Das Ziel ist seit 2023 gesetzt: Im Vergleich zum Mittelwert der Jahre 2014–2016 sollen bis 2030 die Stickstoff- und Phosphorverluste um mindestens 15 Prozent bzw. 20 Prozent sinken. Der Bund hat mit der Streichung der 10-Prozent-Toleranz in der Suisse-Bilanz, Produktionssystembeiträgen für effizienten Stickstoffeinsatz und eine längere Nutzungsdauer für Kühe, der Förderung N-reduzierter Phasenfütterung für Schweine und der Mitteilungspflicht für Nährstofflieferungen (ab 2027) Massnahmen ergriffen.
Branche soll die Ziellücke schliessen
«Damit werden die Stickstoffverluste um 10,7 Prozent und die Phosphorverluste um 18,4 Prozent sinken», sagte Gabriele Schachermayer an der an der Nachaltigkeitstagung von Agroscope in Reckenholz ZH. Die verbleibende Ziellücke müssten Produzenten- und Branchenorganisationen durch eigene Massnahmen schliessen, fuhr die Vize-Direktorin des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) fort. «Dieses Engagement ist freiwillig und erfolgt ohne Abgeltung seitens Bund».
Laut Agroscope ist die vorgesehene Reduktion um 15 Prozent bzw. 20 Prozent bis 2030 erreichbar – und zwar unter Beibehaltung der heutigen Tierbestände und Erträge. «Die grossen Hebel liegen in der Reduktion der Futtermittelimporte und beim Mineraldünger», sagte Gabriele Schachermayr in ihrem Referat. «Mit jeder Verbesserung der Nährstoffeffizienz auf jedem einzelnen Betrieb wird der Bedarf an zugekauftem oder importiertem Dünger respektive Futtermitteln reduziert.»
P aus Mineralfutter entfernen, wo es überflüssig ist
Tiere brauchen Mineralstoffe. Für Agroscope-Forscher Patrick Schlegel stellt sich aber die Frage, ob man insbesondere Milchvieh nicht auch mit einem Mineralfutter ohne P ausreichend versorgen könnte. «Die wichtigste Phosphorquelle ist das Grasland», hielt Schlegel fest. Allerdings beeinflusst eine ganze Reihe von Faktoren – vom Entwicklungsstadium der Pflanzen über die botanische Zusammensetzung, Wetter und Region bis zur Konservierung – die tatsächlichen Gehalte im Raufutter. Je nach Ration kann der P-Bedarf gedeckt sein, vor allem wenn sie auf Dürrfutter statt Silage basiert. «Es geht nicht darum, den P-Gehalt der Ration auf 100 Prozent zu reduzieren, um eine 100-prozentige Bedarfsdeckung zu erreichen», betonte Schlegel. «Es geht darum, Mineralphosphat aus dem Mineralfutter zu entfernen, wo es überflüssig ist.» Das Problem: Auf dem Schweizer Markt gibt es kein Mineralfutter ohne P.
Mögliche Gründe auf Seiten Nachfrage und Angebot
Patrick Schlegel hat sich sowohl bei Landwirten als auch Händlern nach den Gründen umgehört. Er fand Befürchtungen, dass die Tiere krank werden könnten – obwohl ein P-Mangel im Blut durch einen Ca-Mangel ausgelöst werden könne. Weiter hörte er die Sorge, dass ein Teufelskreis mit weniger nährstoffreichem Gras aufgrund von weniger P in der Gülle entstehen könnte. «Eine jährliche Analyse des Futters zeigt die Entwicklung des P-Gehalts», bemerkte der Agroscope-Forscher. Dem Handel auf der anderen Seite fehle die Nachfrage. Oder man befürchte, Kunden zu verlieren, sollte mit P-freiem Mineralfutter doch einmal ein Problem auftauchen.
«P0»-Mineralfutter im Paket anbieten
Patrick Schlegel sieht einen Ausweg: «Es wäre eine Investition, aber der Handel könnte ein Paket anbieten: Eine neue Produktreihe P0 plus Analysen und Beratung, z. B. einen Fütterungsplan.» Das wäre seiner Meinung nach ein mögliches Alleinstellungsmerkmal oder aber die Gelegenheit für eine koordinierte Zusammenarbeit – wie das beim Phasenfutter für Schweine funktioniert habe. «Eine effiziente und nachhaltige Mineralstoffversorgung erfordert Kenntnisse über den Mineralstoffgehalt des Futters, einen Fütterungsplan und eine kontrollierte Ergänzung», fasste Schlegel zusammen. Am besten würde man mit «P0-Produkten» bei sensibilisierten Tierhaltern, Rationen basierend auf hochwertigem Gras und Tieren mit nicht zu hohem P-Bedarf starten. Das umfasst Milchkühe mit weniger als 7500 kg, Mutterkühe und generell Weidefütterung.
Suisse-Bilanz und Absenkpfad kollidieren
Die Senkung des Rohprotein- und P-Gehalts im Schweinefutter scheint eine Erfolgsgeschichte zu sein. Wie Lukas Grüter, UFA, erklärte, kommen die Rezepturen zur Erfüllung der Suisse-Bilanz aber immer mehr ans Limit. Der Rohproteingehalt kann durch die Zugabe von Aminosäuren gesenkt werden. Weiter kommt hochverdaulicher Phosphor zum Einsatz. Beides stammt mehrheitlich aus Importen und gleichzeitig kommt die Verwendung von Nebenprodukten aus der Lebensmittelindustrie zu Futterzwecken unter Druck. «Das ist doppelt negativ für die Bilanzierung des Absenkpfads», so Grüter.
Ausserdem führe eine Unterversorgung mit essenziellen Aminosäuren zu einer schlechteren Futterverwertung, weshalb die Senkung von Protein- und Phosphorgehalt zu höheren Futterkosten führen kann. «Wir sind nahe an diesem Punkt», meinte der Fütterungsexperte. Sich immer am Limit zu bewegen, findet er aus zwei Gründen problematisch: Einerseits zeigen Rohwaren als Naturprodukte Schwankungen in den Gehalten und andererseits kommen andere Faktoren wie etwa das Management dazu.
Planen, anpassen und aus der Ernte lernen
Der zweite grosse Hebel auf dem Absenkpfad ist die Düngung. Um effizienter zu werden, plädiert Thomas Guillaume, Agroscope, für eine gute Planung. «Aber die beste Planung ist nur im Durchschnitt richtig und damit jedes Jahr falsch», sagt er. Durch Unterschiede im Humusgehalt einer Parzelle könne die erforderliche Düngermenge um bis zu 79 kg N pro Jahr schwanken. Es gilt also, die Planung jedes Jahr an die Wachstumsbedingungen des Bestands anzupassen, inklusive Wetter, Krankheiten oder Unkraut.
Für Guillaume gehört zur guten Düngung aber auch, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Haben Ertrag und Qualität gestimmt, gibt es noch übrige Nährstoffe im Boden, wie sieht die Nutzungseffizienz aus? Die Methode der korrigierten Normen zur Bemessung des Düngebedarf sei ein effektives Vorgehen, mit dem sich die Nährstoffnutzungseffizienz in Versuchen um über 60 Prozent steigern liess. «Sie wird in der Praxis heute noch zu wenig angewandt», findet Thomas Guillaume.
Die digitale Suisse-Bilanz 2.0
Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) arbeitet derzeit sowohl an der Digitalisierung der Suisse-Bilanz als auch an einer Verbesserung der Berechnungsmethoden. Neu sollen Verluste, die Immobilisierung von Stickstoff und die (Re)Mineralisierung über mehrere Jahre im Modell für den Stickstoffentzug berücksichtigt werden. Das verspricht eine bessere Abbildung betriebsspezifischer Gegebenheiten und die Abbildung von Ammoniakemissionen. «Die Suisse-Bilanz 2.0 generiert Mehrwerte, bedeutet aber im Mittel weder eine Verschärfung noch eine Entschärfung», so Ivo Strahm, BLW. Die Weiterentwicklung erfolge zusammen mit Vollzug und Praxis. Das Projekt läuft noch, bis Ende 2026 sollte man aber erste Bilanzen rechnen können. Möglich wäre, dass die neue Suisse-Bilanz in einem Anreizsystem ergebnisorientierter Direktzahlungen in der AP 30+ zum Einsatz kommt.