Der Verwendungszweck von Treicheln, Schellen oder Kuhglocken ist vielfältig. Einerseits sind diese für das Lokalisieren des Viehs gerade auf Alpen unverzichtbar, andererseits orientieren sich Rinder-, Schaf- oder Ziegenherden auch selber vielfach am Glockenklang ihres Leittieres. Dazu wird einem imposanten Glockengeläut auch eine abschreckende Wirkung gegen Raubtiere zugeschrieben.

Ehrenpreise für Schwinger

Abo Leidenschaft seit Jugendjahren Eine unüberhörbare Sammlung: Familie Hensler besitzt 280 Glocken Wednesday, 17. December 2025 Doch neben all dem sind Treicheln und Glocken in der Schweiz auch ein Kulturgut. Sie gehören zu Alpfahrten, Viehschauen, aber auch traditionellen und regionalen Festen. Schellen und Glocken sind aber auch beliebte und teure Sammlerobjekte, auf vielen Höfen finden sich mehr Glocken als Vieh. Zudem gibt es eine grosse Sammler-Szene, welche zwar keine Tiere, aber Glocken im Wert von Tausenden von Franken besitzt. Imposante Glocken sind dazu auch beliebte Ehrenpreise für Schwinger, in den Souvenir-Shops von Tourismus-Destinationen werden die weniger grossen Kuhglocken-Modelle von Touristen nachgefragt. Auch um auf die eigenen Sympathien für eine Sportlerin oder Sportler oder gar auf sein eigenes politisches Anliegen aufmerksam zu machen, kommen Kuhglocken zum Einsatz.

Chlopfä, Plumpa oder Bissä

Nicht nur der Verwendungszweck von Glocken ist vielfältig: Auch die regionalen Bezeichnungen für eine Kuhglocke sind in der Schweiz sehr vielfältig: Trychle, Schellen, Chlopfä, Plumpa oder Bissä, diese Auflistung könnte noch lange weitergeführt werden. Einfacher ist es da im Hochdeutschen: Als Glocke gilt das aus flüssigem Metall gegossene Modell, als Schelle die geschmiedete Ausführung. Anders in der Schweiz, wo sich die Bezeichnung für die genau gleiche Art von Kuhglocken sogar in benachbarten Tälern unterscheiden kann.

Senntumsschellen

Dies bestätigt auch Wisi Bürgler aus Nesslau SG: «Als einfache Schelle bezeichnen wir die runden, geschmiedeten und kleineren Glocken, welche dem Vieh zum Weiden umgehängt werden. Sind diese hingegen von rechteckiger Form, heissen diese bei uns Chlopfä», so der Bergbauer aus dem oberen Toggenburg. «Die gegossenen runden Schellen heissen bei uns Glocken. Aber nur schon einige Kilometer Richtung Wattwil runter ändern diese Bezeichnungen teilweise bereits.» Ganz spezielle Glocken im Toggenburg sind gemäss Wisi Bürgler die drei klanglich aufeinander abgestimmten Senntumsschellen, auch «Gspiel» genannt. Diese würden den Kühen zum «Öberefahre» (Alpauffahrt) umgehängt. Gegen Ende einer Alpfahrt, würden dann die Sennen die drei Schellen übernehmen und diese zum Erklingen bringen. Traditionellerweise werde dazu gejodelt.

Geister von den Dörfern fernhalten

Glocken sind auch beim Silvesterchlausen im Appenzeller Hinterland wichtig. Dabei ziehen Gruppen mit Silvesterchläusen von Hof zu Hof, um ein gutes neues Jahr zu wünschen, zu tanzen und ein «Zäuerli» zu singen. Ein Teil der Silvesterkläuse tragen dabei eine oder zwei Schellen auf Brust und Rücken. Auch in anderen Regionen der Schweiz ziehen an kalten Wintertagen, ähnlich dem Silvesterchlausen, Männer und ganz vereinzelt auch Frauen mit Glocken um die Dörfer. In Gebieten wie beispielsweise der Innerschweiz oder im Haslital wird rund um die Neujahrstage mit Glocken versucht, die bösen Geister von den Dörfern fernzuhalten.[IMG 3]

Das Haslital ist bei den Kuhglocken stark von der Innerschweiz geprägt: «Bei uns im Haslital werden dem Vieh häufig Kuhglocken von zentralschweizer Treicheln-Herstellern wie Müsler, Zurfluh oder Mathis umgehängt», erklärt Landwirt Dres Anderegg aus Meiringen. Die kleineren geschmiedeten Treicheln würden bei ihnen dabei als Chlopfä, die grösseren als Treicheln bezeichnet.

Chamonix-Stahlschellen

Anders sieht das wiederum im Simmental aus. Da sind gemäss Samuel Bergmann aus dem Färmeltal die geschmiedeten, bauchigen bis herzförmigen Berner-Treicheln wie die Morier Treicheln oder die Bartenbach-Weidetreicheln weit verbreitet. Auch gegossene Glocken wie die berühmten und wertvollen Schopfer-Glocken würden für die Alpauffahrt genutzt. Aber auch die Region Simmental sei beim Glockengeläut von Nachbarsregionen beeinflusst worden. «Das Wallis ist nahe, darum finden sich bei uns beispielsweise auch Chamonix-Stahlschellen oder Varone-Treicheln», so Älpler Samuel Bergmann.

Auch im Obergoms sind die Chamonix-Treicheln noch weit verbreitet. «Diese sind teilweise sehr wertvoll und werden entsprechend teuer gehandelt», so René Imoberdorf aus Münster VS. Grosse Kuhglocken, welche für Alpabzüge verwendet werden, habe man im Goms lange Zeit gar nicht gekannt. «Teils organisierte die aus der Zentralschweiz stammende Hirtschaft von Alpen eigene Geläute, welche dann am Alpabzug den Kühen umgebunden wurden. Ähnlich verhalte es sich bei den Trychlen, die im Goms früher nur in runder Form zu finden waren. Die eckigen geschmiedeten innerschweizer Bissen fanden erst in der kürzeren Vergangenheit ins Wallis. Eine grosse Bedeutung haben Glocken natürlich auch bei den bekannten Eringer Kampfkühen, welche nicht nur um den Königinnen-Titel, sondern auch um die Siegerglocke kämpfen. Bei diesen verfügt der Lederriemen allerdings nicht über eine Schnalle, sondern wird verschraubt.»

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Schellen-Ursli Glocke

Nicht weniger bekannt als die Glocken der Eringer Kampfkühe ist eine grosse Kuhglocke aus dem Engadin. Dank dem Schellen-Ursli ist diese Glocke, oder besser gesagt Plumpa, fast in jedem Schweizer Kinderzimmer bekannt. Die Geschichte handelt vom Brauch des Chalandamarz, der alljährlich am 1. März stattfindet. Mit lautem Glockengeläut vertreiben die Engadiner Kinder in den verschiedenen Dörfern den Winter. Dasjenige Kind mit der grössten Kuhglocke darf jeweils den Umzug anführen.

In diesem romanisch sprechenden Teil der Schweiz sind auch die Bezeichnungen für Kuhglocken anders: «Die ganz grossen Glocken, wie sie der Schellen-Ursli hatte, nennen wir Plumpa», erklärt Bergbauer Fadri Riatsch aus Vnà. Eine geschmiedete Weidetreichel werde im Unterengadin als Taloc bezeichnet, die gegossenen Glocken für das Vieh hiessen Brunzina. «Das sind romanische Bezeichnungen, welche wir im Alltag verwenden. Gegenüber Touristen spreche ich ganz einfach von Schellen, egal welche Machart oder Grösse diese haben», so Fadri Riatsch.