerhalb kürzester Zeit eine Notfalllogistik aufzubauen: Eine Rübenmaus wird organisiert, ein Shuttlesystem mit Güterzügen eingerichtet. Fortan rollen die Ostschweizer Rüben in Waggons von Frauenfeld nach Aarberg. «Das klingt erstmal einfacher als es ist. Man darf aber nicht vergessen, dass das Schienennetz systembedingt unflexibel auf spontane Änderungen reagiert – Trassees sind teilweise auf Jahre im Voraus gebucht. Und ganz sicher wartet da niemand auf einen Rübenwagen», sagt Raphael Wild.

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Keine Reserven – nur ein schmaler Spielraum

Dass diese Umleitung überhaupt möglich war, grenzt an ein kleines logistisches Wunder. Die Schweizer Zucker AG löste es, indem sie kurzfristig neue Traseess zukauft und so die Ostschweizer Rüben Richtung Westen, nach Aarberg abführt.

Doch mit diesen zusätzlichen Rüben verändert sich auch hier die Situation, denn, Aarberg läuft bereits im Vollbetrieb – verarbeitet 400 Tonnen Rüben pro Stunde. Eine Kapazitätserhöhung ist nicht möglich.

Die zusätzlichen Rüben aus dem Osten lassen sich darum nur aufnehmen, weil gleichzeitig die Strassenanfuhr aus der Region Seeland komplett gestoppt wird. Die deutschen Rüben, die zur Verarbeitung nach Frauenfeld rollen, sollen nun in deutschen Zuckerfabriken verarbeitet werden. Ein Geschäft, bei dem laut Raphael Wild die Wirtschaftlichkeit gut geprüft werden muss.

Was sich nicht ändert: der Transport der Westschweizer Bahnrüben, weil auch bei ihnen die Planung fix und Trassees reserviert sind. Durch den Wegfall von Frauenfeld verlängert sich unter dem Strich so die eigentliche Kampagne um mehrere Wochen.

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Ab dem 3. Januar läuft Frauenfeld wieder

Insgesamt mussten rund 500 000 Tonnen Rüben neu disponiert werden – mehr als eine durchschnittliche Getreideernte in der Schweiz. Frauenfeld, zuständig für die Rüben aus Ostschweiz, fällt für mehrere Wochen vollständig aus.

Ab dem 3. Januar soll die Zuckerfabrik in Frauenfeld wieder hochgefahren werden. Zunächst mit einer reduzierten Leistung von 200 Tonnen pro Stunde. Für den Kalk und das CO2 hat man laut Lukas Aebi Lösungen gefunden, Unsicherheiten, bestehen jedoch immer noch: «Wir können nicht genau sagen, wie die Fabrik reagiert. Wenn sie statt 200 plötzlich 280 Tonnen schafft, hilft uns das sehr».

Es braucht zwei Standorte

Abo Rückblick auf das Zuckerrübenjahr Hohe Erträge und eine geschlossene Zuckerfabrik prägen die Zuckerrübenkampagne 2025 Thursday, 11. December 2025 Langfristig möchte die Schweizer Zucker AG weiter vermehrt auf einheimische Produktion setzen. Das Ziel liegt bei 20 000 Hektaren Schweizer Rüben. Aktuell liege man bei rund 17 500. «Die Schweizer Zucker AG bevorzugt ganz klar den Schweizer Zucker», sagt Raphael Wild. Die Anbaubereitschaft der Landwirte steige wieder – nicht zuletzt wegen der hohen Attraktivität der Zuckerrübe und der Hoffnung auf neue Beizmittel.

Auf die erwartete hohe Ernte 2026 soll auch ein neuer Kalkofen in Frauenfeld wieder betriebsbereit sein. Dazu holt die Schweizer Zucker AG derzeit Offerten für einen Ersatz ein. Je nach Variante, mit Gas oder Koks beheizt, rechnet man mit Investitionen zwischen sieben und zehn Millionen Franken.

Die wichtigste Erkenntnis aus dem Vorfall: Es braucht in der Schweiz zwei Zuckerfabriken. Der Ausfall in Frauenfeld – ein unwahrscheinliches Szenario – habe gezeigt, wie verletzlich das System mit nur einem Standort wäre. «Wir sind wie ein Flugzeug», sagt Raphael Wild. «Unsere Triebwerke müssen jedes Jahr perfekt gewartet sein. Es kann auch dann zu einer Krise kommen, nur abstürzen dürfen wir nicht.»