Wenn es Christian zu viel wird, läuft er davon. So ist es mit dem Chef abgemacht. Aber das komme eigentlich nicht vor, sagt Oskar Schärli. Der Meisterlandwirt mit seiner ruhigen, aufmerksamen Art lenkt das Geschehen frühzeitig in geordnete Bahnen. Der 24-jährige Christian ist auf dem Landwirtschaftsbetrieb von Oskar und Isabel Schärli angestellt. Aber auch umgekehrt, denn die Bauernfamilie erbringt Betreuungsleistungen gegenüber Christian, der eine IV-Rente bezieht. Er hat eine kognitive Beeinträchtigung. Hektik verträgt er nicht, er braucht Begleitung und klare Abläufe.[IMG 2]
Er ist selbst auch ein Bauernsohn
Christian ist selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen. Alle zwei Wochen fährt er für drei Tage nach Hause. In der übrigen Zeit hat er vollen Familienanschluss bei Schärlis – so viel er mag. Am Abend zieht er sich früh auf sein Zimmer zurück. «Sonst wird es mir zu viel», sagt er. Dafür steht er am Morgen immer pünktlich um 6 Uhr im Stall, manchmal sogar eine halbe Stunde zu früh. Während Oskar die Kühe melkt, mistet Christian und gibt Heu. Dann geht er in den Schweinestall und unterstützt Isabel oder den Lernenden. Auch am Abend geben die Tiere die Arbeitsroutine vor. Diese Regelmässigkeit hilft Christian.
Ein bisschen Verantwortung tut gut
Zuvor hatte der junge Mann das zehnte Schuljahr gemacht und drei Praktika in einer geschützten Werkstätte. «Da war ich wie eingesperrt», erzählt er. Auf dem Bauernhof gefällt es ihm, die Abwechslung, die Bewegung und die Arbeit mit Tieren tun ihm gut. Christian hat die praktische Ausbildung zum Hofmitarbeiter am Strickhof absolviert, deren Trägerschaft die Stiftung Landwirtschaft und Menschen mit Beeinträchtigung (LuB) ist. Er bezeichnet sich selbst als Knecht und meint das nicht abschätzig – er will einfach nicht zu viel Verantwortung. Ein bisschen tut aber gut, wissen Oskar und Isabel Schärli. Dank sorgfältigem Einarbeiten kann Christian im Stall etliche Arbeiten selbständig erledigen, auch Traktorfahren hat er gelernt. «Christian soll nicht nur der Handlanger sein», findet Oskar Schärli.
Betriebsspiegel Talbach 1
Isabel und Oskar Schärli
Ort: Hergiswil LU, 670 m ü.M., Bergzone I
LN: 24 ha, davon 1,5 ha offene Ackerfläche mit Weizen, Gerste und Mais
Tierhaltung: 22 Milchkühe (silofreie Milch für Emmentalerkäse); 18 Mutterschweine im Ferkelring
Arbeitskräfte: Betriebsleiterpaar, Christian, 1 Lernender, bei Bedarf Mitarbeit der erwachsenen Kinder. Isabel arbeitet Teilzeit im Catering.
Nach den eigenen Kindern wieder Kapazität
Familie Schärli bildet seit 25 Jahren Lernende in der Landwirtschaft aus. Der Anstoss, zusätzlich einen Menschen mit besonderen Bedürfnissen aufzunehmen, kam von Isabel. Sie strahlt eine bodenständige Ruhe aus und mag Gesellschaft. Als Köchin hatte sie in verschiedenen Institutionen gearbeitet und mit beeinträchtigen Menschen Kontakt gehabt. Als die eigenen vier Kinder allmählich ausflogen, wurden Raum und Zeit frei.
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Die administrativen Arbeiten werden übernommen
Die Familie arbeitet mit der Stiftung LuB zusammen, die Christian diese Stelle vermittelt hat. Viermal jährlich kommt eine LuB-Beraterin auf Betriebsbesuch und steht jederzeit bei Fragen und Problemen zur Verfügung. Die Organisation übernimmt administrative Arbeiten, bietet Weiterbildung, Vernetzung und Entlastungsangebote, damit die Bauernfamilie auch mal Pause hat.
Sohn Thomas hat Landwirt gelernt
Familie Schärli hat ihren eigenen Entlastungsdienst: Ihre erwachsenen vier Kinder helfen bei Bedarf auf dem elterlichen Betrieb mit. Der 28-jährige Sohn Thomas ist gelernter Landwirt, arbeitet derzeit noch auswärts, wohnt aber im Stöckli neben dem Hof. Er und Christian verstehen sich gut: «Wenn der Thomas hier ist, dann läuft etwas», freut sich Christian.
Stiftung LuB
Die Stiftung Landwirtschaft und Menschen mit einer Beeinträchtigung (LuB) ist in 16 Kantonen tätig und vermittelt Wohn-, Arbeits- und Ausbildungsplätzen für Menschen mit Beeinträchtigungen. Neben Dauerplatzierungen sind auch Ferienwochen und Kurzaufenthalte möglich.
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