«Beinahe hätte ich mich gar nicht für die Prüfungen angemeldet», sagt Tamara Bieri. Die Module der Bäuerinnenschule am Strickhof hatte sie bereits vor sechs Jahren abgeschlossen. Doch damals fehlte ihr ein passendes Thema für die Abschlussarbeit, und so verging die Zeit. Kurz vor Ende der Frist meldete sich Bieri doch noch für die Prüfungen an. Inzwischen hatte sie zudem ein praxisrelevantes Thema für ihre Arbeit gefunden. Sie ging darin der Frage nach einer neuen Silolösung für ihre Betriebszweiggemeinschaft nach.
Das Interesse an der Praxis
Auch die Prüfungen packte Tamara Bieri an – und sorgte für eine Sensation: Als eine von drei Schülerinnen konnte sie kürzlich in Lupfig AG den Fachausweis mit der Höchstnote 6,0 entgegennehmen. «Eine Besonderheit war zudem, dass ich bei der Fachausweisübergabe sowohl als Absolventin als auch als Lehrperson anwesend war», so Tamara Bieri. Seit elf Jahren ist sie Lehrerin der Grundbildung am Strickhof, wo sie unter anderem Betriebswirtschaftslehre unterrichtet. Das Fach lehrt sie seit 2021 auch an der Bäuerinnenschule.
«In meiner Kindheit und Jugend kam mir nicht in den Sinn, eine Lehre zur Landwirtin zu machen, obwohl der Beruf für mich das Normalste der Welt war», erinnert sich die 34-Jährige, die auf einem Milchviehbetrieb in Oberembrach ZH aufgewachsen ist. Sie war gut in der Schule und besuchte das Gymnasium in Winterthur. «Dann richtete sich mein Interesse immer mehr auf die Agronomie, und irgendwann war die Studienwahl entschieden», erzählt sie.
Sie überlegte sich ein Studium an der ETH und entschied sich schliesslich für die HAFL im bernischen Zollikofen, die ihren Schwerpunkt verstärkt auf die praktische Landwirtschaft legt. Nach dem Abschluss kam sie als Lehrerin und Bioberaterin an den Strickhof.
Von der Betriebszweiggemeinschaft profitieren beide Betriebe
Inzwischen hat sich Tamara Bieris Tätigkeitsbereich etwas verschoben: In der Beratung ist sie kaum mehr tätig, dafür wurde sie letztes Jahr zur stellvertretenden Spartenleiterin der Grundbildung Landwirtschaft befördert. «Es macht mir Spass, die jungen Berufsleute zu unterrichten und mein Wissen weiterzugeben», sagt Bieri zu ihrer Tätigkeit als Lehrerin.
Tamara Bieri fühlt sich nicht nur im Schulzimmer wohl, sondern auch im Kuhstall: Zu Hause führt sie einen Biomilchwirtschaftsbetrieb, den sie vor vier Jahren von den Eltern übernommen hat. «Der Wechsel lief ganz unkompliziert ab», stellt sie fest. Ihr Bruder mit einem Beruf ausserhalb der Landwirtschaft habe nicht den Wunsch gehabt, den Hof zu übernehmen. Und der Vater war bereit, fortan als Angestellter seiner Tochter auf dem Betrieb weiterzuarbeiten.
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Etwa zeitgleich mit der Übernahme ging Bieri mit einem Hof in der Umgebung eine Betriebszweiggemeinschaft ein. «Nachdem sich in Gesprächen herausgestellt hatte, dass beide Betriebe davon profitieren könnten», erläutert sie. Nun hält man gemeinsam rund 60 Milchkühe, vor allem die der Rassen Brown Swiss, Original Braunvieh und Swiss Fleckvieh. Die Tiere stammen ursprünglich von beiden Betrieben und bilden heute eine einzige Herde. «Wir behandeln jede einzelne so, als wäre sie die eigene, egal wer sie ursprünglich in die gemeinsame Herde eingebracht hat», sagt Tamara Bieri. Damit hätten sie die besten Erfahrungen gemacht. Die Kühe sind Tamara Bieris grosse Leidenschaft. «Wenn man regelmässig um sie herum ist, kennt man ihre Eigenheiten», stellt sie fest.
Die Arbeitseinsätze sind klar organisiert
Während sich der Milchviehstall mit dem gemeinsamen Melkroboter auf dem Partnerbetrieb befindet, werden die Galtkühe auf Bieris Hof gehalten. Die Familie hat den einstigen Anbindestall zu einem einfachen Laufstall umgebaut. «In der Betriebszweiggemeinschaft haben wir die Arbeitseinsätze in beiden Ställen klar organisiert», so die Zürcherin. So habe sie etwa ihre Einsätze im Milchviehstall auf den Stundenplan am Strickhof abstimmen können.
Obwohl sich ihr Betrieb auf 600 Metern über Meer aufgrund der Hanglage vor allem für die Viehhaltung eignet, betreibt Tamara Bieri im kleinen Rahmen auch Ackerbau: Für die Ostschweizer Saatgutproduzenten vermehrt sie Hafer, Weizen, Gerste und neu auch Triticale. Zudem ist die vielseitige Agronomin seit Jahren im Vorstand der Mitgliedsorganisation Bio Zürich & Schaffhausen. «Zuerst in der Funktion als Bioberaterin am Strickhof, heute als Produzentin», sagt sie.
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«Hauswirtschaft zum Beispiel gehört dazu»
«Zur Weiterbildung an der Bäuerinnenschule habe ich mich entschieden, weil diese meine landwirtschaftliche Ausbildung abrundet», meint Tamara Bieri. «Hauswirtschaft zum Beispiel gehört einfach dazu.» Mit dem Fachbereich sei sie schon früh in Berührung gekommen: Als Kind habe sie häufig der Mutter und der Grossmutter im Haushalt und bei der Verarbeitung von Lebensmitteln geholfen. Daher habe sie schon einiges an Wissen mitgenommen, das nun bestätigt und ergänzt wurde.
Profitiert habe sie etwa im Bereich Garten, beispielsweise indem der Lehrer vorgezeigt habe, wie man Rosen richtig schneidet. Die Zürcherin spricht ausserdem den sozialen Aspekt der Bäuerinnenschule an: «Ich habe auch den Austausch mit den anderen Bäuerinnen aus verschiedenen Regionen und Bereichen sehr geschätzt.»
Neben allen Aktivitäten rund um die Landwirtschaft geniesst Tamara Bieri auch ihre Freizeit: Sie fährt Ski, singt wöchentlich in einem Gospelchor, jasst gerne und liest Bücher.