«Bei Kühen sind Fruchtbarkeitsstörungen die Ursache für fast einen Viertel der Abgänge», sagte Heiner Bollwein am Strickhof-Milchtag. Laut dem Reproduktionsmediziner des Tierspitals Zürich sind Hochleistungskühe von einer eingeschränkten Fruchtbarkeit besonders betroffen. Dies, weil sie oftmals eine ausgeprägte negative Ernährungsbilanz aufweisen, wodurch sich der Eintritt des ersten Zyklus nach der Geburt verzögert.
Der Stoffwechsel läuft auf Hochtouren
«Bei gut genährten Kühen tritt der Eisprung meistens innerhalb der ersten 21 Tage ein», so Heiner Bollwein weiter. «Ein ausgeprägter negativer Energiezustand dagegen führt häufig dazu, dass der Eisprung ausbleibt, Eierstöcke in der Folge über längere Zeit inaktiv bleiben und sich teilweise auch Zysten bilden», so Bollwein weiter. In einer Studie an Holstein-Kühen wurde belegt: Kommt es in den ersten drei Wochen zu einem Eisprung, erfolgt die erste Besamung im Schnitt nach 68 Tagen. Falls nicht, dauert es durchschnittlich 95 Tage bis zur ersten Besamung – also vier Wochen länger. Im ersten Fall dauert die Serviceperiode rund 110 Tage, im zweiten 150 Tage.
«Je deutlicher die Brunstaktivität, desto höher ist der Besamungserfolg.»
Matthias Risch, Swissgenetics.
Auch auf die Brunstdauer nimmt die Milchleistung Einfluss. Der Unterschied ist deutlich, wie eine weitere Studie zeigt: Bei einer täglichen Milchleistung von 25 bis 30 kg beträgt die Brunstdauer fast 15 Stunden, bei einer Leistung von 55 kg dagegen nur knapp 3 Stunden. Bollwein erklärte den Zusammenhang: Je höher die Milchleistung, desto mehr läuft der Leberstoffwechsel auf Hochtouren. Dabei würden auch Geschlechtshormone abgebaut. «Daher weisen Hochleistungskühe häufig einen Östrogenmangel auf», sagte der Tierarzt. Auch das Schwangerschaftshormon Progesteron wird bei Hochleistungskühen vermehrt abgebaut. Dies hat negative Auswirkungen auf die Entwicklung der Frucht während der frühen Trächtigkeit.
Zu wenig Energie ist ein Risikofaktor für Erkrankungen
Wird den Kühen zwischen dem Tag 5 und dem Tag 18 nach der Besamung Progesteron verabreicht, steigt der Erstbesamungserfolg signifikant an. Dieser Effekt ist aber nur bei Kühen mit guter Körperkondition zu beobachten. Zudem: Die Fruchtbarkeit lässt sich steigern, indem man die Wartezeit freiwillig auf mindestens 120 Tage verlängert.
Heiner Bollwein ging ausserdem auf den Faktor Gesundheit ein: «Der Laktationsstart verursacht grundsätzlich einen metabolischen Stress», sagte er. Umso mehr bei Hochleistungskühen, die am Anfang der Laktation nicht genügend Energie aufnehmen. Der Energiemangel geht mit einer verminderten Immunreaktion und damit einem erhöhten Risiko für Produktionskrankheiten einher.
Eine ausgeprägte negative Energiebilanz sei ein zentraler Risikofaktor für Erkrankungen wie beispielsweise Ketose, Euterentzündung, Klauenprobleme und – wie bereits erwähnt – Fruchtbarkeitsstörungen. «Bei Kühen im Hochleistungsbereich treten solche Erkrankungen zwei- bis dreimal häufiger auf als bei Kühen mit geringerer Leistung», so der Referent.
In diesen Punkten lässt sich das Management verbessern
Wie lässt sich nun das Management optimieren? Für Heiner Bollwein gibt es vor allem eines: «Nach der Geburt ist die Futteraufnahme möglichst früh zu maximieren.» Er nannte weitere Faktoren:
Keine Überkonditionierung: Es ist darauf zu achten, dass Kühe in der Galtphase vor der Geburt nicht verfetten, da eine Überkonditionierung das Risiko von Schwer- und Totgeburten deutlich erhöht. Fette Kühe fressen ausserdem weniger nach der Geburt und magern daher schneller ab als Kühe, die in optimaler Körperkondition in die Laktation starten. Ein starker Verlust der Körperkondition hat besonders deutliche Konsequenzen auf die Gesundheit und Fruchtbarkeit der Kühe.
Schwergeburten verhindern: Dazu empfiehlt sich eine geeignete Abkalbebox sowie eine systematische Geburtsüberwachung. Ausserdem sollte durch eine entsprechende Fütterung während der Galtphase eine Hypokalcämie – und damit eine Wehenschwäche – vermieden werden.
Hohe TS-Aufnahme: Damit die Kühe nach der Geburt viel fressen, sollten sie unmittelbar nach dem Abkalben eine Energietränke erhalten. Wichtig sind auch die Raufutterqualität und die Rationsgestaltung. Ferner sollte den Kühen häufiger Futter zugeschoben werden, z. B. mithilfe von Robotern, um die Futteraufnahme zu steigern.
Gesundheit: Die Kühe sollten in den ersten zehn Tagen nach der Geburt intensiv überwacht werden, um gesundheitliche Probleme frühzeitig entdecken und behandeln zu können. Dabei ist besonders auf Körperhaltung und -temperatur, Pansenfüllung, Scheidenausfluss und Eutersekret zu achten.
Stoffwechsel: Der Stoffwechsel ist besonders in der letzten Woche vor und in den ersten zwei Wochen nach der Geburt zu überwachen: Und zwar durch Bestimmung der freien Fettsäuren, der Ketonkörper und des Fett-Eiweiss-Verhältnisses im Blut, im Urin bzw. in der Milch.
Die Beobachtung der Brunst ist zentral
«Eine steigende Milchleistung geht nicht zwingend mit einer sinkenden Fruchtbarkeit einher», sagte Matthias Risch von Swissgenetics. So sei die Non-Return-Rate in den letzten Jahren im Schnitt etwa gleich geblieben und nicht gesunken. Die Fruchtbarkeit ist laut Risch in erster Linie von der Fütterung und eben nicht von der Leistung abhängig. Es gibt allerdings viele Faktoren, die ebenfalls einen Einfluss auf die Trächtigkeitsrate haben.
Einer davon ist die Rastzeit: «Bei weniger als 60 Tagen stehen die Chancen für eine erneute Trächtigkeit schlechter.» Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist auch die Stärke der Brunst: «Je grösser der Aktivitätsanstieg während der Brunst, desto höher ist auch der Besamungserfolg.»
«Hochleistungskühe weisen häufig einen Östrogenmangel auf.»
Heiner Bollwein, Universitäres Tierspital Zürich.
10 bis 20 Stunden vor dem Eisprung ist ideal
Weiter ging Risch auf den Besamungszeitraum ein: 30 Stunden nach dem Beginn der Hauptbrunst erfolgt der Eisprung. Das Intervall 10 bis 20 Stunden davor gilt als optimal. «Will man diesen nicht verpassen, muss man die Hauptbrunst erkennen können, was gar nicht so einfach ist», sagte der Referent: Jedes Kopfauflegen und jeder Aufsprungversuch dauere lediglich ein paar Sekunden.
Der Duldungsreflex werde nur während 6 bis 11 Stunden gezeigt. Hinzu komme, dass viele Kühe gar keinen Duldungsreflex zeigten. Die Brunstbeobachtung ist daher zentral und kann heutzutage auf verschiedene Art und Weise gemacht werden. «Die Frage lautet also schon lange nicht mehr: Wie soll ich es machen? Sondern eher: Wann fange ich damit an?», so Risch.

