Kürzlich im Plantahof-Milchviehstall in Landquart: Eine Braunvieh-Kuh hat beim Gehen Anzeichen von Klauenfäule gezeigt. Jetzt steht sie im Klauenstand. Tier-Aromatherapeutin Simone Uhlmann reinigt die offenen Stellen und behandelt sie mit einem Klauenspray, den sie mit verschiedenen ätherischen Ölen gemischt hatte.

Der Duft nach Teebaumöl liegt in der Luft. Um die Kuh herum steht eine Gruppe von Bäuerinnen und Bauern. Sie schauen im Rahmen eines Kurses zu, um ihre Tiere zuhause im Stall selbst mit ätherischen Ölen (siehe unten) behandeln zu können.

Viele Tiere reagieren besonders empfindlich

«Beim Einsatz der Aromatherapie ist zu berücksichtigen, dass viele Tiere einen ausgeprägteren Geruchssinn haben als Menschen», sagt Simone Uhlmann. Zahlreiche Wirbeltiere – etwa Hunde, Katzen und auch Kühe – würden nicht nur über die Nase riechen, sondern auch über das Jacobsonsche Organ. Dieses liegt im Gaumen. Das heisst, sie reagieren besonders empfindlich auf Gerüche. Dazu kommt, dass verschiedene Tierarten aufgrund ihrer Physiologie unterschiedlich auf den Kontakt mit ätherischen Ölen reagieren. Beispiele dafür sind:

Katzen: Sie können gewisse (phenol- und terpenhaltige) Öle nicht verstoffwechseln, weil ihnen das entsprechende Leberenzym fehlt. Die Öle werden in der Folge in der Leber abgelagert. Sind Katzen über längere Zeit Pfefferminzöl ausgesetzt, können sie davon krank werden.

Kühe: Die ätherischen Öle gelangen zunächst in den Pansen, wo sie teilweise abgebaut werden, und kommen erst dann in Leberstoffwechsel. So wirken sie deutlich verzögerter als bei Hund oder Katze.

Schwere Tiere brauchen nicht unbedingt eine höhere Dosis

Gerade das Beispiel der Kuh zeigt, dass bei einem höheren Körpergewicht nicht automatisch auf eine höhere Dosis geschlossen werden kann. Bei einer Überdosierung mit ätherischen Ölen besteht laut Simone Uhlmann die Gefahr, dass Beschwerden verschlimmert werden, neue Symptome oder allergische Reaktionen hervorgerufen werden. 

Daher ist es wichtig, bei der Dosierung nach Tierart, Rasse (bei grossen Gewichtsunterschieden) und Alter zu unterscheiden. Oftmals benötigen junge und alte Tiere geringere Mengen.

Auf drei Arten anwendbar

Ätherische Öle gelangen immer über Haut bzw. Schleimhaut in den Körper. Grundsätzlich lassen sie sich auf drei Arten anwenden – meist verdünnt in einer Trägersubstanz:

Nase: Die Moleküle gelangen via Blut-Hirnschranke ins Nervensystem und somit ins Innerste des Organismus. Auch das Beduften eines Raumes ist somit eine sehr wirkungsvolle Anwendung, die nicht unterschätzt werden darf.

Haut: Die ätherischen Öle werden direkt auf die Haut aufgetragen.

Innerlich: Dabei gelangen die Moleküle via Mund- und Magenschleimhaut in den Organismus.

Vorsicht mit ätherischen Ölen von Zitrusfrüchten

«Es sollte immer diejenige Anwendung zum Einsatz kommen, die jeweils am wirksamsten ist», erklärt Simone Uhlmann. Kühe etwa reagierten häufig gut, wenn man die ätherischen Öle der Wirbelsäule entlang mit der Fingerspitze leicht einstreicht. Bei Pferden wähle sie oft den Kronrand am Huf oder die Ohreninnenseite, deren Haut fein und durchlässig ist.

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Als Trägersubstanz eignet sich beispielsweise fraktioniertes (flüssiges) Kokosöl. Sollen die ätherischen Öle direkt an der Hautoberfläche wirken, kommen Fettsalben zum Einsatz. Simone Uhlmann nutzt als Trägersubstanz auch gerne Johanniskrautöl, das entzündungshemmend und antibakteriell wirkt. Allerdings ist dieses Öl fotosensitiv. Daher ist zu vermeiden, dass die betreffenden Hautstellen direkt dem Sonnenlicht ausgesetzt sind. Dasselbe gilt für die ätherischen Öle von Zitrusfrüchten. Diese werden daher besser an der Innenseite des Ohres aufgetragen.

Öle daheim in aller Ruhe mischen

Die Therapeutin empfiehlt, nur ätherische Öle zu verwenden, die zu 100 Prozent rein sind und von einem Hersteller stammen, den man kennt. Bei der Aromatherapie kommen häufig Mischungen zum Einsatz. Dabei sind mehrere Öle miteinander kombinierbar, um eine gezielte Wirkung zu erreichen. Simone Uhlmann rät, die passenden Öle daheim in aller Ruhe zu mischen. «Dazu sind Pipettenfläschchen praktisch», bemerkte sie. «Mit diesen kann man tropfenweise dosieren.»[IMG 3]

«Heutzutage haben viele Leute ätherische Öle zuhause», so Simone Uhlmann. Häufig werde die Aromatherapie jedoch unterschätzt: Indem man die Öle falsch anwende, könne man grossen Schaden anrichten. Die Therapeutin erhält regelmässig Anrufe von Menschen, die wissen möchten, wie sie Hund, Katze, Huhn oder Kuh behandeln können. 

«Doch so einfach ist es nicht», hält Uhlmann fest. Zwar eigne sich die Aromatherapie für viele Haus- und Nutztiere, doch Für Diagnose und Therapie brauche sie zahlreiche Hintergrundinformationen. Auch seien die Grenzen der Therapie zu beachten: «Lebensbedrohliche Situationen erfordern immer einen Tierarzt», betont Uhlmann. Die Zusammenarbeit mit der Schulmedizin sei sehr wichtig. Nicht zuletzt deshalb, weil sie selbst weder über bildgebende Verfahren noch über ein Labor verfügt.

Die Prävention spielt eine grosse Rolle

Simone Uhlmann, die einen Hintergrund als Pflegefachfrau hat und sich zur Tier-Aromatherapeutin ausbilden liess, erhält immer häufiger Anfragen aus der Landwirtschaft. So geht sie inzwischen regelmässig auf Stallbesuche. Dabei behandelt sie Probleme wie Euterentzündungen, Klauenfäule, Abszesse, angelaufene Beine, Kälberdurchfall oder Trennungsschmerz bei Mutter und Kalb. Auch die Prävention spielt eine grosse Rolle: Mit ätherischen Ölen kann sie das Immunsystem der Tiere stärken und den Stoffwechsel ankicken. «Wenn man die Leber gezielt unterstützt, erhält man mehr Milch», so Uhlmann. Letztlich könne Aromatherapie den Einsatz von Antibiotika und die damit verbundenen Resistenzen reduzieren.

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Auch Murmeltiersalbe ist eine gute Trägersubstanz

Auf Landwirtschaftsbetrieben stosse sie als Aromatherapeutin zwar da und dort auf Skepsis, doch sei mancherorts noch viel altes Wissen über Pflanzen vorhanden, sagt die Bündnerin. Dabei schaue man gemeinsam, wie etwas Neues in die Routine hineingebracht werden könne. Sie erinnert sich an einen Landwirt, der seine Tiere schon seit jeher mit Murmeltiersalbe behandelt. Auch diese eigne sich gut als Trägersubstanz für ätherische Öle.

Wer selbst mit der Aromatherapie starten will, beginnt laut Uhlmann am besten mit einer kleinen Auswahl an Ölen sowie mit einfachen Anwendungen. Auch empfiehlt sie der Besuch eines Kurses. Wichtig zu wissen sei auch, dass es bei der Aromatherapie meistens nicht von heute auf morgen gehe. «Der Körper braucht Zeit zum Heilen», betont sie.

Weitere Informationen

Steckbrief Aromatherapie

Die Aromatherapie bezeichnet die Anwendung ätherischer Öle zur Linderung von Krankheiten und zur Steigerung des Wohlbefindens. Die Aromatherapie ist ein Zweig der Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) und wird der Komplementärmedizin zugeordnet – also als Ergänzung zur Schulmedizin und nicht als deren Alternative. Sie fokussiert auf einen ganzheitlichen Ansatz, indem sie nicht nur Symptome behandelt, sondern das Lebewesen als Ganzes miteinbezieht. Dabei beschäftigt sich die Aromatherapie mit pflanzlichen ätherischen Ölen. Diese kommen etwa in Blättern, Stielen, Harzen und Blüten vor und werden von den Pflanzen zur Verteidigung gegen Schädlinge oder als Lockruf für Insekten zur Bestäubung produziert.

Ätherische Öle enthalten bis zu 500 verschiedene chemische Verbindungen und sind oftmals hoch konzentriert. «Daher sind Sorgfalt in Umgang und Dosierung so wichtig», so Simone Uhlmann. Zudem ist zwischen Öl und Hydrolat zu unterschieden: Ätherische Öle sind fettliebend und über werden über den Leberstoffwechsel abgebaut. Hydrolate sind wasserlöslich und werden über die Niere abgebaut. Sie entstehen durch Wasserdampf-Destillation bei der Herstellung von ätherischen Ölen. 

Beispiele für die Anwendung im Stall

Drei ätherische Öle und ein Hydrolat, die häufig im Stall zum Einsatz kommen:

Basilikumöl: bestes Desinfektionsmittel. 1 Tropfen Basilikumöl direkt in eine Wunde geben, nachdem diese vorher ausgewaschen wurde. Basilikum wirkt zudem angstlösend.
Muskatellersalbeiöl: wirkt beruhigend, tröstend und hormonausgleichend. Muskatellersalbei wird für Kühe und Kälber bei Trennungsschmerz eingesetzt.
Teebaumöl: wirkt ebenfalls stark desinfizierend, darf jedoch nur verdünnt in einem Trägeröl angewendet werden. Es kommt z.B. bei Exzemen, Flechten, Hautpilzen oder Klauen- und Strahlenfäule zum Einsatz.
Lavendelhydrolat: Mit dem sanften und beruhigenden Hydrolat lassen sich z.B. Augen oder Wunden auswaschen.