Während man in der Schweiz froh ist, dass die zweite Zuckerfabrik im Land wieder läuft und die Schweizer Zucker AG nach wie vor für einen Ausbau der Rübenflächen in der Schweiz wirbt, zeigt der Weltmarkt ein düsteres Bild.
Überproduktion ausserhalb Europas und neue Importe aus Mercosur
Mitte Dezember 2025 richteten der Europäische Zuckerverband (CEFS) und der Verband Europäischer Zuckerrübenanbauer (CIBE) einen gemeinsamen Hilferuf an die EU-Kommission und -Mitgliedstaaten. Unter anderem wegen einer Überproduktion von Zucker in Brasilien, Indien und Thailand seien die Weltmarktpreise für Zucker zusammengebrochen. Die europäischen Preise folgten.
Seit dem Peak 2023 betrage der Preiszerfall 38 Prozent und das aktuelle Niveau sei nicht mehr tragbar. Fünf europäische Zuckerfabriken haben laut CEFS und CIBE ihre Schliessung bekannt gegeben, eine weitere werde in der nächsten Kampagne keine Rüben mehr verarbeiten.
Dass die EU ihr Mercosur-Abkommen nun angenommen hat, war für die beiden Zuckerverbände eine weitere Hiobsbotschaft. In einer gemeinsamen Mitteiung kritisieren sie, dass diese Verträge den Import von 190'000 Tonnen zollfreiem Zucker mit tiefem Produktionsstandard in die EU erlauben würden. Das entspreche der Produktion einer ganzen EU-Zuckerfabrik und verschlimmere die Situation zusätzlich.
In der Schweiz spürbar geworden
Die schwierige Situation auf dem Weltmarkt für Zucker hat auch für die Schweiz Konsequenzen: So musste die Schweizer Zucker AG im Sommer 2025 den Richtpreis für 2026 anpassen. Er liegt nun bei 55 Franken pro Tonne, der Grundpreis beträgt 48 Franken pro Tonne.
«Richtpreise sind kein Versprechen, sondern eine Erwartung», hielt Raphael Wild damals gegenüber der BauernZeitung fest. Diese Erwartung erfülle sich je nach Marktlage und Zuckerpreisen. «Die Grundpreise hingegen werden fix vereinbart und auch bezahlt», so der Leiter Kommunikation der Schweizer Zucker AG. Nach wie vor sei die Zuckerrübe eine für den Pflanzer wirtschaftlich attraktive Kultur.
Die Zahlen der Schweizer Zucker AG für das vergangene Geschäftsjahr tragen die Spuren des internationalen Preiszerfalls: Ihr Gewinn ist 2024/25 gegenüber dem Vorjahr um 98 Prozent auf 0,1 Millionen Franken gesunken. Auch der Umsatz ging um 20 Prozent zurück.
«Der Umsatzrückgang und der Rückgang des operativen Ergebnisses ist auf die deutlich gesunkenen Zuckerpreise zurückzuführen, die am Markt erzielt werden konnten», erläutert Raphael Wild auf Anfrage. Dieser wesentliche Preiszerfall habe einen negativen Einfluss auf Umsatz und Profitabilität der Schweizer Zucker AG gehabt.
Einzelkulturbeitrag ist jetzt fix und der Grenzschutz wächst
Und wie sieht das in Zukunft aus? Positiv zu werten ist sicherlich, dass mit dem Verordnungspaket die unbefristete Weiterführung des Einzelkulturbeitrags auf dem aktuellen Niveau von 2100 Franken pro ha beschlossen worden ist. Per 1. Januar 2027 tritt in der Schweiz ausserdem ein neues Grenzschutzsystem für Zucker in Kraft, bei dem das Bundesamt für Landwirtschaft dem Vorschlag der Branche gefolgt ist. «Der grosse Unterschied liegt in der Flexibilität», erklärt Raphael Wild der Schweizer Zucker AG die Vorteile der Neuerung.
Doppelt so hoher Zoll wird möglich
«Mit dem neuen System kann der Grenzschutz-Beitrag den schnell wechselnden Zuckerpreisen angepasst werden», fährt Wild fort. Bisher sei der Grenzschutz fix bei 70 Franken pro Tonne gelegen, wohingegen er ab 2027 bei hohen Preisen auf Null sinken könne. Bei tiefen Zuckerpreisen im Ausland sei dafür ein Grenzschutz von bis zu 140 Franken pro Tonne möglich. «Dieses System bringt mehr Sicherheit und auch Stabilität in die Lebensmittel- und Zuckerbranche», so Wild.
Vermarktungsvorteil dank hohem Selbstversorgungsgrad
Für eine erfolgreiche Vermarktung von Schweizer Rüben muss indes auch die Nachfrage stimmen. In diesem Zusammenhang ist die Swissness-Regelung von Bedeutung: Der Anteil einer Zutat, die bei einem Schweizer Produkt aus dem Inland stammen muss, hängt vom Selbstversorgungsgrad des Landes mit dieser Zutat ab.
Nur wenn diese Swissness-Vorgaben erfüllt sind, darf die Ware das Schweizerkreuz tragen. Sinkt der Selbstversorgungsgrad unter 50 Prozent, kann das Endprodukt weniger als 80 Prozent Schweizer Zucker enthalten – nämlich nur 40 Prozent. Mit einem höheren Selbstversorgungsgrad steigt demnach der Anreiz, Schweizer Zucker zu verwenden, weil das entsprechende Produkt dann als heimisch gilt.
Dieses Jahr reicht es noch nicht
2023/24 fiel der Selbstversorgungsgrad mit Zucker in der Schweiz aufgrund schwieriger Wetterbedingungen unter 50 Prozent. Heuer können sich Produzenten über eine gute Rübenernte freuen. «Die erfreuliche Ernte des Jahres 2025 trägt viel dazu bei, dass der Selbstversorgungsgrad für Zucker wieder steigen wird», sagt Raphael Wild. Da zur Berechnung aber ein Dreijahres-Durchschnitt dient, reiche es dieses Jahr noch nicht für eine Verschärfung der Swissness-Regeln.
«Deshalb motivieren wir weiterhin die Landwirte, möglichst viele Zuckerrüben zu pflanzen und einen möglichst hohen bereinigten Zuckerertrag pro Hektare zu erreichen – die Fläche alleine reicht nicht.» Die Schweizer Zucker AG sei guten Mutes, dass die 50-Prozent Selbstversorgung so bald wieder erreicht werden.
Die Lebensmittel-Industrie steht hinter besserem Zucker-Grenzschutz
Allerdings kämpfen die Schweizer Schokoladen- und Biscuithersteller (Chocosuisse und Biscosuisse) mit steigenden Kosten, allem voran für Kakao. Sie machten im vergangenen Jahr zudem einen Wettbewerbsnachteil aufgrund von Mehrkosten durch den Schweizer Grenzschutz geltend. Ihm sei nicht ganz klar, woher dieser Wettbewerbsnachteil kommen soll, erklärt Raphael Wild. «Im Markt scheint vor allem dunkle Schokolade ein Trend zu sein, die wenig Zucker enthält», gibt er zu bedenken.
Am Branchenvorschlag für das neue Grenzschutzsystem war gemäss der Schweizer Zucker AG auch die Lebensmittel-Industrie beteiligt. «Die Föderation der Schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien (Fial) hat bei diesem Kompromiss entscheidend mitgeholfen», bekräftigt Raphael Wild. Chocosuisse habe dabei in engem Austausch mit der Fial gestanden. Demnach wird der verbesserte Grenzschutz auch von der Lebensmittel-Industrie mitgetragen.
Stabile Nachfrage nach Schweizer Zucker
Laut Raphael Wild ist die Nachfrage nach Schweizer Zucker im Moment stabil. «Das Schweizerkreuz für Schweizer Rohstoffe und damit Schweizer Arbeitsplätze scheint vielen Konsumenten etwas wert zu sein», schlussfolgert er. Das sind gute Nachrichten für die ungefähr 270'000 Tonnen Schweizer Zucker, die aktuellen Schätzungen zufolge in der Kampagne 2025/26 hergestellt werden.
