Sie sehen aus wie kleine Kunstwerke, haben aber einen praktischen Nutzen: Handbesen aus Pfeifengras. Früher wurden damit fast in jedem Haushalt auf dem Land Asche aus dem Holzherd, Spinnweben aus der Zimmerecke oder Brösmeli vom Tisch gefegt. Hergestellt wurden sie in aller Regel von Frauen. Mit dem Aufkommen der Kunststoffbesen geriet die handgefertigten Besen jedoch in Vergessenheit, und mit ihnen die kunstvollen Flechttechniken.
Buch und Ausstellung
Nun sind die Handbesen wieder ein Thema. Flavia Brändle und Margrit Linder widmeten ihnen mit «Im Besengebiet» ein Buch und das Schweizer Strohmuseum in Wohlen AG bis zum 1. März 2026 eine Sonderausstellung. Denn die Geschichte des Handbesens geht über 3000 Jahre zurück, wie Funde in vielen Regionen der Welt bestätigen. In der Schweiz wissen derzeit allerdings nur noch einige wenige Frauen, wo solch ein Besen gefertigt wird. Eine von Ihnen ist die Toggenburger Altbäuerin Susanne Meyer.
Von der Grossmutter gelernt
«Ich habe als junges Mädchen meiner Grossmutter beim Halmbesenmachen zugeschaut und war fasziniert», erzählt Susanne Meyer. Als sie später heiratete, stellte sie fest, dass zum Landwirtschaftsbetrieb, den sie mit ihrem Mann übernommen hatte, auch Streuwiesen mit Besenhalmen gehörten. Susanne Meyer fertigte jedes Jahr einige Handbesen, die sie auf dem Herbstmarkt in Wattwil verkaufte.
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Wissen an die Tochter weitergegeben
Heute gibt es ihre Besen noch im Museumsladen im Ackerhus in Ebnat-Kappel. Die Freude am Besenmachen konnte sie zudem weitergeben. «Auch meine Tochter macht jedes Jahr einen Besen», erzählt Susanne Meyer weiter. «Wenn man Übung hat, dauert das eine halbe Stunde und so ein handgefertigter Halmbesen hält lange.
Etwas Schönes fertigen macht glücklich
Buchtipp
Flavia Brändle, Margrit Linder (Hrsg)
Im Besengebiet
Christoph Merian Verlag, 200 Seiten
Im Toggenburg, im Berner Oberland und in anderen Regionen der Schweiz binden Frauen Handbesen aus Pfeifengras. Ähnliche Besen findet man aber auch in Griechenland, Spanien, China, Indien, Ghana oder auf den Cook-Inseln. Die ältesten Exemplare stammen aus Ägypten und sind über 3000 Jahre alt. Das Buch erkundet überlieferte Herstellungstechniken gebundener Handbesen, globale Parallelen, die Bedeutung im Alltag und die ökologische Dimension, etwa den Bezug zu spezifischen Landschaften. Fachleute zeigen auf, welches Potenzial die Nutzung lokaler Materialien mit sich bringt und was wir von früheren Anwendungen lernen können.
Damit das Wissen um die Fertigung von Handbesen nicht ganz verloren geht, bieten Flavia Brändle und Margrit Linder entsprechende Workshops an. «Ich glaube, das Fertigen von Handbesen befriedigt verschiedene Aspekte, ganz unabhängig davon, ob wir die Handbesen brauchen oder nicht», sagt Margrit Linder zur Frage, warum die Workshops beliebt sind. Dazu gehöre das Ernten von Pflanzen, die man in der Umgebung findet, das Erleben in der Natur und dass man sich mit einem früheren Wissen verbinden. «Es erfüllt eine Sehnsucht nach Sinnstiftung.» Es sei zudem befriedigend, mit den Händen etwas Schönes zu erschaffen. «Das macht uns glücklich.» Manche der Teilnehmerinnen kämen aus bäuerlichen Familien oder seien selbst Bäuerinnen, deren Grossmütter noch Handbesen gefertigt hatten.
Im Berner Oberland entdeckt
Die Designerin und Dokumentarfilmerin sah solche Handbesen erstmals vor rund 30 Jahren in der Berner Oberländer Gemeinde Habkern, in der sie zuvor einige Zeit gelebt hatte: «Zuerst dachte ich, es sei ein asiatischer Gegenstand.» Denn sie hatte einige Jahre in Asien verbracht und dort viele ähnlich kunstvoll gefertigte Artefakte mit Gräsern, Bambus und anderen natürliche Materialien gesehen. «Dass es diese schönen Besen in der Schweiz gab, hat mich schon sehr erstaunt.»
Ein eigenes Handbesen-Label
Die Produktedesignerin Flavia Brändle hat mit «Ybriger» gleich ein Label für Handbesen gegründet. Sie war im Toggenburgermuseum auf einen solchen Besen gestossen und ebenso fasziniert wie Margrit Linder. Für die Ybriger-Handbesen wird eine traditionelle Bindetechnik aus der Region Ybrig verwendet. Das Material, Reiswurzeln oder genauer gesagt die Wurzeln der Pflanze Zacaton, stammt allerdings aus dem mexikanischen Hochland. «Die Reiswurzeln sind sehr hart und eignet sich hervorragend zum Schrubben im und mit Wasser», erklärt Flavia Brändle zum Material. «Hiesige Gräser sind dafür weniger geeignet, sondern mehr zum Wischen.» Die Reiswurzel-Bürsten seien robust und könnten mehrere Jahre genutzt werden.
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Hart im Nehmen
Besonders sorgsam müsse man mit den Bürsten nicht umgehen. «Sie können für alles benutzt werden und auch der Kontakt mit Abwaschmittel ist kein Problem», so Flavia Brändle. «Bewährt haben sie sich vor allem auch für mühsam zu entfernenden Schmutz wie Teigresten oder Fondue-Caquelons.»
Mehr Informationen
www.margritlinder.ch
www.ybriger.ch
www.schweizer-strohmuseum.ch
Wie man einen Handbesen fertigt
Der nächste Kurs rund ums Handbesen-Fertigen findet am 22. August 2026 in Habkern im Berner Oberland statt. Infos und Anmeldung bei Flavia Brändle: flavia.braendle(at)gmail.com