«Wir füttern primär nicht die Kuh, sondern die Mikroorganismen im Pansen»: Dieser Satz hat wohl jeder Landwirt in seiner Ausbildung schon gehört. Rund eine Billiarde Mikroorganismen leben im Pansen einer Kuh. «Das sind 26-mal mehr, als die USA Staatsschulden in US-Dollar hat», so Multiforsa-Regionalleiter Michael Leu an der Farm Academy in Triengen LU. Dazu gehören Bakterien (60-70 %), Protozoen (10 %) und Pilze.
Besonders wichtig für die Verwertung des Grundfutters sind die Cellulose-zersetzenden Bakterien. Sie bauen Fasern ab und bilden dabei vor allem Essig- und Buttersäure, die einen wesentlichen Einfluss auf den Milchfettgehalt haben. «Damit diese optimal arbeiten können, sind stabile Bedingungen im Pansen Grundvoraussetzung», erklärt Leu.
Ist der Pansen übersäuert, bringen die Mikroben nicht ihre volle Leistung
Kommt es zu Störungen im System, spricht man von Pansenfermentationsstörungen. Eine der häufigsten ist die subakute Pansenazidose, eine Übersäuerung des Pansens. «Das heisst, der Pansen läuft nicht optimal. Er ist ein bisschen zu sauer, und die Bakterien können nicht ihre optimale Leistung erbringen», erklärt Michael Leu. Besonders gefährdet seien Tiere in der Frühlaktation, die noch nicht so viel Grundfutter, im Verhältnis aber viel Kraftfutter fressen.
Die Folgen: Der Milchfettgehalt sinkt bis um ein Prozent, die Futteraufnahme sinkt, was wiederum eine verringerte Wiederkauaktivität zur Folge hat. «Kaut eine Kuh weniger wieder, produziert sie weniger Speichel, die wichtigste Puffersubstanz im Pansen», erklärt Leu. Es entsteht ein Teufelskreis.
Klauenprobleme als wichtiger Indikator
Langfristig folgen fütterungsbedingte Klauenprobleme wie Klauenrehe, Sohlengeschwüre, Doppelsohle oder Klauengeschwüre. «Klauenprobleme sind immer sehr langfristig, eine Pansenübersäuerung heute führt nicht morgen zu Klauenproblemen», so Leu. Je nach Klauenerkrankung dauere es ein halbes Jahr bis neun Monate, bis sich Probleme zeigen. «Darum sind Klauenerkrankungen langfristig ein wichtiger Indikator, aber nur weil man jetzt keine Klauenprobleme hat, heisst das nicht unbedingt, dass man die Fütterung aktuell im Griff hat», so Michael Leu.
Langes Raufutter hat nicht unbedingt eine bessere Strukturwirkung
Lange galt der Mythos, genügend Struktur in der Ration verhindere eine Pansenübersäuerung. «Das stimmte vielleicht, als die durchschnittliche Milchleistung noch bei 5000 oder 6000 Kilo Milch lag. Heute ist das per se aber sicher nicht mehr so», weiss Michael Leu.
Ein weiterer verbreiteter Irrtum betreffe die Länge des Raufutters. Auch kurzes Raufutter könne eine gute Strukturwirkung haben und werde häufig besser gefressen, da es weniger aus der Ration aussortiert werden könne. Das bestätigt eine Studie mit 5 cm und 2 cm langem Stroh, bei der Letzteres geringere pH-Schwankungen verursachte. «Solange man Raufutter in der Ration hat, kann es in der Praxis kaum zu kurz sein», so der Fachmann.
Zu hohe Zuckergehalte sogar in schlechten Jahren
Doch wenn nicht die Struktur das Hauptproblem ist – was dann? Laut Michael Leu liegt die Herausforderung viel mehr an zu hohen Zuckergehalten. Über Jahrzehnte habe man in der Schweiz die besten Gräsermischungen gezüchtet, allerdings mit hohen Zuckergehalten.
Ergebnisse der Dürrfutterenquête 2025 zeigen durchschnittliche Zuckergehalte im ersten Schnitt von 150g/kg TS, im zweiten und Folgeschnitt von 125g/kg TS. Empfohlen werden je nach Quelle allerdings gerade einmal 60 bis 75g/kg TS. Auch in einem schlechten Dürrfutterjahr liegen die Werte laut Leu deutlich darüber. «Rechnet man eine typische Ration auf einem Käsereimilchbetrieb, zusammen mit Heu, Emd und Getreideergänzung, kommt man schnell auf etwa 145 g Zucker pro Kilo Trockensubstanz», zeigt Leu auf.
Hitze belastet den Pansen zusätzlich
Mit steigenden Temperaturen werde der Pansen zunehmend auch durch Hitzestress belastet. Bereits ab 25°C geraten Kühe in mässigen Hitzestress. Um Wärme abzugeben, steigt die Atemfrequenz, was die Pufferkapazität im Pansen negativ beeinflusst.
Gleichzeitig senken die Tiere ihren Futterverzehr, besonders faserreiches Grundfutter wird gemieden, da durch desseb Verdauung besonders viel Wärme produziert wird. Dadurch kauen die Tiere weniger wieder und produzieren weniger Speichel. So entsteht ein weiterer Teufelskreis.
Puffersubstanzen alleine bringen keine Verbesserung
Verschiedene Puffersubstanzen wie Natriumbikarbonat, Magenesiumoxid, Calciumcarbonat oder Lebendhefen können den Pansen stabilisieren. «Wichtig ist eine Kombination verschiedener Substanzen, um möglichst über 24 Stunden eine stabile Pufferung zu erreichen», erklärt Michael Leu. Auch dies sei entscheidend. «Eine gewisse Menge Puffersubstanz kann nur eine bestimmte Menge Säure neutralisieren. Eine zu tiefe Dosierung zeigt daher meist kaum eine Wirkung», erklärt er. Analog zur Futterumstellung gelte auch hier der schrittweise Einsatz. Klar ist für den Agronomen aber auch: «Die Grundlagen müssen stimmen, erst dann erreicht man mit zusätzlichen Produkten eine Verbesserung.»


